Titel: Das Recht auf Rückkehr

Winter, Leon de

Das Recht auf Rückkehr

Originaltitel: "Het recht op terugkeer" (De Bezige Bij: Amsterdam 2008)
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

Als der vierjährige Bennie spurlos verschwindet, denkt sein Vater, Bram Mannheim, erst an einen Unfall, dann an ein Verbrechen. Dass das Verschwinden des Jungen mit Weltpolitik zu tun haben könnte, entdeckt er erst sechzehn Jahre später. Und er tut alles, um seinen Sohn wiederzubekommen.

"Hammett"-Krimi des Monats September 2009

Autor: Winter, Leon de
Titel: Das Recht auf Rückkehr
Jahr: 2009-09
Seiten: 552 | Hardcover
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06733-0
Preis: 22.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Bei diesem Buch weiß man gar nicht, wo man in seiner Beurteilung gedanklich beginnen und wo man aufhören soll. Das liegt zu einem guten Teil auch daran, wie geschickt Leon de Winter hier sein erzählerisches Anliegen in einem mitreißenden Roman verpackt und wie er anspielungsreich zwischen der Zukunft, Vergangenheit und "dem Jetzt" wandert. Was der Zeitenwanderer de Winter hier vorlegt, ist ein wirklich starkes Stück kritischer und lesenswerter Gegenwarts- und Kriminalliteratur:

Die Handlung des Romans setzt in der Zukunft ein, nämlich im Israel des Jahres 2024: Die Zwei-Staaten-Lösung wurde schon vor einiger Zeit in die Tat umgesetzt. Der Judenstaat ist zu einem Splittergebilde und einem verschwindend schmalen Landstreifen am Mittelmeer geschrumpft. Am abgrundtiefen und unversöhnlichen Hass zwischen Israelis und Arabern hat sich unterdessen kaum etwas geändert. Die israelische Gesellschaft ist vollkommen zerrissen, lebt nach wie vor unter der ständigen Bedrohung von außen und blutet langsam aus, weil die Israelis einerseits kaum noch Kinder in die Welt setzen und andererseits immer mehr Menschen es vorziehen auszuwandern - z.B. in das reiche Russland, das die Juden zu dieser Zeit mangels qualifizierter Arbeitskräfte herzlich willkommen heißt.
In dieser chaotischen Zukunftsgesellschaft lebt in Tel Aviv zusammen mit seinem alterskranken Vater der Privatdetektiv und ehrenamtliche Rettungssanitäter Bram Mannheim, ein Mann mit tragischer Vergangenheit. Zwanzig Jahre zuvor war er noch ein völlig Anderer gewesen und hatte dem Pulverfass Nahost bereits einmal den Rücken gekehrt. Damals war er als junger, hoffnungsvoller Professor, dessen Zukunft sich als Historiker sehr vielversprechend ausnahm, mit seiner Familie in die USA ausgewandert ... - Bis dann eines Tages sein kleiner Sohn Bennie spurlos verschwand und danach nie wieder auftauchte. Mit diesem ungeheuren Vorfall war Brams Existenz buchstäblich von einem auf den anderen Tag in Frage gestellt. Die Umstände von Bennies Verschwinden zerstörten seine glückliche Ehe mit seiner Frau Rachel und führten ihn buchstäblich an den Rand des Wahnsinns.

In der Gegenwart (respektive Zukunft) arbeitet Bram als eine Art Privatdetektiv für Vermisstenfälle, der Eltern dabei hilft, ihre verschwundenen Kinder aufzuspüren. Denn ein seltsam perverser Kinderhandel stellt sich als ein weiteres Problem der israelischen Gesellschaft des Jahres 2024 dar:

"Die palästinensischen Araber hatten die Juden mit ihren Gebärmüttern besiegt. Die mächtigen Waffen der Juden waren machtlos gegen die palästinensischen Spermien, die sich fruchtbarer Eizellen bemächtigten. Auch die Eizellen kleiner Jüdinnen konnten Muslime hervorbringen – hin und wieder verschwand ein Mädchen im Meer, hin und wieder wurde auch eines von einer Frau mitgenommen, die von der Natur ausgeschlossen worden war, aber die meisten Mädchen landeten `drüben´, mittels Juden, die der Elektronik und den Sicherheitsmauern der Grenzüberwachung ein Schnippchen schlagen konnten, die Schmuggelrouten kannten und sich damit einen Bonus einheimsten."
(Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr, S. 325)

Ob er mit seinem Job nun seine eigene Vergangenheit verarbeiten will oder nicht: Bram wird sie nicht los. Allein seine beiden Jobs und die Pflege seines dementen Vaters Hartog, einst ein genialer Mediziner und Nobelpreisträger, halten ihn am Leben. Dann lernt Bram an einem seiner desillusionierten Abende die geheimnisvolle Prostituierte Eva und ihre verschiedenen Seiten kennen. Ist sie denn wirklich eine Prostituierte? Und was hat sie mit dem Fall Batja Lapinski zu tun, die vor vielen Jahren ebenfalls ihr Kind verloren hat, ein kleines Mädchen namens Sara, das von einem Augenblick auf den anderen spurlos verschwand?

