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Nisbet, Jim Dunkler GefährteOriginaltitel: "Dark Companion" (Dennis McMillan Publications: Tucson 2006)
Unsere Meinung:"Ein guter Autor bringt genau das, was du erwartest. Er gibt dir aber auch etwas, von dem du nicht gewusst hast, dass es das gibt. Doch wenn du damit durch bist, wird dir klar, dass dies genau das ist, wonach du gesucht hast."
(Geoff Nicholson) Der Kapitalismus im Allgemeinen und der Kapitalismus im Besonderen steht in unseren krisengeschüttelten Zeiten unter so starker Kritik, dass man fast meinen könnte, eine neue Zeitenwende stünde bevor. Ein fundamentales Versatzstück der allgemeinen Kritik bleibt dabei allerdings mehr oder weniger unausgesprochen: Haben Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, ganz persönlich schon je einmal gefragt, welches Welt- und Menschenbild durch jene mächtige Wirtschafts- und Lebensideologie "Kapitalismus" geprägt wird? Und wenn Sie dann vielleicht für sich selbst herausgefunden haben, wie der kapitalisierte "Hase" läuft oder die Heuschrecke springt – entspricht das dann wirklich Ihrem Selbst- und Weltbild? Ja, es ist so eine Sache mit dem Welt- und Menschenbild und dem ganz Persönlichen im Ganzen. Und es mag ungewöhnlich klingen, dass ein einfacher Kriminalroman wie dieser "Dunkle Gefährte" nach der "conditio humana" (und nicht nur nach irgendwelchen Schlachthasen oder der "conditio lepus") fragt, was man ansonsten im Grunde doch nur von Philosophen wie Augustinus, Hannah Arendt oder Roland Barthes und sogenannten Großschriftstellern wie Simone de Beauvoir, André Malraux oder Thomas Mann erwartet. Aber nein, die "condition humaine" ist auch in anderen Bereichen im Grunde doch ein allgegenwärtiges und bestes Thema – zumindest bei klugen Autoren (welcher Couleur auch immer). Die "condition humaine" durchzieht so z.B. mit erzählerischem Weltblick das Werk Georges Simenons, pocht mit dem gepeinigten Herz eines Friedrich Glauser, ist das düstere Grausen eines James Ellroy oder David Peace und findet sich auch im Grundanliegen eines Friedrich Ani wieder. Jim Nisbet zählt fraglos zu solch ernsthaften Autoren, aber bei ihm ist der erzählerische Ernst mit so viel Humor und Ironie vorgetragen, dass das Wandern der Augen durch seine geschriebenen Zeilen eine wahre Freude ist. Nisbets Romanheld, der indisch-stämmige Akademiker Banerjhee Rolf ist dabei ein Archetyp der Moderne. Er ist ein Entwurzelter, der zum einen durch einen Zufall und zum anderen schlicht wegen seiner Menschenfreundlichkeit (!) zum Mörder wird. Er wird mit dem Absurden dieser Welt konfrontiert wie ein Frosch zur Laichzeit mit dem 40-Tonnen-Sattelschlepper auf der Landstraße. Ein Wunder, dass er noch menschlich bleibt und selbst seinen Mitmenschen noch Trost spenden kann: "Ganz Menschenfreund, nahm er sie dennoch behutsam in die Arme. Sie schmiegte sich an ihn, und eingedenk ihres zuvor eher lauten Lamentos kam ihm vor allem anderen das Bild einer Katze in den Sinn, die, nachdem sie sich lauthals beschwert hat, nun in der Annahme, ihren Menschen gefunden zu haben, sogleich zu schnurren begann." (Jim Nisbet: Dunkler Gefährte, S. 83) Schauen wir genauer hinein in das vielbeschworene "Herz der Finsternis", mit dem sich gerade viele der gängigen Kriminalromane schmücken, dann bemerken wir allzu schnell: Nur sehr wenige zeitgenössische Kriminalautoren sind sich des wirklichen Ernstes ihres Schaffens und Schreibens bewusst. Für die meisten unter ihnen ist Kriminalliteratur nur das einfache Vehikel für eine allgemeine Unterhaltungsindustrie, in der sie – ganz im Gegensatz zu ihrem eigenen Selbstbild – nur einen "billigen" Produktionsarbeiter abgeben, der am Ende der Produktionslinie schlicht dazu beiträgt, den Konsumenten mit breiter, überflüssiger Massenware zu versorgen. Frank Nowatzki, Übersetzer und Herausgeber von Jim Nisbet, hat diesen Gesamtkomplex an Fragen in seinem Vorwort zu diesem Buch mit einem Zitat von Derek Raymond folgendermaßen auf den kritischen Punkt gebracht: "Die Tatsache, dass manche von uns nur in die Welt geboren wurden, um ermordet zu werden, ist für alle Welt