Titel: Stadt der Verlierer

Faschinger, Lilian

Stadt der Verlierer

"Wien ohne Wiener, das wäre ideal ..."

Matthias Karner hat das Gefühl, im Leben zu kurz gekommen zu sein. Nun rächt er sich an der Welt, indem er seinen Status als Frauenheld schamlos ausnutzt. Bis er auf die rätselhafte Vera trifft, die sich das Leben nehmen wollte und von Matthias gerettet wird. Eine gefährliche Liebschaft nimmt ihren Lauf.

"... die Stadt ist ein Fall für die Neutronenbombe."

Ausgezeichnet mit dem Friedrich-Glauser-Krimipreis 2008

Autor: Faschinger, Lilian
Titel: Stadt der Verlierer
Jahr: 2010-02
Seiten: 316 | Taschenbuch
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-13825-3
Preis: 9.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Der junge Bohemien Matthias Karner lebt in den Tag hinein und nimmt die Frauen als Sex-Maniac wie sie kommen. Bruce Springsteen ist dabei für den Möchtegern-Musiker und Milchbart-Macho einfach der Größte. Seine Heimatstadt Wien hasst und liebt er zugleich. Gleichzeitig durchstreift der Tagedieb und Taugenichts ruhelos ihre Straßen in dem Bewusstsein, vom Leben benachteiligt worden zu sein, nein, von ihm – dem Leben - sogar nach Strich und Faden betrogen worden zu sein. Denn als genauso ungeliebter wie liebloser Adoptivsohn einer spießbürgerlichen Beamtenfamilie sucht er ziellos nach seiner wahren Identität. Mit Liedzeilen von Springsteen tröstet er sich über seine Larmoyanz hinweg:

"It’s a town full of losers/And I’m pulling out of here to win.
Genau wie Wien, dachte ich. Verlierer und Verrückte. Egal, wo man hinging, sie waren überall. Am besten war es, man mied die Leute."
(Lilian Faschinger: Stadt der Verlierer, S. 21)

Auf einem seiner Streifzüge findet er in einem Park eine junge Frau nach einem Selbstmordversuch vor und rettet ihr damit gerade noch das Leben. Die äußerst attraktive und mindestens genauso geheimnisvolle Vera dankt ihm das kurze Zeit später mit einer wilden Affäre, wobei Karner nur langsam klar wird, welche besondere Anziehungskraft er auf sie ausübt. Denn in Karners Leben hat bisher noch nicht allzu viel geklappt, nur bei Frauen hat er seltsamerweise immer wieder Glück, obwohl er dabei eher ein Zyniker und Misanthrop als ein Charmebolzen ist.

"Was macht man mit einer Frau, wenn man sie nicht gerade fickt?"
(Lilian Faschinger: Stadt der Verlierer, S. 19)

"Wien ohne Wiener, das wäre ideal. [...] Die Stadt ist ein Fall für die Neutronenbombe."
(Lilian Faschinger: Stadt der Verlierer, S. 223)

Karner erweist sich im Weiteren nämlich nicht nur als ziemlich "schwanzfixiert", sondern als tief gestört. Nur die Beziehung zu der geheimnisvollen Vera geben seinem Leben einen anderen Antrieb als sein Zynismus und triefendes Selbstmitleid. Nun ist das Tragische dabei, dass es das Leben tatsächlich nicht besonders gut mit ihm gemeint hat.
Bald tritt das Schicksal nämlich ein weiteres Mal auf den Plan, als die Detektive Dr. Emma Novak und Mick Hammerl (sic!) ihn aufspüren und ihm mitteilen, dass seine leibliche Mutter auf der Suche nach ihm ist. Es ist die reiche Gastronomin Greta Mautner. Gleichzeitig erfährt Karner, dass er einen Zwillingsbruder hat, nämlich den erfolgreichen Star-Diplomarchitekten Dr. "Niki" Mautner. Dass sich dieser wiederum bald als der Ehemann von Vera herausstellt, das mag dann allerdings doch ein wenig zuviel gewesen sein für den Psychopathen Karner (und für manche Leser) ...