Währendessen wird das Land wie schon in vielen vorangegangenen Jahren durch eine neue Welle von Selbstmordanschlägen erschüttert. Bei einem dieser Anschläge ist Bram als Sanitäter vor Ort. Später lassen ihn ein paar Details an dem Attentat stutzig werden. Schließlich entdeckt er eher durch Zufall, dass es mit diesen Anschlägen mehr auf sich hat, als der Welt lieb sein kann.
Das bringt ihn schließlich auch zu einem Treffen mit einem Freund aus früheren Tagen, dem hochrangigen Politiker und Geheimdienstmann Jitzchak Balin. Balin führt ihm deutlich vor Augen, dass er wegen der Ereignisse sein ganzes Leben buchstäblich überdenken muss. Doch die Ungeheuerlichkeit und der konsequente Wahnsinn der geheimen Verschwörung führen Bram direkt in das Herz der Finsternis seiner eigenen Vergangenheit und der brutalen Gegenwart.

Leon de Winter hat sich bereits als meisterhafter Erzähler einen Namen gemacht. Nun legt er in seinem Roman "Das Recht auf Rückkehr" eine zutiefst verstörende Geschichte vor, mit welcher er buchstäblich über sich hinauswächst. War zum Beispiel in "Sokolows Universum" der Erzählton noch der schicksalhafte Blues eines Entwurzelten, erschien "Hoffmanns Hunger" wie der sarkastische Blick auf die Verheißungen einer Zeitenwende, so eröffnet sich in "Recht auf Rückkehr" eine Weltsicht von bedrückender Aktualität. Leon de Winter gewährt uns mit diesem Blick in die Zukunft eine teilfiktive Vorausschau, die in ihrer bitteren Ironie nur im Rückblick zu verstehen ist.

Drehen Sie sich um Herr Lot!, möchte man da meinen. Denn ein entscheidender Kern von Leon de Winters Erzählung scheint in diesem Roman die Schilderung des religiösen und ideologischen Wahnsinns unserer Zeit, der sich auf einem kleinen, kranken Fleckchen Erde im Nahen Osten praktisch täglich mit verheerenden Folgen entzünden kann. Und sein Held Bram "Avi" Mannheim blickt mitten hinein in diese brennende Wunde unserer Zeit.

"Avi, du bist Professor gewesen, ein Gelehrter."
Bram nickte. "Ich habe viel gelesen, aber nichts gelernt, Jo"
"Was sollen wir mit der Bande machen?"
"Welcher?", fragte Bram. Er nahm das Feuerzeug von Jo an und sog den Rauch in seine Lunge.
"Den Unverbesserlichen. Den Rauschebärten."
"Welchen Rauschebärten?"
"Ihren und unseren."
Bram schüttelte den Kopf. "Weiteratmen, Jo."
"Man sollte sie vergiften. In Jerusalem und in Mekka", sagte Jo. "Und danach alles plattmachen. Den Tempelberg und diesen Steinhaufen in Mekka. Einkaufszentrum draufsetzen. Vollklimatisiert. Schöne Geschäfte. `Victoria’s Secret´. `Starbucks´. Was meinst du?"
Bram nickte. "Hat was für sich. Aber da wird es einige geben, die was dagegen haben."
(Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr, S. 348)

In dieser Barszene, in der Bram mit dem Barmann und Besitzer Jo über die Welt philosophiert, kommt deutlich zum Ausdruck, wie die Hoffnungslosigkeit und der Weltverdruss der Menschen ihre eigene Macht entfalten kann. Wenn Politik und Gesellschaft zu keinen Antworten und Lösungen mehr bereit und fähig sind, dann kann die Erkenntnis der eigenen und der Schuldhaftigkeit der Welt die Menschen letztlich zum Äußersten treiben. In solch sarkastischen bis beinahe zynischen Passagen wird der trockene Humor de Winters überdeutlich. Doch hinter seiner weit gefächerten Ironie und Lakonie tritt noch anderes zutage:

Es sind einige ernstzunehmende Botschaften, die Leon de Winter in seinen Roman hineingelegt hat. Eine davon mag sein, dass die israelische Gesellschaft in ihrem jetzigen Zustand nicht auf Dauer Bestand haben wird und dabei durchaus schon bald innerlich zerbrechen kann. Eine andere Botschaft ist der Protest gegen eine Geisteshaltung, die bereit ist, dieses jüdisch-arabische Leiden weiter anzuschauen und sich die tyrannischen Anmaßungen religiöser und rassistischer Politik fortwährend gefallen zu lassen. Was kann gut sein an einem Staat, der sich auf die ewige Feindschaft mit seinen Nachbarländern und in einer Wagenburgmentalität eingerichtet hat? Was kann gut sein an einer Politik, die ihre Kinder mit Sprengstoffgürteln unter die Menschen schickt, um wahllos Menschen abzuschlachten?

Leon de Winter ist ein radikaler Humanist. Man muss gewiss nicht alle seine Ansichten teilen, aber er trifft mit seinen Geschichten doch immer wieder zielgenau den wunden Punkt einer Gesellschaft und ihrer inneren Verfasstheit. Nun kann man den niederländischen Schriftsteller nicht unbedingt als Kriminalautor bezeichnen, doch wie schon in seinen früheren Romanen beweist er ein sehr feines Gespür, welche erzählerischen Mittel in der Genreliteratur stecken. So umweht "Das Recht auf Rückkehr" neben den Aspekten eines genauso kritischen wie schrägen Gesellschaftsromans überdies mehr als nur ein Hauch der Detektivgeschichte und des Politthrillers.
"Das Recht auf Rückkehr" ist ein Roman, der einen noch lange nach der Lektüre zu beschäftigen vermag. Das Buch wird deshalb auch bei mir noch lange in Sichtweite liegen. Nicht unbedingt, um darin noch einmal zu lesen, sondern um mich an den "Geist" seiner Erzählung zu erinnern.

Fazit: Wahrhaft eindrucksvoll und meisterhaft!

[ hs/21.08.2009 ]
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