Titel: Ein Rest von Schuld

Rankin, Ian Ein Rest von Schuld

Originaltitel: Exit Music (Orion Books: London 2007)
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini

Als in Edinburgh der russische Dichter und Dissident Alexander Todorow ermordet wird, bleibt Inspector Rebus nicht viel Zeit, um die Wahrheit zu finden. In wenigen Tagen endet seine Dienstzeit, und er weiß, dass seine Vorgesetzten die Sache am liebsten schnell zu den Akten legen würden. Ihrer Ansicht fiel Todorow einem Raubüberfall mit tödlichem Ausgang zum Opfer, doch Rebus argwöhnt, dass russische Geschäftsleute etwas mit der Sache zu tun haben. Dann kommt ein möglicher Zeuge bei einem Brand ums Leben, und Rebus sieht seinen Verdacht bestätigt

Autor: Rankin, Ian
Titel: Ein Rest von Schuld
Jahr: 2010-03
Seiten: 541 | Taschenbuch
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-46940-6
Preis: 9.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

In dem mutmaßlich letzten Kriminalroman aus Ian Rankins Serie um den Edinburgher Kommissar John Rebus wird von einem jungen Mädchen zunächst ein Mann mittleren Alters auf offener Straße ermordet aufgefunden. Schnell wird deutlich, dass die Polizei es hier mit dem russischen Dichter und Dissidenten Alexander Todorow zu tun hat. Nun ist der Dichter tot, und diese Tatsache gestaltet sich allein schon deshalb als heikel, weil sich gleichzeitig eine hochoffizielle russische Handelsdelegation in der Stadt aufhält, von der sich wiederum einige Geschäftsmänner und Politiker hohe Investitionen und lukrative Geschäfte erwarten.

Währenddessen steht Rebus kurz vor seiner Pensionierung. Und wie schon in früheren Fällen sehen es seine Vorgesetzten gar nicht gerne, mit welchem Eifer er sich in Ermittlungen stürzt, die immerhin einige politische Irritationen auslösen könnten. Sie sind froh, Rebus bald und endlich loszuwerden. Doch weder Rebus noch seine treue Mitarbeiterin Siobhan Clarke lassen sich von ihren zähen Nachforschungen abbringen. Als klar wird, dass der dubiose Oligarch Andropow, der die russische Delegation anführt und der in Edinburgh seit geraumer Zeit seine Fäden zieht, lassen sie natürlich erst recht nicht locker.
Dennoch müssen Rebus und Clarke in verschiedene Richtungen ermitteln, da die persönlichen Lebensumstände der Zeugin, die den toten Dichter in der Tatnacht auf der Straße vorfand, in verwirrender Weise ebenfalls auf mächtige, aber etwas andersgeartete Interessen im Hintergrund hindeuten. So scheint u. a. auch wieder Rebus’ Erzfeind, "Big Ger" Cafferty seine Hände im Spiel zu haben. Zu allem Überfluss wird zur gleichen Zeit in London der russische Regimekritiker Litwinenko Opfer eines perfiden Giftanschlags, dem er nach tagelangen Siechtum im Krankenhaus erliegt.
Haben es Rebus und seine Kollegen womöglich im Fall Todorow mit dem russischen Geheimdienst, der russischen Mafia oder gar staatsterroristischen Hintergründen zu tun?

"Ein Rest von Schuld" ist - mit einigen Abstrichen - der gelungene und würdige Abschluss der Rebus-Reihe. Dennoch bleibt das Ende dieser großartigen Krimiserie in gewisser Weise offen. Nach den letzten Zeilen des Romans, die an einem Sterbebett spielen, weiß man nicht, was aus John Rebus wird. Ian Rankin hat zwar verlauten lassen, dass er mit seinem müden Helden Rebus erst einmal abgeschlossen hat - dementsprechend trocken läutet er auch die Abschiedsmusik für ihn ein. Einiges anderes deutet aber gleichzeitig darauf hin, dass der Autor nicht abgeneigt ist, sich seinen literarischen Goldesel für weitere Fortsetzungen warm zu halten. Tröstlich bleibt bei allen Erwägungen, dass Rankin die Saga um seinen Helden Rebus nicht entgleitet, so wie es zuletzt zum Beispiel Henning Mankell widerfuhr, der seinen Protagonisten Wallander ziemlich einfallslos und beinahe sang- und klanglos in den Ruhestand schickte.

Was aber auch bei dem mutmaßlich letzten Rebus-Roman "Ein Rest von Schuld" auffällt, das ist, wie sehr die Serie inzwischen an Vitalität und Spann(ungs)kraft verloren hat. Schwächen wie die recht oberflächliche Bearbeitung zeitgeschichtlicher Themen, die sich bereits in "Im Namen der Toten" zeigten, offenbaren sich hier erneut. Konnte man dort schon die bemühten Versuche herauslesen, das Gipfeltreffen der G8-Staaten in dem schottischen Luxushotel Gleneagles in eine Krimihandlung einzubinden und mit kritischen zeitgeschichtlichen Seitenhieben zu verknüpfen, so bleiben auch in "Ein Rest von Schuld" die Anspielungen auf den wahren Fall des russischen Regimekritikers "Litwinenko" nur oberflächliche und thematisch nicht durchdrungene Randnotiz eines im Grunde simplen und in der Folge nur spannungstechnisch verkomplizierten Serienromans. Das ist die gelinde Enttäuschung bei der Lektüre von "Ein Rest von Schuld". - Zur Beruhigung der Fans: Eine Enttäuschung übrigens, die ganz sicher nicht jede/r in den Roman hineinlesen muss.

