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Kohout, Pavel Die SchlingeOriginaltitel: "Smycka" (Pistorius & Olsanská: Pribram 2008)
Unsere Meinung:"Nichts lässt die Erde mit größerer Sicherheit zur Hölle werden als der Versuch des Menschen, sie zu seinem Himmel zu machen."
(Friedrich Hölderlin) "Kommunismus ist eine kriminelle Ideologie." (Alexander Issajewitsch Solschenizyn) Pavel Kohouts genauso spannende wie tragische Dreiecksgeschichte "Die Schlinge", die in den politischen Wirren und Grabenkämpfen während der kommunistischen Machtergreifung in der Tschechoslowakei 1948 spielt, ist ein bemerkenswertes Stück Kriminalliteratur, das zweifellos zum herausragenden Alterswerk des bedeutenden tschechischen Autors gehört. "Die Schlinge" ist dabei Liebesgeschichte und Politkrimi zugleich: Jan Soukop liebte Kamila Nostitzová und sie liebte ihn, bevor die Wirren des 2. Weltkriegs beide trennten und sie ihn, während er im Widerstand gegen die Nazis tätig war, für tot hielt. Über die Jahre der Ungewissheit hinweg wendete sich die aufstrebende Bühnenschauspielerin Kamila ganz dem um einiges älteren Philosophieprofessor und Politiker Felix Fischer zu. Dieser war vor dem Krieg mithin Jans bewunderter Hochschullehrer. Aber später eben auch Kamillas weltmännischer Liebhaber. Jan, den hochintelligenten Jungen aus einfachen Verhältnissen, der sich früh bei den Kommunisten engagiert, trifft der "coup de foudre" erstmals während einer Vorstellung der jungen Schauspielerin: "Den Mädchen lief er nicht hinterher, sie suchten ihn selbst aufgrund seines maskulinen Äußeren, seines zuvorkommenden Gemüts und seines vielseitigen Talents. Nach den jungen Kommunistinnen waren es die Philosophinnen in bestickten Blusen, die züchtig ihren Busen verhüllten. Er schrieb ihnen Liebesgedichte, aber er wusste nur zu gut, dass diese Leidenschaft gekünstelt war. Im Lucarnasaal entdeckte er die Liebe. Er kämpfte sich hinter die Kulissen, um sie wenigstens ansprechen zu können. Da führte sie sein verheirateter Professor Hand in Hand fort. Und Jan verspürte zum ersten Mal Hass." (Pavel Kohout: Die Schlinge, S. 11) Als der Krieg vorbei ist, kommt kurze Zeit einiges Licht in manche dunklen Geschehnisse des mörderischen Krieges. Die Nazis sind besiegt, und damit die größten Verbrecher, die die Welt bis dahin gesehen hat. Doch nicht allein die Nazis vermögen es, ein genauso skrupelloses wie verbrecherisches Regime aufzubauen. Sobald es ihm möglich ist, gibt Jan nach dem Krieg seiner früheren Geliebten Kamila ein Lebenszeichen. Die alte Liebe flammt neu auf. Doch Kamilla lebt bereits lange mit Felix Fischer zusammen, der sich zuvor u.a. ihretwegen hat scheiden lassen. Kamilla fühlt sich Fischer gegenüber verpflichtet. So sieht sich die kluge Frau bald zwischen zwei eindrucksvollen Männern. Zu dieser Zeit befindet sich Prag und die ganze tschechoslowakische Gesellschaft im Umbruch. Die Kommunisten streben an die Macht und sind bereit, diese mit allen Mitteln an sich zu reißen. Und sie wollen nicht nur einen Teil, sondern die ganze Macht. 1948 spitzt sich die Lage endgültig zu. Felix Fischer ist zu dieser Zeit ein bedeutender Vertreter der Sozialdemokratie. Jan Soukop arbeitet als renommierter Journalist und Parteifunktionär der KP auf der anderen Seite der sich verhärtenden gesellschaftlichen Fronten. Jan ist zugleich erfüllt von einer tiefen Eifersucht gegenüber Fischer, andererseits ist er dem charismatischen Intellektuellen aus alten Zeiten durchaus noch irgendwie freundschaftlich verbunden. Andererseits macht er sich schuldig, als er sich auf die Staatssicherheit einlässt (S. 50 ff.) und dabei sein Welt- und Menschenbild der puren Ideologie opfert. In dieser Konstellation von Liebe, Eifersucht, Macht und politischen Intrigen wird immer deutlicher, dass die Kommunisten über Jan versuchen, Fischer in eine perfide Falle zu locken und auszuschalten. Wenn er nicht politisch mundtot zu machen ist, dann eben per Waffengewalt mausetot. Diesem von langer Hand vorbereitetem Komplott kommt Jan aber nur zögerlich auf die Spur. Er kann nicht glauben, was nach seinem politischen Glauben nicht sein darf. Erst Kamilla bringt es auf den Punkt, allerdings erst, als es zu spät ist: "Verzeih mir, Jan, du hast immer über Politik, über Ideologie gesprochen, aber das hier ist schlicht und ergreifend ein Kriminalfall! Oder hältst du das immer noch für eine Form des Klassenkampfes, die dann von der ersehnten glücklichen Zukunft heiliggesprochen werden soll? Welche Art von Zukunft bereiten uns denn Lügner und Verbrecher vor, Jan?" (Pavel Kohout: Die Schlinge, S. 231) Eine solche Geschichte kann eigentlich nur tragisch enden. Und das wiederum, was dieses Zitat zum Ausdruck bringt, mag auch der Kern von Kohouts Roman sein: Das prekäre Verhältnis zwischen Ideologie, Politik und Verbrechen hat viele Menschen im vergangenen Jahrhundert sehenden Auges in die Hölle auf Erden geführt. Dennoch beginnen die meisten gesellschaftlichen Katastrophen und "großen Verbrechen" mit "gewöhnlichen" Verbrechen (seien es die politischen Morde in der Weimarer Republik, später dann auch in den kommunistischen "Satellitenstaaten" oder sei es auch nur eine von habgierigen Interessengruppen, Korruption und Günstlingswirtschaft durchzogene zeitgenössische Gesellschaft), weil sie in der Regel auf breite gesellschaftliche Akzeptanz aufbauen müssen. Die Relationen sind prekär. Dennoch werden dadurch z.B. Eugen Kogons "SS-Staat" oder Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis" sicher nicht zu Kriminalliteratur, gleichzeitig gibt es aber immer wieder Autoren, welche in einem solchen Rahmen die Keimzellen der "verbrecherischen Systeme" mit den subtileren Mitteln des Genres durchaus präzise und eindrucksvoll benennen können. Pavel Kohout gehört zu diesen Autoren. Und nach dem grandiosen Roman "Sternstunde der Mörder" (derzeit leider vergriffen; Stand 1/2010) hat er mit "Die Schlinge" einen weiteren, zwar etwas „ruhigeren“ und bitter-lakonischen, aber nichtsdestotrotz eindrucksvollen Beweis dafür abgeliefert. [ hs/10.01.2010 ]
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Krimi-Specials
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