Titel: So wahr uns Gott helfe

Connelly, Michael

So wahr uns Gott helfe

Originaltitel: "The Brass Verdict" (Little, Brown and Company: New York 2008)
Aus dem Amerikanischen von Sepp Leeb.

Als Mickey Haller ins Gericht von Los Angeles gerufen wird, ahnt er nicht, dass eine folgenschwere Entscheidung vor ihm liegt. Überraschend wird ihm der hochkarätige Klientenstamm seines Kollegen Jerry Vincent übertragen, doch als Haller den Hintergrund erfährt, ist ihm nicht nach Feiern zumute. Vincent wurde Opfer eines kaltblütigen Mordanschlags. Da eine seiner Akten verschwunden ist, liegt der Verdacht nahe, dass der Mörder unter Vincents Klienten zu finden ist. Haller zögert dennoch nicht lange und übernimmt Vincents aktuellen Fall. Der Filmmogul Walter Elliot ist des Mordes an seiner Ehefrau und deren Geliebten angeklagt. Elliot beschwört seine Unschuld, und Haller findet tatsächlich bald den entscheidenden Hinweis, der den Angeklagten entlastet. Doch Detective Harry Bosch hat seine Zweifel, und auch Haller ist nicht gänzlich von Elliots Unschuld überzeugt. Zu spät erkennt er, dass die Beweislage manipuliert wurde.

"Hammett"-Krimi des Monats April 2010

Autor: Connelly, Michael
Titel: So wahr uns Gott helfe
Jahr: 2010-02
Seiten: 510 | Hardcover
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-26636-0
Preis: 19.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Ich hatte den größten Teil der letzten zwanzig Jahre damit zugebracht, schuldige und manchmal bösartige Menschen zu verteidigen. Bisher war es mir immer gelungen, das zu akzeptieren und damit zu leben. Aber im Moment hatte ich kein gutes Gefühl, weder was mich anging noch das, was ich am nächsten Tag tun würde."
(Michael Connelly: So wahr uns Gott helfe, S. 468 f.)

Der, der so redet, heißt Mickey Haller, ist Strafverteidiger und steht vor einer der größten Herausforderungen seines Lebens: Als sein langjähriger Bekannter und Kollege Jerry Vincent einem Mordanschlag zum Opfer fällt, werden durch eine Verfügung Vincents all dessen Fälle auf Haller übertragen. Dadurch gelingt es ihm u.a., die überaus lukrative und öffentlichkeitswirksame Verteidigung des Hollywood-Tycoons Walter Elliot zu übernehmen, der in seinem Wochenendhaus seine Frau und ihren Liebhaber erschossen haben soll.
Haller, der nach den dramatischen Umständen seines letzten Falls (vgl. "Der Mandant") mehr als ein Jahr Auszeit genommen hatte, ist damit urplötzlich wieder voll im Geschäft. Gleichzeitig steht er im Mittelpunkt dunkler Machenschaften, denn zum einen ist Vincents Mörder noch auf freiem Fuß, zum anderen wird bald deutlich, dass sich sein reicher Mandant Elliot sein "Recht" bzw. seinen Freispruch offenbar mit allen Mitteln erkaufen will. So steckt Haller bald im "worst case" eines jeden Strafverteidigers. Er weiß um die Wahrheit, darf diese aber wegen seiner anwaltlichen Schweigepflicht und seiner Verpflichtung gegenüber seinem Klienten nicht preisgeben. Schmerzhaft wird ihm bewusst, welch böses Spiel dabei u.a. mit den Hinterbliebenen der Opfer getrieben wird.

"Sie waren nicht bereit gewesen, mitanzusehen, wie ihr toter Sohn und Bruder durch die Kloake des amerikanischen Rechtssystems gezogen wurde."
(Michael Connelly: So wahr uns Gott helfe, S. 468)

Nun ist Haller beileibe kein Gerechtigkeitsfanatiker. Er weiß nur allzu gut, dass Wahrheit und Gerechtigkeit nicht mit "Recht" gleichzusetzen sind. Allerdings macht es ihn doch stutzig, mit welcher Macht und mit welchem Einfluss es sich das Böse und die Ungerechtigkeit im Rechtssystem häuslich machen.