Prägnanter ist da vielleicht schon die Erkenntnis, wie sehr Rankin hier seine früheren Erzählmuster wiederholt. Er liefert sein übliches (und früher nahezu perfektes) Programm ab: Da ist der gewohnt renitente Rebus, der seinen Vorgesetzten wie immer ein Dorn im Auge ist, gleichzeitig aber von seinem Team meist in allen Notlagen unterstützt wird. Da tauchen gleichzeitig wie fast immer gefährliche Gegenspieler in den eigenen Reihen auf, die Rebus zur Not auch bis aufs Blut bekämpfen. Dazu kommen wie immer ordentliche Prisen Lokal- und Zeitkolorit, was immerhin bewirkt, dass man die Rebus-Romane auch noch in vielen Jahren mit Genuss wird lesen können. Schließlich wabert über aller gesellschaftskritischen Morgenröte und literarischem Anspielungsreichtum im Frühnebel von Edinburgh noch buchstäblich die genauso klassische wie simple Frage: Wer hat’s denn nun wirklich getan?

Stereotypen hin oder her: Die frühen Rebus-Romane brauchten knapp 200 bis 300 Seiten, um ihre Geschichte zu erzählen. Zuletzt kamen Leser/innen dann kaum unter 500 Seiten weg, wenn sie sich ein neues Abenteuer des schottischen Polizisten zu Gemüte führen wollten. Unter dieser tendenziellen Aufgeblasenheit litt dann in der deutschen Fassung zum Teil die Qualität der Übersetzung, weil die Übersetzer(teams) und die Lektorate bei solchen Seitenmengen und dem Bestseller-Druck wohl nicht mehr die nötige Sorgfalt walten ließen.
Und dies ist nicht nur ein persönlicher Eindruck, sondern wurde uns hier in der Hammett Krimibuchhandlung doch bemerkenswert oft von Leser/innen zugetragen.
Wollte man diese Leserkritik nun an dem jüngsten Roman und seiner Übersetzung dingfest machen, so mag man sich durchaus fragen, weshalb u.a. ein öffentliches, im Souterrain liegendes `Bumslokal´ oder Pornoschuppen unbedingt als "Kellersauna" (S. 118) bezeichnet werden muss. Und umgekehrt: Was um Rebus’ Willen ist damit gemeint, wenn ihm, Rebus, an anderer Stelle einmal beschieden wird, dass ihm in seiner Karriere "der richtige K.-o.-Bums fehlte" (S. 105)? War da vielleicht `Schneid´ gemeint? Treffer? Großer Erfolg? Und man möchte es eigentlich gar nicht miterleben, wenn Rebus auf Seite 150 statt seiner Finger "seine Wirbelsäule knacken" lässt. Diese Liste der Merkwürdigkeiten ließe sich beliebig fortführen. Selbst wenn einen das "mausbraune Haar" (S. 159) eines Zeugen nicht leicht irritiert, dann doch irgendwie und irgendwann später solche Augenweiden wie die "Bakterchen" (verniedlichend für `ein paar Bakterien´; S. 482).
Ich möchte übersetzerische Leistungen gewiss nicht gering schätzen, Richtigkeit und Unrichtigkeit der gewählten Begriffe seien dahingestellt. Über Sprache lässt sich immer streiten. Doch der Ton macht letztlich die Musik. Und deshalb fiel es mir ganz persönlich bei der Lektüre des Romans auf den ersten 100 Seiten tatsächlich wegen solcher kleinen Übersetzungsdetails schwer, in den notwendigen Lesefluss zu kommen, um mich allein auf die Geschichte konzentrieren zu können. (Nur mit angelegten Scheuklappen konnte ich letztlich auch diesen Rebus-Roman einigermaßen genießen. Mithin ist daher eine unauffällige Übersetzung oft eine bessere Übersetzung.)

Doch fern aller Detailkritik steht für die meisten Rebus-Fans vor allem die Frage: Ist für Rebus nun "aller Tage Abend"? - Das können wir natürlich nicht beantworten. Das weiß momentan nur Herr Rankin. Wir hoffen allerdings, dass er Mr. Rebus nur wiederaufleben lässt, wenn ihm wirklich Neues zu seinem einzigartigen Helden einfällt - oder wenn er ihn vielleicht auf seine Weise in Edinburgh so zu vererden vermag, wie es einst Simenon mit seinem Maigret in Paris gelungen ist: Widerständig. Der Welt und ihre Menschen verstehend und den bösen Entgleisungen des Lebens erzählerisch doch trotzend. Zeitlos.

Die Welt ist schließlich eine Bühne, deren Stücke immer wieder neu besetzt werden.
[ hs/30.09.2008 ]
Diese Rezension bezieht sich auf das Hardcover vom September 2008
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