deutlich zu erkennen, und ebenso, dass unsere generelle Tragödie darin besteht, dass wir die Gesellschaft so definieren, wie wir glauben, dass sie sein sollte, und dazu die Begriffe derer verwenden, die sie so aufrechterhalten, wie wir wissen, dass sie nicht sein sollte." (Derek Raymond; zitiert nach Frank Nowatzki, Shareholder-Value, schwarze Löcher und Synekdoche. Ein Vorwort zu Jim Nisbets "Dunkler Gefährte", S. 5-11) Damit befinden wir uns nun endlich mitten in dem seltsam polyglotten und mehrdeutigen Roman "Dunkler Gefährte": Banerjhee Rolf ist ein indisch-stämmiger Biochemiker, der einen hochdotierten Job in einer kalifornischen BioTech-Firma hat. - - - Oder besser: Hatte. Nach einer feindlichen Übernahme seiner Firma sitzt er – ob nun hochqualifiziert oder nicht – plötzlich buchstäblich auf der Straße. Banerjhee ist einigermaßen befremdet über seinen kalten Hinauswurf nach den vielen Jahren der treuen Betriebszugehörigkeit. Dennoch ist er sich natürlich seiner Fähigkeiten bewusst, macht sich nach seiner Entlassung gleich entschieden auf Jobsuche, stößt aber schon bald an mehr oder minder seltsame Grenzen: "Schließlich ging er mit seinem Lebenslauf zu einem Headhunter. Dieser Mensch bat ihn zunächst, Platz zu nehmen, während er ausgiebig Banerjhees Unterlagen studierte. An der Wand hinter dem Schreibtisch hing eine Fotografie: der Headhunter in einem rot-weißen Hawaiihemd mit Ananasmuster, eine Hand auf der Rückenflosse eines riesigen Blauen Marlins, der kopfüber an einem Fleischerhaken über rohen, verwitterten Holzplanken baumelte." (Jim Nisbet: Dunkler Gefährte, S. 62) Alle "Bewerbungen" des Hochqualifizierten bleiben erfolglos. Ein mutmaßlicher Herzfehler degradiert ihn dabei zusätzlich zum Ausschuss eines gnadenlosen Arbeitsmarktes. Banerjhee, der bis dahin in glücklicher Ehe mit seiner Frau Madja im schönen Kalifornien lebt und einen Sohn hat, der in Chicago Chemie studiert, sieht seine gesamte, bis dahin so wohlgeordnete Existenz langsam zusammenbrechen. Während er zuhause und arbeitslos über seiner Zukunft brütet, lernt er zwangsläufig seine bis dahin eher unbekannte Nachbarschaft genauer kennen. Vor allem Toby Pride in seiner direkten Nachbarschaft wird ihm da zur besonderen Qual. Der ist eine Nervensäge vor dem Herrn, pflegt offenbar exzessiven Drogenkonsum und Sitten, die Banerjhee genauso abstoßen wie auf gewisse Weise auch anziehen. Und hierzulande würden diverse Politiker Toby Pride wohl schlichtweg und zielgenau als Hartz-4-Empfänger oder Sozialschmarotzer verorten. Im Armenland USA ohne ausgefeilte Regelsätze ist so jemand erst mal nichts weiter als ein Freak, der sein Leben nicht geregelt bekommt. Doch der prüfe zweimal, der sich an bestimmte ideologische Vorstellungen bindet: Toby ist gar nicht der, als der er erscheint. Er folgt einer höheren Gewalt. Und deshalb gerät Banerjhee eines Abends wegen Toby (und seiner sinnlichen Freundin Esme) noch in eine größere Not und in ein absolutes existenzielles Chaos, das ihn auf eine eigentlich ungewollte und völlig irre Reise führt ... ... die mit folgenden letzten drei Sätzen endet: "Der Derringer steckte unter Banerjhees Parka, schmiegte sich zwischen Gürtel und Rücken. Zwei leere Patronen, kalt und still, befanden sich in den Kammern. Banerjhee zog ihn trotzdem." (Jim Nisbet: Dunkler Gefährte, S. 191) Das kann für die Handlung alles bedeuten oder nichts. (Das verraten wir Ihnen hier nun natürlich nicht!) – Lesen, sehen und erkennen Sie doch selbst! Fazit: Jim Nisbets "Dunkler Gefährte" ist ein wunderbar lakonischer wie moderner Noir-Roman, der auf unsere Zeit wie der Sekundenzeiger auf den Minutenzeiger und der Minutenzeiger auf den Stundenzeiger der Uhr um zwölf Uhr mittags passt. Sein durch und durch bemerkenswerter Plot ist meisterhaft getaktet, eröffnet ganz ungewöhnliche Spannungs- und Überraschungsmomente und bietet übrigens in letzter Konsequenz einen der überraschendsten und "coolsten" Romanschlüsse des Krimijahres 2009. Jim Nisbet? - Er dürfte, er darf in D nach diesem Buch kein Unbekannter mehr sein ... [ hs/04.12.2009 ]
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