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Ellroy, James Blut will fließenOriginaltitel: Blood's a Rover
Unsere Meinung:Mit "Blut will fließen" liegt nach mehr als acht Jahren wieder ein neuer Roman von James Ellroy in deutscher Übersetzung vor. Er ist nach "Ein amerikanischer Thriller" und "Ein amerikanischer Albtraum" das Finale der Underworld USA-Trilogie. Wurden vorher die Zeitkapitel 1958 - 1963 und 1963 - 1968 behandelt, so befinden wir uns nun konsequenterweise im amerikanischen Korridor der Jahre 1968 - 1972.
Äußerst detailliert schildert James Ellroy im Rahmen der eigentlichen Story die amerikanische Außen - und Innenpolitik in diesem Zeitfenster. Ein immer wieder auftauchendes, von vielen Protagonisten erwähntes und verbindendes Element des Romans ist der bereits 1964 erfolgte und unaufgeklärte Überfall auf einen Werttransporter, bei dem Smaragde und Bargeld geraubt wurden. Dabei kommen alle Sicherheitsleute ums Leben, während einer der vier Täter seine drei Komplizen nacheinander erschießt und mit der Beute entkommt. In gewohnt knappen, geradezu herausgerotzten Staccato-Sätzen schildert James Ellroy den Überfall. Wie bei einem Storyboard entwirft er Einzelbilder, die, in schneller Abfolge betrachtet, dann den eigentlichen Filminhalt ergeben. Verstärkt wird dies durch sekundengenaue Zeitangaben, die den Eindruck verstärken, beim Überfall dabei zu sein. Es ist meines Erachtens nicht möglich, eine umfassende oder auch nur annähernd komplette Inhaltsangabe von "Blut will fließen" zu liefern. Auf 783 Seiten zeigt der mit mehreren Haupt- und unzähligen Nebenfiguren und Handlungssträngen versehene Roman die zähneknirschende Wut Ellroys auf die staatliche Unterwanderung der Bürgerrechtsbewegung jener Zeit, etwa die Infiltration und dadurch bewirkte Militarisierung der Black Panther-Bewegung und anderer ähnlicher Gruppierungen. Ähnlichen Groll hegt Ellroy hinsichtlich der amerikanischen Außenpolitik jener Jahre. Wollte man die Bedeutung der Vorgehensweise der amerikanischen Dienste auf deutsche Verhältnisse übertragen, so stelle man sich vor, dass die meisten Anschläge der "Roten Armee Fraktion" in den 70er- und 80er-Jahren erwiesenermaßen mit Geld und Waffen der Bundesregierung und ihrer Geheimdienste getätigt wurden. Dies lässt erahnen, was die erwiesene Unterwanderung der Bürgerrechtsbewegungen für die demokratischen Kreise Amerikas bis heute bedeutet. Der Spagat, die Innen- und Außenpolitik jener vier Jahre zu verknüpfen, gelingt Ellroy bravourös. Gesteht man diesem Buch die erforderliche intensive und ununterbrochene Lektüre zu, so vermag man die saubere Linie und konsequente Fortschreibung der Geschichte und ihrer Figuren zu erkennen. Wird der Begriff "konstruiert" bei Rezensionen oft als Mäkelbegriff verwandt, so bekommt das Wort bei "Blut will fließen" eine andere Wertigkeit. Zumindest in den ersten vier Fünfteln hat jede Figur ihren Sinn, die Personen tauchen mehrmals auf, sind verzahnt mit dem Schicksal anderer. So ergeben sich mithilfe des vorhandenen Personals immer neue Bilder. Ist Ellroys Selbstdarstellung an anderer Stelle mit großer Vorsicht zu genießen, so glaube ich ihm gerne, dass das dem Roman zugrunde liegende schriftliche Gerüst mehr als 300 Seiten umfasst. Das FBI, dessen verrückter "Máximo Líder" John Edgar Hoover, die Republikaner mit ihrem Präsidenten "Tricky Dick" Richard Nixon: alles und alle werden von Ellroy höhnisch vor- und bloßgestellt. Dabei geht er lustvoll auf die Verfehlungen jener Jahre ein. Ebendies scheint die Ursuppe der Ellroyschen Wut zu sein: Das Aufzeigen von Verbrechen, die von Menschen vorgeblich im Sinne der "guten Sache" begangen werden. Während die verschiedenen Handlungsstränge immer wieder aufgenommen und fallengelassen werden, tauchen im selben Rhythmus immer wieder einzelne Smaragde aus dem Transporterüberfall auf. Immer wieder erinnern sich Menschen an diesen nie aufgeklärten Raub, immer wieder wird er erwähnt, ist quasi das lebendige Gespenst das im und über dem Roman schwebt. Einziger kleiner Makel des Romans ist das letzte Fünftel: Hier wiederholen sich fast ausschließlich bereits bekannte Ereignisse, kaum etwas Neues passiert, nur die Sicht- und Erzählweise wechselt. Dennoch: Ein großer Roman! Ein Ereignis mit Wucht, voller handwerklicher Brillanz und Kraft. War man auf der gerade erfolgten Lesereise als eingequetschter Zuhörer dabei, oder ist man mutig genug, das Buch daheim laut zu lesen, so vermag man die Melodie zu erkennen, die Ellroy mit Worten und Sätzen zu bilden imstande ist. Ellroy at his best. Ein letzter Kritikpunkt noch zur Veröffentlichungspolitik des Ullstein-Verlages: Ganze fünf Romane von James Ellroy sind derzeit lieferbar. Das Gesamtwerk umfasst jedoch 14 Romane und drei Erzählbände (alle waren mal bei eben diesem Verlag erhältlich). Das ist keine Autorenpflege, das ist ganz, ganz böse… [ ck/03.02.2010 ]
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Krimi-Specials
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