Titel: Das Wochenende

Schlink, Bernhard Das Wochenende

Nach 20-jähriger Haft hat ihn der Bundespräsident begnadigt. Zum ersten Wochenende in Freiheit lädt seine Schwester die alten Freunde ein. Für sie ist das Leben weitergegangen. Und für ihn? Was bleibt von der Zeit der Gewalt? Legenden? Bewältigung? Sprachlosigkeit?
Mit der atmosphärischen Intensität eines Kammerspiels wird Bilanz gezogen.

Autor: Schlink, Bernhard
Titel: Das Wochenende
Jahr: 2010-02
Seiten: 225 | Taschenbuch
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-23965-2
Preis: 9.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Die Terroristen unsere verirrten Brüder und Schwestern?" Ulrich schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht zu einem Ausdruck nicht nur der Ablehnung, sondern der Abscheu. "Glaubt ihr das auch?" Er sah in die Runde.
Ilse brach das Schweigen. "Ich habe damals nicht vom Kampf geredet. Ich habe überhaupt nicht geredet. Ich habe mit den Mädchen Kaffee gekocht und Matrizen geschrieben und Flugblätter abgezogen. Du nicht, Karin, und du, Christine, auch nicht - ich habe euch dafür bewundert und beneidet. Jörg und die anderen, die gekämpft haben, habe ich erst recht bewundert. Ja, der Kampf war Unsinn. Aber alles war damals Unsinn. Der Kalte Krieg und die Geheimdienste und das Wettrüsten und die heißen Kriege in Asien und Afrika - wenn ich daran zurückdenke, kommt es mir verrückt vor." Sie lachte.
(Bernhard Schlink: Das Wochenende, S. 44)

