Titel: Seelenlandschaften

Göhre, Frank Seelenlandschaften

Außenseiter und Chronisten ihrer Zeit, Autoren mit klarem Blick auf gesellschaftliche Zu- und Missstände. Frank Göhre berichtet von ihrem Schreiben und Tun. Eine Annäherung an Friedrich Glauser führt weiter zu den Autoren, die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts den deut­schen Kriminalroman neu etablierten.
Weitere Statio­nen sind Miami, Los Angeles und Arizona – die Seelenland­schaften der Protagonisten in den Romanen von Charles Willeford, Edward Bunker und Tony Hillerman.

Autor: Göhre, Frank
Titel: Seelenlandschaften
Jahr: 2009-07
Seiten: 221 | Taschenbuch
Verlag: Pendragon
ISBN: 978-3-86532-146-6
Preis: 9.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Anno 1986 bedarf es keiner unmäßigen rhetorischen Anstrengungen, um die eine Hälfte von George Bernard Shaws Diktum zu widerlegen, die Deutschen hätten zu zweierlei kein Talent: für die Revolution und für den Kriminalroman. Die deutschen Revolutionen zwar sind alle gescheitert. Aber der Kriminalroman hat in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren, nicht nur im Quantitativen, eine erstaunliche Blüte erlebt."
(Jochen Schmidt: Göttliche Gerechtigkeit: Der deutsche Kriminalroman und seine Historie. Zitiert aus: Ders.: Gangster. Opfer. Detektive. Eine Typengeschichte des Kriminalromans. Ullstein Verlag: Frankfurt a.M./Berlin 1989. S. 551.)

Diese denkwürdige literaturgeschichtliche Ansicht aus den späten 80er Jahren hat zwei Jahrzehnte später völlig seine Gültigkeit verloren. Die Deutschen haben zwischenzeitlich Revolution gemacht, und die deutschsprachige Kriminalliteratur hat sich endgültig von internationalen Vorbildern aus Frankreich, Großbritannien und den USA emanzipiert.
Deutlich hervorzuheben, welche deutschsprachigen Autoren sich damals im aufblühenden Massenkrimimarkt u.a. darum bemüht haben, das Feld für gute und hochwertige Kriminalliteratur zu schaffen, dies mag jedoch ein Verdienst von Frank Göhres Textsammlung "Seelenlandschaften" sein.
In 15 Beiträgen stellt er so beispielsweise die heute beinahe vergessenen deutschsprachigen Autoren Hans Herbst, Hansjörg Martin, Helga Riedel, Peter Schmidt und Friedhelm Werremeier vor. Allein Irene Rodrian ist aus der Phalanx der deutschen Krimiautoren der 60er, 70er und 80er Jahre mit relevanten Neuveröffentlichungen übriggeblieben.
Ein kleiner, im Kontext etwas seltsamer Schwenker auf die internationale Krimiszene gibt dann vor allem über die persönlichen Vorlieben Göhres Auskunft: So widmet er jeweils Charles Willeford, Ed Sanders, Edward Bunker und Tony Hillerman einen Beitrag. Für ihn sind all die Genannten jene "Außenseiter und Chronisten ihrer Zeit", die mit ihrem klaren Blick und mit den Mitteln des Kriminalromans gesellschaftliche Missstände zur Sprache gebracht haben, was sich danach darüber hinaus für das Genre selbst als sehr innovativ erwiesen hat.
Als kritischer Leser mag man in einer solchen Zusammenstellung der Autoren durchaus unwillkürlich all die vielen Autoren herauslesen, die hier zur Einordnung und Zuordnung fehlen und nicht im Besonderen erwähnt werden. Autoren wie Detlef Blettenberg, Jörg Fauser und Ulf Miehe sind Göhre dabei in seinen "Seelenlandschaften" gerade noch eine Randnotiz wert. Doch man sollte das Buch auch keinesfalls als Überblickswerk zur deutschen Kriminalliteratur verstehen. Es bietet nur Schlaglichter und Perspektiven, die von ihrer Natur her zudem sehr persönlich geraten sind. Denn die Texte sind ausnahmslos alle schon bei früherer Gelegenheit als Nachworte zu Neueditionen der Autoren, in Zeitungsbeiträgen oder in Krimijahrbüchern erschienen.
Das macht die Zusammenstellung und neuerliche Einordnung der Texte jedoch aus einem ganz anderen Aspekt heraus interessant, denn daraus wird eines klar: Hier wird eindeutig der Versuch zu Traditionspflege betrieben. Das ist jedoch nur mit Einschränkungen gelungen, weil es wie gesagt an den entsprechenden Ein- und Zuordnungen fehlt. (Ich habe in den 80er Jahren Autoren wie Patricia Highsmith, Friedrich Dürrenmatt oder Frederick Forsyth gelesen. Welchen Grund hätte ich damals wie heute haben sollen, auf Herbst, Martin und Schmidt umzusteigen?)

Trotz vieler durchaus ehrenwerten Versuche mit Krimieditionen wie die "Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands", die "Criminalbibliothek 1850-1933" bei der Edition Köln oder auch einzelne Versuche bei Pendragon in Bielefeld: Nach einstmals so bekannten und verkaufsträchtigen Autoren wie Peter Schmidt, Michael Molsner oder Helga Riedel kräht heute leider kein Hahn mehr. Und das wird sich wohl auch kaum mehr ändern. Vor allem nicht durch die zuletzt konzeptionell so sehr unausgegorenen Wiederveröffentlichungen. (So stehen z.B. selbst die alten Rowohlt-Ausgaben der Autoren wie Blei in unseren antiquarischen Regalen und bevölkern die 50-Cent-Kiste ohne nennenswerten Bevölkerungsabfluss.) - Vielleicht kann ja schon vor solch einem Hintergrund Göhres gebündelter Versuch zur Ehrenrettung solcher Autoren nicht wirklich zünden.

Fazit: "Seelenlandschaften" wirkt auf mich – wie vielleicht auch schon der Titel andeuten will – als ein sehr persönliches Buch. Es ist die Reminiszenz eines anerkannt guten Krimiautoren auf sein Genre, sein eigenes Lebenswerk und auf seine jahrelangen Begleiter. Und das kann man trotz aller Einwände ja einfach auch so stehen lassen.

"Seelenlandschaften" taugt dagegen keinesfalls als Überblick bzw. Einordnung zur deutschen Kriminalliteratur und ist für viele "Sekundärleser" deshalb nur von bescheidenem Lektüre- und Erkenntniswert. Hier wartet man nun ohnehin schon länger mit Spannung auf die völlig überarbeitete Neuausgabe von Jochen Schmidts literaturhistorischem Klassiker "Gangster. Opfer. Detektive", der im Oktober 2009 bei KBV erscheinen wird.

[ hs/21.07.2009 ]
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