Titel: Die goldene Meile

Smith, Martin Cruz

Die goldene Meile

Originaltitel: Three Stations aka The Golden Mile
Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt.


Im Moskauer Yaroslav-Bahnhof kreuzen sich Schicksale – hier erwacht die junge Maya im leeren Zug und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass ihr Säugling geraubt wurde. Die Polizei will die Geschichte jedoch nicht glauben. Maya macht sich allein auf die Suche und trifft dabei Zenia, den jungen Ziehsohn Arkadi Renkos. Er versucht, Maya zu helfen. Dabei zeigt er ihr mehr von seiner geheimen Welt, als es vernünftig wäre.
Aber auch Arkadi Renko ist am Bahnhof im Einsatz. Dort wird eine Tote gefunden, die ihn in die Welt der Superreichen führt, auf die goldene Meile.

Autor: Smith, Martin Cruz
Titel: Die goldene Meile
Jahr: 2010-01
Seiten: 378 | Hardcover
Verlag: C. Bertelsmann
ISBN: 978-3-570-00920-8
Preis: 19.95 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 19.95 EUR

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Unsere Meinung:

"Das Leben wäre wunderbar ohne Wodka, aber weil die Welt nicht wunderbar ist, braucht der Mensch den Wodka. Der Wodka ist in unserer DNA. Das ist eine Tatsache. Das Dumme ist, die Russen sind Perfektionisten. Das ist unser Fluch. Unser Land bringt große Schachspieler und Ballerinen hervor und macht uns Übrige zu eifersüchtigen Säufern. Die Frage ist nicht, warum ich nicht weniger trinke. Die Frage ist: Warum trinkst du nicht mehr?"
(Martin Cruz Smith: Die goldene Meile, S. 14)

"Richtet das russische Volk nicht nach seinen Fehlern und Lastern, sondern beurteilt es nach seinen großen und heiligen Idealen, nach denen es in seinem Schmutze lechzt."
(Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Tagebuch eines Schriftstellers)

Der Komsomolskaja-Platz in Moskau, der volksmundlich auch als Platz der drei Bahnhöfe bezeichnet wird, ist ein Treffpunkt für ganz Russland. Während dort am Leningrader Bahnhof die Züge aus St. Petersburg und den Hafenstädten der Ostsee eintreffen, entströmen dem Jaroslawer Bahnhof die Menschen aus den Weiten der Transsibirischen Eisenbahn und entsteigen den Zügen am Kasaner Bahnhof schließlich gleichzeitig Reisende aus den Wolgarepubliken und Kasachstan.
In einem dieser Züge sitzt die fünfzehnjährige Maja, die sich mit ihrem neugeborenen Kind auf der Flucht befindet. Vor Jahren hatten ihre Eltern sie wie Frischfleisch an ein Edelbordell in der russischen Provinz verkauft. Majas Schwangerschaft ließ allerdings ihren Marktwert deutlich sinken. Und als man ihr in dieser Situation das Kind wegnehmen will, macht sie sich nach Jahren der Demütigung und Erniedrigung mit dem Säugling auf die Flucht.
Als Maja dann nach einer alptraumhaften Zugfahrt in der "Holzklasse" schließlich mit viel Glück in Moskau ankommt, muss das mittellose Mädchen mit Entsetzen feststellen, dass skrupellose Geschäftemacher und Betrüger sie betäubt und ihr das Kind geraubt haben.
Im Russland der Gegenwart ist vieles möglich, und Menschenhandel gehört in vielerlei Form dazu. Völlig ratlos und verzweifelt irrt sie auf dem riesigen Gelände der drei Bahnhöfe herum und versucht ihr kleines Kind wiederzufinden. Die Polizei ist ihr dabei keine Hilfe, denn die hält sie schlicht für eine Ausreißerin und würde sie ohne weiteren Umstände in ein Heim stecken oder gar ahnungslos zurück ins heimatliche Bordell verfrachten. Welche Mutter verliert denn schon einfach so ihr Kind? - Gleichzeitig ahnt Maja, dass sich ihre Zuhälter bereits auf ihrer Spur befinden, denn denen verdirbt man nicht einfach so die Geschäfte ...

Der Platz der drei Bahnhöfe ist neben seinem Glanz und Glitzer auch eine Welt der Schatten und der Schattenseiten des Lebens. Da macht sich Arkadi Renko, der renitente Polizeiinspektor aus Moskau, nichts vor. So tummeln sich nicht nur Diebesbanden und gewalttätige Jugendgangs auf den Bahnhöfen, auch hier haben Drogenhandel und Prostitution die kriminellen Strukturen fest im Griff.
Renko ermittelt nun praktisch zur gleichen Zeit in einem Fall, bei dem auf dem weitläufigen Gelände eine junge Frau in einem Bauwagen tot aufgefunden wurde. Allerdings wurde sie und der Tatort nur als Mord im Prostituiertenmilieu drapiert, denn bei der jungen Frau handelt es sich um die Tänzerin eines angesehen Tanztheaters. Bei seinen Ermittlungen trifft Arkadi Renko auch wieder auf seinen Ziehsohn Schenja, der sich gerne in der Gegend um die drei Bahnhöfe herumtreibt und der gerade die Bekanntschaft eines jungen Mädchens namens Maja gemacht hat ...

