Titel: Die Sehnsucht der Atome

Reichlin, Linus

Die Sehnsucht der Atome

Kommissar Jensen beschäftigt ein höchst rätselhafter Fall: Ein amerikanischer Tourist hatte um Hilfe gebeten, weil er sich bedroht fühlte. Am nächsten Tag findet man ihn tot auf der Straße. Seine Obduktion deutet auf einen Mord, der menschliche Fähigkeiten übersteigt. Was haben seine zehnjährigen Zwillingssöhne damit zu tun, die spurlos verschwunden sind? Oder deren mysteriöse Kinderfrau, der seherische Fähigkeiten nachgesagt werden? Und wie soll Jensen das herausfinden, wenn ihm eine mysteriöse Blinde immer wieder dazwischenfunkt?
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimi-Preis, Kategorie National 2009.

Autor: Reichlin, Linus
Titel: Die Sehnsucht der Atome
Jahr: 2010-02
Seiten: 379 | Taschenbuch
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-47068-6
Preis: 8.95 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 8.95 EUR

Bestellen

Unsere Meinung:

"Das Atom ist unser kleinstes Porträt; es enthüllt unsere Kraft als Schrecken."
(Max Rychner, schweizerischer Schriftsteller und Literaturhistoriker)

"Der Tod wäre überwunden, dachte Jensen, wenn es einem gelänge, sich nicht mit sich selbst zu identifizieren, sondern mit dem Ganzen."
(Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome, S. 64)

Kriminalinspektor Hannes Jensen hat nur noch fünf Tage, bis er seinen ungeliebten Job an den Nagel hängen und in Frühpension gehen kann. Seit dem Tod seiner Frau kam sich der ehemalige Konstanzer Polizist, den es vor vielen Jahren wegen der Liebe auch beruflich in das belgische Brügge gezogen hatte, ohnehin nur noch als Fremder in der Fremde vor.
Jensen freut sich freilich darauf, endlich den Dienst quittieren zu können, um sich danach voll und ganz seiner seltsamen und für einen Kriminalisten eher ungewöhnlichen Leidenschaft widmen zu können: der Quantenphysik.
"Die Sehnsucht der Atome" wäre nun kein Kriminalroman, wenn ihm, Jensen, vor diesem Vorhaben nicht etwas schief laufen würde. Und tatsächlich, gerade sein letzter Fall hat es noch einmal in sich: Ein reicher amerikanischer Tourist, der sich mit seinen beiden Zwillingssöhnen auf Europareise befindet, kommt unter mysteriösen Umständen ums Leben. Zuvor hatte er sich bei der Polizei gemeldet, einen "Drohbrief" angezeigt und damit ausgerechnet den ermittelnden Jensen ins Vertrauen gezogen. Als daraufhin die beiden zehnjährigen Zwillinge aus ebenso geheimnisvollen Umständen aus einem Luxushotel und der Stadt verschwinden, sieht sich der Kommissar auf Abruf genötigt, deren Spur bis nach Arizona und Mexiko zu verfolgen. Dabei kommt ihm aus wiederum seltsamen Umständen eine blinde, junge und nicht zuletzt sehr attraktive Frau namens Annik O’Hara in die Quere, die nicht weniger geheimnisvoll erscheint als die ganze undurchdringliche Geschichte von verschwundenen Kindern, Geistsehern und Wunderheilerinnen, mit denen er sich bald ganz offen herumzuschlagen hat. Womit der verhinderte Hobby-Quantenphysiker aber nicht rechnen kann, ist, dass er Tausende Kilometer von der Heimat entfernt schnell an die eigenen Grenzen und nicht zuletzt an die Grenzen der erklärbaren Welt zu stoßen scheint. - Doch wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt darin um . . .

