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Ammaniti, Niccolo Wie es Gott gefälltOriginaltitel: Come dio comanda
Unsere Meinung:"Wenn eine Ameise eine tote Maus findet, behält sie diese Entdeckung nicht für sich. Sie rennt gleich wie der Blitz zum Ameisenhügel, um allen zu verkünden: `Kommt schnell! Wenn ihr wüsstet, was ich gefunden habe!´
Eine halbe Stunde später ist der Kadaver vor lauter Ameisen nicht mehr zu sehen. Nicht anders ist es bei den Menschen." (Niccolò Ammaniti: Wie es Gott gefällt, S. 436) Niccolò Ammaniti ist ein meisterhafter Erzähler. Das hat er unserer Meinung nach schon vor Jahren mit seinem Roman "Die Herren des Hügels" (aka "Ich habe keine Angst") erstmals unter Beweis gestellt. Diese bittere Krimitragödie gestaltete sich damals noch in relativer Kurzform. In seiner Krimigroteske "Wie es Gott gefällt" erzählt Ammaniti nun in Langform die absurde Geschichte von Rino Zena und seinem Sohn Cristiano, eine Geschichte von kleinen Leuten, Gescheiterten und Außenseitern - und davon, wie böse das Leben so spielt. "Red bloß nicht von Freiheit. Alle quatschen immer so schön von Freiheit. Freiheit hier. Freiheit da. Die tragen sie immer auf der Zunge. Aber was zum Teufel bringt denn diese Freiheit? Wenn du kein Geld hast, keine Arbeit, hast du zwar alle Freiheit der Welt, aber keine Ahnung, was du damit anfangen sollst. Du ziehst los. Aber wohin? Und wie? Die Penner sind die freiesten Menschen auf der Welt und erfrieren auf den Parkbänken. Freiheit ist ein Wort, um die Leute zu bescheißen. Weißt du, wie viele Idioten für die Freiheit gestorben sind und keine Ahnung hatten, was das eigentlich ist? Weißt du, wer als Einziger Freiheit hat? Leute mit Kohle. Die schon ..." (Niccolò Ammaniti: Wie es Gott gefällt, S. 100) Rino Zeno ist alleinerziehender Vater des 13-jährigen Cristiano. Beide leben zusammen in sehr ärmlichen Verhältnissen. Der arbeitslose Säufer und Skinhead Rino steht deshalb schon längst unter Beobachtung des Jugendamts mit dem gutmenschelnden Sozialarbeiters Beppe Trecca (der wiederum bald sein ganz eigenes Bündel zu tragen hat). Die besten Freunde der Familie Zeno sind Quattro Formaggi, der gelinde gesagt etwas seltsam und vor allem langsam im Kopf ist, und der Dummkopf und Aufschneider Danilo Aprea. Alle zusammen schieben sie Frust, weil sie wissen, dass sie nicht nur als Abschaum der Gesellschaft gelten, sondern es auch sind. Außerdem plagt sie die ständige Geldnot, wo Geld doch so einen Frust ja durchaus lindern könnte. Nun plant Vater Zeno mit seinen Freunden ein großes Ding. Sie wollen des Nachts mit einem Bulldozer einen Geldautomaten auf die brachiale Art ausrauben, um sich damit ein besseres Leben zu machen. Auch der junge Cristiano fühlt sich unterdessen wie sein Vater als totaler Außenseiter, der weder in der Schule noch sonst wie im Leben richtig Tritt fassen kann. Und das, obwohl er durchaus nicht auf den Kopf gefallen ist. Über die Dummheiten der Erwachsenen kann er eigentlich nur den Kopf schütteln, dennoch liebt er seinen verkommenen Vater über alles - trotz aller widrigen Umstände. Die Nacht der Nächte rückt näher, doch als die drei Freunde zur Tat schreiten wollen, geschieht so viel Unvorhergesehenes, dass sich aus einem ungeheuerlichen Beziehungsgeflecht heraus gleich mehrere Katastrophen anbahnen. Denn alles geht schief, was schief gehen kann. Und mittendrin in diesem ganzen Schlamassel muss Cristiano um seinen Vater bangen, der ihn vom Handy aus mitten in der