Titel: Kein Land für alte Männer

McCarthy, Cormac Kein Land für alte Männer

Originaltitel: "No Country For Old Men" (Alfred A. Knopf: New York 2005)
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl

Bei einem morgendlichen Ausflug in die texanische Wüste findet Hobbyjäger Llewellyn Moss eine gespenstische Szene vor: mehrere Leichen, Heroin und am Ende einer Blutspur einen Koffer mit 2,4 Millionen Dollar. Er behält das Geld und gerät so selbst ins Visier des eiskalten Killers Chigurh. Doch genau wie der alte Sheriff Bells ist Moss dieser Form von Gewalt und Grauen nicht gewachsen.

Autor: McCarthy, Cormac
Titel: Kein Land für alte Männer
Jahr: 2009-10
Seiten: 288 | Taschenbuch
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-24288-5
Preis: 8.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Deputy Wendell: Der andere hat keine Kanone gehabt?
Sheriff Bell: Vielleicht hat sie ihm ein Killer abgenommen. Vielleicht hat er aber auch keine gehabt.
Deputy Wendell: Blöd, ohne Kanone in `ne Schießerei zu geraten.
Sheriff Bell: Allerdings." *
(Cormac McCarthy: Kein Land für alte Männer, S. 69)

Eines macht Cormac McCarthy in seinem Roman "Kein Land für alte Männer" gleich von Beginn an kompromisslos klar: Hier geht es um Gewalt, um den Tod und um das Sterben:

Der Hobbyjäger Llewellyn Moss streift oft nach harter Arbeit und kurzen Schlaf früh morgens durch die texanische Wüste, um sich in freier Natur auf andere Gedanken zu bringen und zu entspannen. An einem dieser Morgen wendet sich seine Jagdleidenschaft allerdings in ihr Gegenteil, denn er findet in der weiten Landschaft der Wüste ein seltsames Arrangement von Blut und Gewalt vor: Mehrere Leichen und durchlöcherte Fahrzeuge deuten auf ein Massaker hin, dass sich wohl erst einige Stunden zuvor in der Nacht zugetragen hat. Verfeindete mexikanische Drogendealer haben sich hier im Grenzgebiet offenbar einen erbitterten Kampf abgeliefert. Llewellyn schaut sich das Ganze zunächst nur an und ist klug genug, sich danach gleich aus dem Staub zu machen.
Doch kurze Zeit später kehrt er fatalerweise zum Tatort zurück. Die Verführung ist zu groß, und ihm ist klar geworden, dass es hier um viel Geld gegangen sein muss und dass das Geld oder die Drogen womöglich noch vor Ort sind. Und Llewellyn wäre gegenüber solchem Geld in rauen Mengen durchaus nicht abgeneigt, doch mit seiner aufkommenden Gier begeht er den Fehler seines Lebens, denn der leidenschaftliche Jäger wird nun bald zum gnadenlos Gejagten.
Inzwischen ist nämlich der genauso erbarmungslose wie durchgeknallte Killer Chigurh unterwegs, um für seine Auftraggeber das im Niemandsland verbliebene Geld zu retten. Chigurh ist kein gewöhnlicher Auftragsmörder. Er empfindet den Tod als eine genauso gerechte wie schicksalhafte Mission. So setzt er sich persönlich wie ein ganze Horde von Bluthunden auf die Spur von Llewellyn, der schon bald merkt, dass er es bei seinem unbekannten Gegner mit einem ganz und gar abseitigen, dabei wild entschlossenen, wenn nicht gar teuflischen Feind zu tun bekommen hat.
Chigurh ist unterdessen so sehr von seiner Mission erfüllt, dass dies auch bald seine geheimnisvollen Auftraggeber zu spüren bekommen, denen der `Psychopath´ durch seine Gewaltexzesse schnell mehr Ärger als Freude bereitet. Sie hetzen dem Profikiller unvorsichtigerweise einen anderen Profikiller auf den Hals, damit das Ärgernis umgehend beseitigt wird. Doch sie rechnen nicht mit der Scharfsinnigkeit ihres todbringenden Angestellten:

"Chigurh: Darf ich Sie etwas fragen?
Wells: Klar.
Chigurh: Mit diesem Fahrstuhl käme ich nicht noch mal rauf, oder?
Wells: Nicht in dieses Stockwerk. Wieso?
Chigurh: Hat mich nur interessiert. Sicherheit. Immer interessant.
Wells: Er kodiert sich nach jeder Fahrt neu. Eine zufallsgenerierte, fünfstellige Zahl, die nirgendwo erscheint. Ich wähle eine Nummer und bekomme den Code per Telefon. Den nenne ich Ihnen, und Sie geben ihn ein. Beantwortet das Ihre Frage?
Chigurh: Schön.
Wells: Ja.
Chigurh: Ich hab die Stockwerke von der Straße aus gezählt.
Wells: Und?
Chigurh: Es fehlt eins.
Wells: Da muss ich mich wohl mal darum kümmern." *
(Cormac McCarthy: Kein Land für alte Männer, S. 130)

Die beinahe surreale Blutspur, die Chigurh hinterlässt, durchzieht bald das ganze Land. Dennoch schafft es Llewellyn lange Zeit mit knapper Müh und Not, sich den durchgeknallten Killer vom Leib zu halten. Währenddessen ist die Polizei ob all der Gewalt noch ratlos, vor allem der alte Sheriff Bells, der zuerst auf den Schauplatz des Massakers in der Wüste stößt und kurz danach zwei tote Kollegen (weitere Opfer Chigurhs) zu verkraften hat. Der alte Mann hat schon vieles in seinem Leben durchgemacht, aber so etwas hat er noch nie erlebt.

