Titel: Hinter blinden Fenstern

Ani, Friedrich Hinter blinden Fenstern

Cornelius Mora, Besitzer eines kleinen Fotoladens, ist tot. Gefesselt und blutig hängt er an einem Kreuz im Hinterzimmer eines SM-Studios. War es Mord? Die Bordellinhaberin Clarissa Weberknecht streitet jede Schuld am Tod ihres Kunden ab. Hauptkommissar Polonius Fischer ahnt, dass er belogen wird.
Ein Jahr später führen ihn neue Ereignisse zurück zu diesem Fall: Clarissa Weberknechts Lebensgefährte wird mitten auf dem Oktoberfest erstochen aufgefunden, wenig später wird im Hinterhof ihrer Sozialwohnungssiedlung ein zu Tode geprügelter Obdachloser entdeckt. Alles Zufall? Polonius Fischer glaubt nicht an Zufälle. Was hat die Bordellbesitzerin zu verbergen und was wissen die Nachbarn?

Polonius Fischer Bd.2.

Autor: Ani, Friedrich
Titel: Hinter blinden Fenstern
Jahr: 2009-10
Seiten: 317 | Taschenbuch
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-21167-3
Preis: 8.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

„Hinter blinden Fenstern“ bearbeitet Polonius Fischer, der von Friedrich Ani mit „Idylle der Hyänen“ virtuos eingeführte Charakter, seinen zweiten Fall - oder besser: sein zweites Fall-Universum. Man möchte schreiben „gewohnt“ (doch beim zweiten Buch bereits von Gewöhnung zu sprechen täte dem Charakter unrecht, verbirgt er doch noch viele Facetten auf deren kennen Lernen man sich freuen kann) schweigsam, hünenhaft, gleichzeitig sensitiv und intuitiv ermittelt Fischer in einer Münchner Vorortsiedlung, in der gleich mehrere Verbrechen geschehen. Ani wühlt im spießigen süddeutschen Sumpf wie ein Archäologe, ohne seine Figuren je auszustellen. Da ist das Ehepaar, dessen Geschäft nach vielen guten Jahren gescheitert ist, und denen nach unzählige Kundengesprächen nichts mehr zueinander zu sagen bleibt. Das junge Mädchen, das sich in der oberflächlichen Spaß-heilen-Welt ihrer Freundinnen selbst verliert. Die Bordellbesitzerin, in deren Herz seit dem Tod ihrer besten Freundin ein unausfüllbares Loch klafft. Das schön komponierte Ensemble hängt nicht nur durch die Wohnsiedlung und den Toten in der Mülltonne und das Verschwinden eines Mädchens zusammen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie nur sprechen, um die Stille auszufüllen und das Unsagbare ungesagt lassen. Damit bleibt es hinter Furnierholztüren, unter Polyesterteppichen und modert vor sich hin.

Fischer dagegen spricht genau dann, wenn es niemand erwartet, niemand wagen würde. Mit wenigen Worten sprengt er die Fassade seiner Zeug/innen. Dem Autor gleich stellt auch der Kommissar seine Verdächtigen nicht bloß, es scheint als sei ihm nichts Menschliches fremd.

Der Titel spielt gleich mit mehreren Motiven des Romans: Blindsein, wegsehen und gleichzeitig dem Bedürfnis, den anderen zu bespitzeln, durch das Fenster zu „spannen“. Das Sicherheitsbedürfnis ist nicht nur in München, es ist wenigstens in ganz Deutschland gewachsen, der Ruf nach Überwachung wird immer lauter - jeder Winkel soll mit Kameras ausgestattet werden. Dieses Motiv spiegelt sich gekonnt bei den Bewohnern der Siedlung wie auch bei den Ermittler/innen wider. Eine weitere Stärke Anis, die sich auch in „Wer lebt, stirbt“ äußert: mit wenigen, fast skizzenhaften Worten legt er den Finger auf die Wunden der Gesellschaft, ohne dabei aufdringlich politisch zu sein.

Vielleicht ist es die Motivvielfalt, die dem Buch auch die Struktur nimmt, es scheint als wollte Ani gleich mehrere Geschichten auf den 320 Seiten unterbringen und miteinander in Beziehung setzen. Das führt dazu, dass man sich als Leser im Buch verliert, den Faden sucht und zum Teil etwas ratlos hinter Polonius Fischer her trottet. Das brillante Talent des Autors, in Details und wenigen Worten große Geschichten zu verstecken, ist das Einzige, das bei der Suche „hinter blinden Fenstern“ gleichzeitig etwas ermüden kann.
[ ck/24.08.2007 ]

Diese Rezension bezieht sichauf die gebundene Ausgabe vom August 2008
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