Linus Reichlin hat mit der "Sehnsucht der Atome" einen genauso spannenden wie tiefgründigen Kriminalroman abgeliefert. Daß Reichlins Held Jensen seine erschütternden Grenzerfahrungen dann ausgerechnet im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet - zwischen krasser Armut und krassem Reichtum - macht, ist nur eine von vielen Ironien dieses ungewöhnlichen Krimidebüts. Und nur wenigen Autoren gelingt es, gleich mit ihrem ersten Roman quasi ein philosophisches "Programm" aufzustellen, das es in sich hat:

"(. . .] Señor Gonzales, wenn Sie genügend Geld hätten, würden Sie Ihr Haus neu streichen wollen. Ist das so?"
"Das wäre wohl nötig, Señor. Ja, Sie haben ganz recht."
"Sie hätten dann die Wahl. Sie könnten es weiß streichen, gelb oder vielleicht blau. All diese Möglichkeiten existieren gleichberechtigt nebeneinander, solange Sie sich für keine bestimmte entscheiden. Sobald Sie sich aber entscheiden, sagen wir für blau, existieren die anderen zwei Möglichkeiten nicht mehr. Sie können Ihr Haus nicht gleichzeitig blau, gelb und weiß streichen. Das ist der Grund, weshalb alle Dinge vergänglich sind, der Grund, weshalb wir sterben müssen. Das Mögliche basiert auf dem Prinzip des `und´, das Wirkliche aber auf dem des `Entweder-oder´. Und mit jedem `Entweder´, das wirklich wird, geht ein `oder´ verloren. Das führt dazu, dass mit jeder Wechselwirkung, die in der Natur stattfindet, sei es auf atomarer oder auf makroskopischer Ebene, etwas Wirkliches auf Kosten des Möglichen entsteht. Und je mehr Wirkliches entsteht, desto mehr Wechselwirkungen gibt es, desto weniger Spielraum bleibt folglich dem Möglichen. Warum, Señor Gonzales, sind die Naturgesetze so zuverlässig, und warum gibt es so wenige Naturkräfte, nämlich nur vier? Es liegt daran, dass die heute beobachtbaren Naturgesetze und die vier Kräfte das sind, was von den ursprünglich unendlichen Möglichkeiten übrig geblieben ist. Es ist der klägliche Rest dessen, was alles hätte sein können [. . .]"
(Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome, S. 250 ff.)

Mag Reichlins Held Jensen diese Sätze auch in einer mehr oder weniger durchzechten mexikanischen Nacht formulieren, so wird doch hier und in vielen anderen Passagen des Romans sehr deutlich, dass der Autor für seine Geschichte ein überragendes philosophisches Grundmotiv gefunden hat:

"Ich muss die Sprache der Physik nicht beherrschen, um die tiefen Wahrheiten zu lieben, die die Quantenphysik entdeckt hat. Wahrheiten, die jeden Menschen betreffen, weil sie in jedem Menschen wirksam sind."
(Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome, S. 269)
Die "Sehnsucht der Atome" beschreibt so das elementare Bedürfnis der Dinge und Lebewesen nach "Bindung", der Neuordnung aus einem strukturlosen Chaos. Hannes Jensen ermittelt in diesem seltsamen Kriminalfall sicher nicht nach dem Sinn des Lebens, dennoch kann er (und können wir mit ihm) einen kleinen Hauch davon erahnen. Das ist Poesie, ob der Autor mit seinem Grundmotiv hier nun viel zu hoch gegriffen hat oder nicht.
Linus Reichlins Romandebüt kann man mithin als kleine Entdeckung bezeichnen, denn es hinterlässt insgesamt einen nachhaltigen Eindruck. Reichlin ist darin sicher nicht alles gelungen - der Anfang der Geschichte wirkt z.B. ein bisschen spröde und schwerfällig - doch insgesamt schafft er es auf überraschende Weise, die Kraft der Poesie mit den eher weniger feinfühligen Erzählmitteln des Kriminalromans (und der Quantenphysik) zu vereinen. Das ist für sich genommen schon eine starke Leistung. Nicht wahr? - Entscheiden Sie selbst!
[ hs/03.05.2008 ]
Diese Rezension bezieht sich auf das Hardcover von Eichborn vom März 2008
-

Krimi-Specials

Ansehen

Warenkorb:

Übrigens:
Der Versand von neuen Büchern innerhalb Deutschlands ist für Sie bei uns versandkostenfrei.