"Ich wandte den Blick von meinem Mandanten ab und senkte ihn zu Boden. Die Fliesen waren abgenutzt von einer Million Menschen, die eine Million Meilen gegangen waren, um Gerechtigkeit zu finden."
(Michael Connelly: So wahr uns Gott helfe, S. 466)

Währenddessen ermittelt der LAPD-Detective Harry Bosch (!) hartnäckig am Mord des Anwalts Jerry Vincent. Haller ist ihm dabei nicht unbedingt hilfreich, gleichwohl stellt dieser eine Schlüsselfigur in den laufenden Ermittlungen dar. Und so sehr sich beide auch um den Fortgang der Ermittlungen und der Fallerkenntnisse streiten, so sehr sind sie sich doch auch ähnlich. Als Haller immer klarer wird, dass Vincents Mörder es auch auf ihn abgesehen haben könnte, ziehen sie bald mehr oder weniger an einem Strang. Gefährlich wird es für Haller allerdings erst, als er ab einem bestimmten, fast unbewussten Punkt plötzlich zuviel von der ganzen Wahrheit weiß ...

Michael Connellys Roman "So wahr uns Gott helfe" ist nicht nur ein komplexes und vielschichtiges Justizdrama, sondern stellt auch einen zentralen Knotenpunkt in Connellys erzählerischem Universum dar. Hier führt er wie schon bei früherer Gelegenheit die Helden seiner verschiedenen L.A.-Storys zusammen, nur dieses Mal auf eine wirklich sehr elegante und gelungene Weise.
Da ist zum einen der mit allen Wassern gewaschene Anwalt Mickey Haller, der schon in "Der Mandant" unter Beweis stellte, dass man einer zynischen Welt nicht ihrerseits mit ihrem eigenen Zynismus entgegentreten darf, sondern schlicht mit kaltschnäuzigem Pragmatismus. Und da ist zum anderen der hartnäckige Ermittler Harry Bosch, den seine unaufgeklärten Fälle auch noch nach Jahren nicht ruhen lassen. Gerechtigkeit ist bei Bosch mithin eine Frage der menschlichen Würde und Selbstverständnisses. Und Wahrheit ist bei ihm alles andere als ein Handelsobjekt.
Schließlich taucht da noch als beinahe zwielichtige Randfigur der Gerichtsreporter Jack McEvoy auf (vgl. "Der Poet" und "Die Rückkehr des Poeten"), der ganz beiläufig unter Beweis stellt, dass es auch der "vierten Gewalt" nicht unbedingt um `Wahrheit und Gerechtigkeit´ geht, sondern oft nur um Zugang zu Wissen und Definitionsmacht in einer von ihren ursprünglichen Werten entkernten Demokratie.
Aus Letzterem erklärt sich wohl auch die Mühe, die sich Connelly hier zum Beispiel um die Erklärung der Besetzung eines US-amerikanischen Geschworenengerichts gemacht hat. Mit beinahe haarsträubend erzählerischer Präzision zeigt er an diesem Detail des courtroom drama auf, wie sehr ein Rechtssystem in seiner vorgeblichen Unabhängigkeit von außen beeinflussbar und mithin auch käuflich ist.
Das einzige, was an diesem Buch wirklich stört, ist nach wie vor der gewisse Manierismus, mit dem Connelly seine Helden in verlustreiche und dabei dennoch rein spannungstechnische Showdowns führt. Wer einmal Filme wie Billy Wilders "Zeugin der Anklage" oder Otto Premingers "Anatomie eines Mordes" gesehen hat, weiß für den Rest seines Lebens, dass es auch anders geht, nämlich dass sich das eigentliche menschliche Drama im Menschlichen verbirgt und nicht in oberflächlichen Gewalt- und Schreckensmomenten ...

Fazit: "So wahr uns Gott helfe" könnte sich für alle Connelly-Fans zu einem Schlüsselroman dafür entwickeln, was war und was noch kommt in der wahrhaft beeindruckenden Erzählwelt des amerikanischen Autoren.

P.S.: Die hier beigefügte Bewertung möchten wir bitten, als Gesamteinschätzung zu verstehen. "So wahr uns Gott helfe" ist fraglos ein überdurchschnittlicher Kriminalroman (7 von 10 Kugeln), der es auf über 500 Seiten – ohne explizite Gesellschaftskritik – nicht nur versteht, die Schwächen eines Rechtssystems offen zu legen (8 von 10 Kugeln), sondern sich mit der erzählten Geschichte im gleichen Kontext versteht, nahtlos in das große und vielfältige erzählerische Welt seines Autoren einzuordnen (9 von 10 Kugeln).

[ hs/12.03.2010 ]
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