Titel: Der Maigret-Marathon

Spreckelsen, Tilman

Der Maigret-Marathon

Ein Selbstversuch in 75 FAZ - Kolumnen
Am 11. April 2008 hat Tilman Spreckelsen, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, einen Selbstversuch gestartet. Spreckelsen liest jede Woche einen Maigret-Roman und berichtet in einem Blog über jede Etappe. Hier in diesem Band sind nun alle 75 Beiträge versammelt.

Autor: Spreckelsen, Tilman
Titel: Der Maigret-Marathon
Jahr: 2009-11
Seiten: 184 | Hardcover
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-23966-9
Preis: 9.00 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 9.00 EUR

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Unsere Meinung:

Tja, was soll man zu diesem Büchlein sagen? Und dabei stehen wir gleich vor dem zusätzlichen Problem: Eine Rezension zu so vielen Rezensionen? – Dieses Werk wirkt dabei ziemlich und seltsam uninspiriert, obwohl sich da doch jemand in einem "Selbstversuch" offenbar ernsthaft zur Diogenes-Maigret-Gesamtausgabe hingesetzt hat, um alle 75 Maigret-Romane einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.
Tiefsinnigeres kommt auf dieser langen Rezensionsstrecke allerdings kaum heraus. Der Autor Tilman Spreckelsen bietet zwar ein durchaus zeitgemäßes Lesemuster an, wie man denn an die Maigret-Gesamtlektüre herangehen könnte (chronologisch!?). Doch der Nachteil für anspruchsvolle Krimileser/innen liegt eben darin, dass er Roman für Roman eben einfach nur der Reihe nach abhakt, ohne danach ein stimmiges Gesamtbild der Simenon-Maigret-Welt darstellen zu wollen oder zu können, geschweige denn in einem Gesamtüberblick Höhepunkte oder absolute Favoriten seiner "Lektüre" vorzugeben. Das scheint alles in allem nicht empfehlenswert.
So folgt das Büchlein leider nur vereinfacht dem Muster eines Reiseführers oder einer Checkliste: Jeder Maigret-Roman wird in ziemlicher Kürze abgehandelt und nach dem Schema "Die Handlung in einem Satz" / "Spielt in" / "Neues über Maigret" / "Und Madame Maigret?" / "Konsum geistiger Getränke" / "Die wirkliche Meinung des Autoren" / "Lieblingssatz" behandelt. À propos Behandlung: Spreckelsen bemüht sich leidlich um "Entwicklung" in seinem Leseprojekt. Ein Französisch-Leistungskurs irgendwo in dieser schönen deutschen Republik hätte da aber sicher weit mehr gebracht.

Da die gegenwärtige Publizistik "Listen" offenbar besonders gerne mag (nicht zuletzt, weil sie ihr die ach so mühselige Gedankenarbeit offenbar komfortabler macht), wirkt dieses Rezensionsprinzip in der Besprechungsreihe, die von April 2008 bis Oktober 2009 zuerst in der FAZ erschien, gelinde gesagt etwas abgeschmackt. Fast-Food-Häppchen eben. (Das Fastfood gerade aus/im main’schen Frankfurt empfand ich übrigens aber immer als besonders schlecht.)

Vom Hammett-Rezensenten persönlich abgeschmeckt lässt sich danach folgendes, vielleicht etwas differenzierteres Urteil herleiten: Dieser vorgeblichen Gesamtschau fehlt es an wirklicher Ernsthaftigkeit und Tiefe. Der Autor hat sich da zwar fleißig etwas angelesen, das jedoch ohne die Hintergründigkeit des Simenon’schen Werkes ergründet zu haben. Die Biographie Simenons wirkt dabei seltsam unreflektiert. Überdies tauchen die Non-Maigrets ("Die Katze", "Sonntag", "Der Präsident" u.v.a.m.) in den Betrachtungen kaum einmal in einem zusätzlichen Gedankengang auf. Ernsthafte Querbezüge zwischen den einzelnen Maigrets sind überdies selten, eher ist der Autor erpicht darauf, dabei nur auf Simenon’sche Denkfehler hinzuweisen. Ohne weitergehende Reflektion wirkt dies aber schlicht nur besserwisserisch. Deshalb gewinnt man letztlich ein wenig den Eindruck, dass sich da jemand doch etwas lustlos bzw. einfältig bzw. öffentlichkeitswirksam oder einfach nur oberflächlich durch ein immenses Krimiwerk hindurchgekämpft hat ... – Es stellt sich zuletzt die Frage, ob er es inzwischen tatsächlich einigermaßen verdaut (oder verstanden?) hat, - oder immer noch an seiner relativ lustlosen Lese(tor)tour leidet. - Tja.

Die Maigret-Gesamtausgabe von Diogenes in gut bezahlbarer und ansprechender Hardcover-Ausgabe ist überaus lobenswert (8 von 10 Patronen). Auch der Simenon-Bildband konnte uns begeistern (9 von 10 Patronen). Selbst das erzählerische Kochbuch zur Reihe "Simenon und Maigret bitten zu Tisch" mit den `klassischen französischen Bistrorezepten der Madame Maigret´ erscheint uns auf den ersten Blick recht reizvoll und in diesem Fall sogar einmal sinnvoll.
Fleißarbeiten wie "Der Maigret-Marathon" allerdings – die zwar relativ gut editiert sind, aber inhaltlich kränkeln – bekommen bei uns höchstens 5 von 10 Patronen, aber dann auch nicht mehr. Das Buch bleibt trotz all dieser Einwände eine gerade noch annehmbare Orientierungshilfe durch das Simenon’sche Maigret-Gesamtwerk.
Insgesamt tendieren wir dagegen allerdings immer noch entschieden dazu, unseren Kunden das spannende kleine Bändchen mit ausführlicher Bibliographie "Simenon auf der Couch" zu empfehlen, worin sich Georges Simenon gegenüber fünf Ärzten "sieben Stunden lang" auf einfache und klare Weise zu dem tieferen Sinn seines Gesamtwerks offenbart. Das schmale Büchlein, das in deutscher Sprache erstmals 1985 erschien, ist noch lieferbar und unserer Meinung nach allemal empfehlenswerter als diese hier vorliegenden und ziemlich abgespulten faz’schen Leseerfahrungen und Ansichten von Tilman Spreckelsen.

Fazit: Hätte ich noch nie einen Simenon in die Hand bekommen, sondern nur dieses Büchlein als Anreiz, - ich hätte wohl bedauernswerter Weise für immer die Finger von dem so französischen Belgier Simenon gelassen. Herr Spreckelsen präsentiert sich uns keinesfalls als Simenon-Kenner (nun ja, nach diesem Projekt wird dann aber doch schon etwas bei ihm hängen geblieben sein), sondern als ein ziemlich oberflächlicher "Simenon-Tourist".

P.S. mit einem "Ach ja": Letzter Aufruf, letzter Aufruf. Herr Spreckelsen wird zum Schalter der Agatha-Christie-Airlines gerufen. Wir wiederholen ...

[ hs/05.02.2010 ]
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