regnerischen und stürmischen Nacht anruft, aber am Telefon unbegreiflicherweise keinen vernünftigen Ton von sich gibt: "Los, leg auf ... Worauf wartest du? Zieh den Stecker raus. Schau nach, ob die Tür fest verschlossen ist und geh schlafen. Dann hörte er die Stimme eines Toten, die seinen Namen rief. [Kapitel 152] `Cri ... stia ... no´, sagten die Ameisen. Rino Zenas Zunge war eine einzige schwarze Masse aus wimmelnden Insekten. Genau wie seine Lippen und seine Zähne waren auch seine Kiefer und sein Gaumen mit Ameisen bedeckt, die sich in Reih und Glied bewegten, wie Tänzer in einer riesigen Choreographie, und dafür starben, dass er mit seinem Sohn sprechen konnte." (Niccolò Ammaniti: Wie es Gott gefällt, S. 305) In einer Schicksalsnacht verändert sich das Leben gleich mehrerer, sehr unterschiedlicher Menschen (insofern sie die Nachtstunden denn überlebt haben), und das auf eine derart groteske Weise, dass man tatsächlich schon von göttlicher Fügung sprechen könnte. Nur, dass hier dann kein wohlmeinender Gott seine Hände im Spiel hatte, sondern einer mit ziemlich schlechter Laune oder gar bösartigen Phantasien. Die Handlung von "Wie es Gott gefällt" spielt sich im Grunde innerhalb weniger Stunden bzw. der besagten Nacht ab. In insgesamt 244 Kapiteln (sic!) macht Ammaniti mit seinem Romanpersonal quasi kurzen Prozess. Er taktet seine Erzählung geschickt mit Perspektivwechseln und Gedankenpassagen, wobei er einen Schwerpunkt auf den Blickwinkel des jungen Cristiano setzt. Der ist nun wiederum an dem fatalen Ablauf der Ereignisse am wenigsten Schuld. Er ist im Grunde sogar die „junge Unschuld“, die die Dummheiten der Erwachsenen noch viel unerträglicher macht. Aber auch dieses Bild lässt Ammaniti so bis zum Ende nicht einfach stehen ... "Wie es Gott gefällt" ist kein Buch, es ist ein heißes Wechselbad der Gefühle. Es gibt darin Passagen, bei denen man laut schallend loslachen möchte, und es gibt darin wiederum Stellen, die eigentlich nur noch zum Heulen sind. Dieser grandiose Roman hat die Zuschreibung "groß" dennoch nicht nötig. Die Art des Erzählens, der Verlauf der ganzen grotesk-tragischen Geschichte verbieten mithin solche Übertreibungen und Marktschreierei. Für mich persönlich gehört "Wie es Gott gefällt" aber dennoch zu den stärksten Leseerlebnissen des Jahres 2010, selbst wenn dieses Leseerlebnis genauso nachgeholt ist wie diese verspätete Rezension. (Der Roman erschien bereits 2008. Die Taschenbuchausgabe kam im März 2010 auf den Markt.) Fazit: Objektiv mag man diesen Roman sicher nicht als die spannendste oder "zwingendste" Lektüre für Krimileser empfehlen. Dazu konterkariert er viel zu radikal die gängigen Erwartungen an Krimis: So präsentiert sich "Bella Italia" hier als eine einzige Gosse. (Oder als Tollhaus – wie Sie wollen.) Es erzählt von Außenseitern, Wahnsinnigen und Verlierern, die auf den menschlichen Müllhalden der Gesellschaft gelandet sind. "Schön" ist das Buch daher auf keinen Fall. Und von einem Kriminalroman hat es nur soviel, dass es abgesehen von der Planung und überaus unglücklichen "Durchführung" eines Verbrechens vor allem die Tatsache in Rechnung stellt, wie schnell ein Mensch Dummheiten begehen kann und wie schnell dabei andere Menschen ihr Leben lassen müssen. Von meiner Seite stellt dieses Buch aber trotz allem eine unbedingte Empfehlung dar. [ hs/12.11.2010 ]
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Krimi-Specials
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