Im Fall der Tänzerin stößt Renko bald auf den Oligarchen Sascha Waksberg, dessen Geschäfte mit Nachtclubs längst nicht mehr so gut laufen wie früher. Bemerkenswert ist für Renko dabei, dass der ehemalige Milliardär mit seiner Nachbarin, der Journalistin Anja Walidowa, befreundet ist. Doch noch mehr Sorgen bereiten Renko seine Vorgesetzten, die nicht wollen, dass er in dem Fall der Tänzerin ermittelt. Vor allem sein Gegenspieler Staatsanwalt Surin versucht mit allen Mitteln, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. So hat Renko bis zu seiner Suspendierung bald kaum noch mehr als 24 Stunden Zeit, seinen Fall aufzuklären.
Hierbei wird ihm bewusst, dass die Mächtigen mit dem großen Geld vielleicht noch nach irgendwie nachvollziehbaren Regeln spielen mögen. In den hartnäckigen Verfolgern und Peinigern Majas, auf die er dann schließlich noch am Ende trifft, begegnen ihm dagegen wilde und blinde Entschlossenheit und eine förmlich raubtierhafte Gewalt ...

Martin Cruz Smiths fortgesetztes Gesellschaftsporträt des heutigen Russland ist wenig schmeichelhaft. Armut, Prostitution und Drogenhandel sind dort demnach genauso an der Tagesordnung wie gesellschaftlicher Zerfall, Korruption und staatliche Willkür.
Nein, möchte man bewusst naiv anmerken, an Moskaus "drei Bahnhöfen" möchte man genauso wenig ankommen wie in Roberto Savianos Gomorrha Neapel oder Yasmina Khadras Algier. Die sogenannte "Mafia" erscheint in diesen kaputten Gesellschaften und in all ihren Ausprägungen wie ein aggressiver Ausschlag menschlicher Verkommenheit. Dabei werden die Menschen selbst zerrieben in einem kranken und wahnwitzigen Materialismus von Sex, Drogen und Konsum und finden sich wieder in der verheerenden Armut einer sinnentleerten hässlichen Welt, in der kein Glauben und keine Religion mehr gegen die Macht der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung und den Schrecken jederzeit entfesselbarer Gewalt ankommen. – "Mafia" ist nur der Oberbegriff für eine vorgebliche Ordnung, die sich in Gesellschaften mit fortschreitendem inneren Zerfall als Alternative anbietet. "Mafia" stellt dabei aber pikanterweise nur einen weiteren, besonderen Schritt des Zerfallsprozesses dar.
Zynisch gesagt: So entstehen Festspielorte für gefährliche Diktatoren. Und vor einer neuen Diktatur in Russland sollte sich im Übrigen auch der leutseligste Demokrat im Westen fürchten.

Gleichzeitig und ob all der gesellschaftskritischen Elemente in seiner Geschichte ist Martin Cruz Smiths Erzählweise fast altmodisch romantisch: Da offenbart sich in brutaler Umgebung die zarte und scheue Liebe Schenjas zu der so grundsätzlich aus Leben und Bahn geworfenen Maja. Da ist Arkadi Renko mit seinen alten Freunden, Feinden und Saufbrüdern, der seinerseits das zarte Pflänzchen Liebe zu seiner Nachbarin Anja hegt und pflegt. Und da entspannt sich ein genauso kurzes wie sentimentales Romanfinale, in dem der lakonische Schlusssatz "Chaos war der Normalzustand" fast klingt wie die Losung "Glaube, Liebe, Hoffnung". All solche gegensätzlichen Momente auch tatsächlich und glaubwürdig zusammenführen zu können, das zeichnet wohl einen wirklich guten Erzähler aus.

Fazit: Martin Cruz Smith hat sich ähnlich wie Yasmina Khadra mit seinen Algerien-Romanen oder Eliot Pattison mit seinen Tibet-Romanen zu einem kritischen Chronisten entwickelt, der uns an einen Brennpunkt des weltweiten gesellschaftlichen Wandels führt. Und ähnlich wie einst Dashiell Hammett in seiner "Roten Ernte" braucht er trotz seiner Figurenvielfalt und seinen geschickten Perspektivwechseln nur knapp 250 spannende Seiten, um uns zu sagen, was Sache ist.

[ hs/15.03.2010 ]
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