Vorausgeschickt: "Das Wochenende" ist ein durch und durch deutsches Buch. Das beginnt damit, dass seine Protagonisten Christine, Henner, Ilse, Ulrich, Karin, Andreas und Jörg ausschließlich typische deutsche Namen tragen. Dazu kommt das Thema des Romans, das mit "Vergangenheitsbewältigung" keinesfalls irreführend beschrieben werden soll. Und nicht zuletzt strömt aus der Betrachtungsweise dieses typisch deutschen Erzählstücks eine Atmosphäre der "Innerlichkeit", die einer vielgestaltigen Meditation nahe kommt.
Jene Christine, Henner, Ulrich & Konsorten erzählen uns nämlich in beinahe impressionistischen Ansichten von ihren Fantasien und Tagträumen, von ihren Gefühlen und Leiden. Diese Selbstbesinnungen konterkarieren aber die Vergangenheit der Figuren, die, bevor sie irgendwann ihren festen Platz im bürgerlichen Leben gefunden hatten, linksextreme Sympathisanten, Unterstützer und Aktivisten waren und einer idealistischen und sozialrevolutionären Lebensphilosophie folgten, die den konkreten Menschen, seine vielgestaltige Existenz und seine Subjektivität noch radikal bekämpften.
Im Hintergrund dieser Schlink’schen Miniaturen über 225 Seiten stehen für jeden Leser gleich erkennbar die Geschichte und Gegenwart der RAF und nicht zuletzt die aktuellen Diskussionen um die Amnestie von RAF-Terroristen:
Jörg hat es geschafft. Nach zwanzig Jahren Gefängnishaft hat der Bundespräsident persönlich seine Begnadigung für den RAF-Terroristen ausgesprochen. Mit Hilfe seiner Schwester Christine versucht Jörg seine ersten Schritte in Freiheit. Sie ist es auch, die ein Wochenendtreffen mit alten Freunden in einer verfallenen Villa auf dem Lande arrangiert.
Für Jörg ist diese "Sommerfrische" in der ostdeutschen Provinz nahe Berlin aber nur eine Schonfrist. Es ist ihm sehr wohl klar, dass nach diesem Wochenende die Medien gnadenlos und wie Geier und Hyänen über ihn herfallen werden. Doch er hat bereits eine Erklärung vorbereitet, die unter seinen Freunden bald Gegenstand heftiger Diskussionen und Auseinandersetzungen wird . . .
Als Kriminalroman kann man Schlinks neues Buch ganz sicher nicht bezeichnen, gleichwohl setzt er sich hier erzählerisch wieder mit den Folgen von Verbrechen auseinander. Oder konkreter: mit Recht und Unrecht politischen Handelns und der Legitimität politischer Gewalttaten. Und wie schon in "Der Vorleser" geht es hier um das Menschsein in einer höchst ambivalenten Täterschaft. Beiden, sowohl der KZ-Aufseherin Hanna Schmitz im "Vorleser" wie auch dem Terroristen Jörg im "Wochenende", werden die Folgen ihrer Taten nach vielen Jahren noch einmal deutlich vor Augen geführt, während sie weitgehend in ihren Erinnerungen und auf ihren Standpunkten verharren. Danach sind es vor allem ihre Freunde, die an der Schuld ihrer Verbrechen und einer potenziellen Mitschuld leiden.
Schlinks anspielungsreicher Roman findet aber keinen passenden Ausdruck für den hier ins Visier genommenen fortgesetzten Generationenkonflikt. Er ähnelt eher einem konstruierten Kammerspiel. Diese Kammer ist allerdings zu eng und zu beschränkt, als dass sich Schlinks kritische "Sommerfrische" etwa zu einem tschechow’schen Gesellschaftsdrama hätte aufschwingen können. (Die Form eines Bühnenstücks wäre der Geschichte ohnehin weit angemessener gewesen.)
"Das Wochenende" spielt aber nur mit seinen verschiedenen Motiven, die in einem deutschen Widerspruch der Gegenwart aufgehen: dem Jetzt eines gesättigten und desillusionierten Bürgertums, das sich - nebenbei die Katastrophe von Nine-Eleven deutlich vor Augen - vor den eigenen Erinnerungen genauso gruselt wie ergötzt. Das wird übrigens an zwei anekdotischen Nebenhandlungen deutlich, in denen die Figuren ihren vorgeblichen und fingierten Tod zum Aufbau einer neuen Existenz nutzen.
Bernhard Schlink bleibt also insgesamt der großen Linie treu, in seinen Romanen und Erzählungen die deutsche Gegenwart und Vergangenheit durch kriminalistische Handlungen zu verknüpfen. Auch in "Das Wochenende" gibt er zahlreiche Denkanstösse, indem er mithin fragt, was denn aus dem "linken Gesellschaftsprojekt" von einst geworden sei.
Als Jurist steuert Schlink seiner Geschichte jedoch einen leicht moralinsauren Diskurs bei, indem er die "sophistische" Frage stellt, wie aus den Kindern von Nazimördern mordende Terroristen hatten werden können. Mir ist jedoch nicht bekannt, dass Niklas Frank, Klaus Eichmann, Albert Speer jr. und seine Schwester Hilde Schramm oder andere direkte Abkömmlinge von hochrangigen Nazis mordend durchs Land gezogen sind. Mir ist ebenso wenig bekannt, dass Andreas Baader, Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin sich in alter Nazi-Manier als Mörder betätigt hätten. In welche Sippenhaft nimmt Schlink hier denn eine ganze Generation?
Mit solchen und anderen unterschwelligen Analogieschlüssen werden ja gemeinhin jene radikalen "Kämpfer" der RAF allzuoft 1:1 mit "der Linken" gleichgesetzt und dadurch mit höheren Zielen und Sinngehalt geadelt. Jedoch wird dabei mit einer kaum fassbaren intellektuellen Fahrlässigkeit meist ausgeblendet, welche relative Bedeutungslosigkeit und fragwürdige intellektuelle Qualität jene RAF-Spießgesellen mit ihrer Organisation zu Tage förderten, - übrigens weit weg davon, je eine ernstzunehmende "geistige" Bewegung oder Strömung in der alten Bundesrepublik tragen zu können. Anderseits wird dadurch die substanziell fortschrittliche Gesellschaftsströmung überschattet und ausgeblendet, die zur gleichen Zeit eine höhere, zum politischen Handeln befähigende Bildung vermitteln wollte. Ob diese in ihrer Gesamtheit als "links" bezeichnet werden kann, das sei dahingestellt. Ideologische Begriffsklauberei. Sie leitete jedoch zweifellos eine wichtige aufklärerische Epoche der Bundesrepublik ein, die sich auf den Menschen, seine Ethik und sein Erkenntnisvermögen ausrichtete und ihresgleichen sucht. Darauf kommt es an. Sie vertrieb den reaktionären Mief und den strukturell repressiven und gewalttätigen Machtapparat der frühen Bundesrepublik, der sich immer noch aus den autoritären Mustern des wilhelminischen und hitlerischen "Zeitalters" speiste. Der Widerstand und der Aufbruch gegen diesen autoritären Geist ist das große Freiheitsmoment, von deren grundlegender Bedeutung wiederum die RAF-Klientel in ihrer großen Verblendung und vorgeblich kritischen Gesellschaftsanalyse offenbar keinen blassen Schimmer hatte.
Zurück zu Bernhard Schlink und seinem Kammerspiel: Schlink bleibt Schlink. Und sein Roman "Das Wochenende" ist in dieser wie in anderer Hinsicht keine wirklich geistreiche oder spannende Lektüre. Bemerkenswert erscheint mir dabei allenfalls noch ein Blick auf seine schriftstellerische Entwicklung, bei der von einem "weiter" leider kaum die Rede sein kann. Das Buch hat mich u. a. deshalb so enttäuscht, weil ich Schlinks erzählerisches Werk bis dahin als weit "reifer" eingeschätzt hatte. Nicht zuletzt werden in dem Roman leichthin sehr viele Fragen gestellt. Fragen über Fragen über Fragen, - und nur wenige davon werden tatsächlich beantwortet, so wirken sie nicht selten einfach in den Raum gestellt. Steht Bernhard Schlink am Ende seinen Figuren womöglich mit einer gewissen Sprach- und Ratlosigkeit gegenüber?
Nun, trotz allem vermag der geschickte Autor ungeachtet einer seltsamen Schwerfälligkeit und einem befremdlichen ästhetischen Biedersinn noch ein interessantes Licht auf den die gegenwärtige Gesellschaftsdiskussion zu werfen, doch da ihm offenbar sowohl die ironische Distanz zu seinen Figuren und darüber hinaus die intellektuelle Distanz zu seinem erzählerischen Gegenstand fehlen, muß ich dieses Buch leider als "lost weekend" verbuchen.
[ hs/12.04.2008 ]
Diese Rezension bezieht sich auf das Hardcover vom März 2008
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