In mehrfach eingestreuten und fortgesetzten Monologen macht Sheriff Bell sich bei allem seine Gedanken um den Zustand seiner Gesellschaft und der Welt:

"... Vor einer Weile hab ich in der Zeitung gelesen, ein paar Lehrer wären auf eine Umfrage gestoßen, die damals in den Dreißigern an einer Reihe von Schulen im ganzen Land durchgeführt worden ist. Da gab’s einen Fragebogen darüber, was die Probleme beim Schulunterricht sind. Und die haben die Fragebogen gefunden, die überall im Land ausgefüllt und zurückgeschickt worden waren. Und die größten Probleme, die da genannt worden sind, waren so Sachen wie Reden im Unterricht und Rennen auf den Fluren. Kaugummikauen. Abschreiben. Solche Sachen. Dann haben sie einen von diesen Fragebogen genommen, der nicht ausgefüllt war, haben ihn ein paar Mal kopiert und an dieselben Schulen geschickt. Vierzig Jahre später. Tja, und dann sind die Antworten zurückgekommen. Vergewaltigung, Brandstiftung, Mord. Drogen. Selbstmord. Da macht man sich schon seine Gedanken. Weil ich nämlich oft, wenn ich davon rede, dass die Welt zum Teufel geht, einfach nur angelächelt wird und zu hören krieg, dass ich alt werde. Dass das eins von den Anzeichen dafür wär. Aber meiner Meinung nach hat jeder, der den Unterschied zwischen Vergewaltigung und Mord und Kaugummikauen nicht kennt, ein viel größeres Problem als ich ..."
(Cormac McCarthy: Kein Land für alte Männer, S. 179 f.)

Während seinen Ermittlungen kommt der alte Sheriff dem Killer auf Grund seiner Hartnäckigkeit immer näher, wobei er zudem schon bald herausfindet, wem dessen blutgetränkte Jagd gilt. Gleichzeitig liegt Chigurh seinem Wild immer heftiger im Nacken, und das heißt: Llewellyn Moss muss damit rechnen, seinem Tod bald in die Augen zu schauen. Denn es ist eine Jagd im Gange, die einfach tödlich enden muss. - `Er oder ich ... ´

"Kein Land für alte Männer" ist ein außergewöhnlich erzähltes Stück Literatur, wenn nicht gar große Kriminalliteratur. Cormac McCarthy war mir dabei persönlich bisher nur von seinem genauso spröden wie gewalttätigen wie apokalyptischen Meisterwerk "The Road" bekannt. Der vorliegende Roman ist dagegen ein (Kriminal)Roman, der sich trotz seines Themas den Genrekonventionen des Krimis konsequent entzieht. Das zeigen die genauen Charakterzeichnungen (nicht etwa Psychostudien mit wohlfeilen Erklärungsversuchen) in den verschiedenen Erzählperspektiven genauso wie die knappen, trockenen und durchaus lakonischen Dialoge, die den Situationen jederzeit angemessen sind und das Gesprächsmoment immer aufs Deutlichste zuspitzen. Dort geht es fast immer um Leben oder Tod, selbst wenn sich da einmal nur ein einfaches Gespräch zwischen dem Killer und einem Tankstellenpächter anbahnt, um schließlich in einem russischen Roulette, also einem Spiel um Leben oder Tod, zu enden. Das ist harter Realismus, der durch gezielte, wohldosierte Überspitzung und Übertreibung wie in Stein gemeißelt als "Fiktion" erstarrt.

Fazit: Ich hatte zwar lange vor meiner Lektüre des Buches schon die kongeniale Verfilmung des Romans durch die Coen-Brüder ("Fargo") gesehen; der annähernde Drehbuchcharakter des Buches wird mithin ganz deutlich (als habe McCarthy es dem brüderlichen Regie-Paar förmlich auf den Leib geschrieben) - dennoch war ich von dem Roman weit mehr beeindruckt als von dem Film.
Dieses Buch bietet harten Stoff fernab von vielen erzählerischen Konventionen. Seine minimalistische Direktheit ist bemerkenswert. So hängt an diesem Roman in seiner Erzählweise "kein Gramm Fett". Anderseits stößt der Leser hier wiederum nicht einfach auf eine besondere Art von "pulp fiction" oder Gewaltliteratur (dafür bürgt schon der eher genrefremde Autor). Cormac McCarthy fühlt und sinnt vielmehr den Zustand seiner Zeit und Gesellschaft, und was er daraus schöpft, das müsste nicht nur auf seine amerikanischen Landsleute mehr als beunruhigend wirken ...

[ hs/28.12.2009 ]

* Die Dialoge sind im Originaltext bzw. in der deutschen Übersetzung weder ausdrücklich mit Namensnennungen noch mit entsprechenden Anführungszeichen, sondern nur durch Absätze und indirekte Reden gekennzeichnet.
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