Was ist das denn?, dachte ich mir zuerst, als ich mir den Wiener Kriminalroman "Stadt der Verlierer" vorknüpfte. Ingrid Noll auf Speed? Wolf Haas auf Tranquilizern? Doch dann machte ich mir nach S. 45 und folgenden Sätzen einen starken Tee und gab mich den seelischen Verirrungen und der gediegenen Langeweile dieses, ja, "psychologischen Kriminalromans" hin:

"Das verstehst du nicht. Ich brauche Strukturen. Meine Mutter hat jahrelang in der Kommune von Otto Mühl im Burgenland gelebt. Ich bin in Friedrichshof geboren, sie hat keine Ahnung, wer mein Vater ist. In meinem Taufschein ist als erster Vorname Warhol eingetragen und als zweiter Jagger [...] ich heiße Warhol Jagger Hammerl. Daß ich mich Mick nenne, ist ein Kompromiß. Während ihrer Schwangerschaft hat meine Mutter ständig einen tragbaren Sony-Kassettenrekorder mit eingebautem Lautsprecher an ihren Bauch gedrückt, damit ich die Vibrationen von Velvet Underground spüre und ein besserer Mensch werde."
(Lilian Faschinger: Stadt der Verlierer, S. 45)

So verschränkt Lilian Faschinger ihre schrägen, überdrehten und quasi episodischen Geschichten um den Psychopathen Karner in mehreren schicksalhaften Wendungen mit denen der neurotischen Wiener Restbevölkerung. Da bekommt dann auch bald jeder sein Fett weg, dabei neben dem depperten Alltagshansel und den "dummen Frauen" vor allem die Wiener Schickeria, die statt dem Duft der großen weiten Welt und der Haute-Volée nur einen strengen Hautgout von sich gibt:

"Ich hatte genug und ging. Die Stützen des Wiener Kulturlebens. Typen mit Haarschwänzen, bildende Künstler, Theaterleute, die aussahen wie Betreiber von Praterkarussells, die meisten schwul, Scharen wie geklont wirkender, abgestandener Mittvierziger mit kurzgeschorenen Haaren, graumelierten Stoppelbärten und schwarzen T-Shirts unter weiten schwarzen Anzügen mit zu langen Hosen, die auf jedem Event herumwatschelten wie die Pinguine. Auf jedem Mega-Event. Auf jedem Giga-Event [...] Man konnte sich kaum vorstellen, dass sie ihn hochkriegten. Aber sie waren angesehen und machten jede Menge Kohle. Ausgezehrte, hohlwangige, ebenso reizlose Enddreißigerinnen, die hingerissen an den Lippen jedes vorzeitig ejakulierenden preisverdächtigen Poeten hingen, der eines der städtischen Kulturetablissements mit seiner Anwesenheit beehrte."
(Lilian Faschinger: Stadt der Verlierer, S. 96 f.)

Derb zumal ist dabei die Sprache der Faschinger. Sie haut teilweise drein wie ein Qualtinger, blödelt zum Teil herum wie bei "Kottan ermittelt" und schafft es dennoch nie, aus ihren verschiedenen erzählerischen Versatzstücken ein glaubwürdiges Ganzes zu schaffen. Zu vorhersehbar und konstruiert wirkt die Verlierergeschichte des Matthias Karner, etwas zu effekthascherisch die Sexbeilagen und der Lokalkolorit, darin vor allem die zweifelhafte Rolle Veras, zu abgedroschen die schicksalhafte Zwillings-Story und zu blöde und gewollt letzten Endes die einfach darüber gelegte Kriminalstory. Ihren Detektiv dann dabei auch noch Mick Hammerl (wohl in Anlehnung an Mickey Spillanes Detektiv Mike Hammer) zu nennen, das zeigt nur in einem kleinen Detail, dass Faschinger sich hier mit ihren Versatzstücken ziemlich verpuzzelt hat.
Gleichwohl fehlt es dem Roman keineswegs an Ironie, denn erst das "Auffinden" des weltverdrossenen Karners provoziert später schließlich den tatsächlichen Kriminalfall, während Hammerl in einer anderen Episode einen durchaus vorhersehbaren Giftmord beiläufig vor seinen Augen "vorüberziehen" sieht.

Fazit: So deftig und einfallsreich der Roman "Stadt der Verlierer" auch daherkommen mag, er hinterlässt einen faden Beigeschmack. Auch was den sarkastischen Humor des Buches anbetrifft: das alles hat nur stellenweise Spaß gemacht. Und was uns die Autorin mit ihrem Verlierer Karner und den vielen anderen Anti-Helden, die sich in diesem Buch tummeln, sagen wollte, dass habe ich zwar an manchen Stellen erkannt oder erahnt, aber in dem verschlungenen und teilweise langatmigen Plot dann doch irgendwie schon wieder vergessen ...

[ hs/15.03.2010 ]
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