Titel: Der Koch

Suter, Martin

Der Koch

Weltweite Finanzkrise, Bürgerkrieg in Sri Lanka und eine Firma, die in aller Verschwiegenheit boomt: Love Food fürs diskrete Tête-à-Tête. Politische Gegenwart, Liebesgeschichte, Exotik und Sinnlichkeit.

Autor: Suter, Martin
Titel: Der Koch
Jahr: 2010-02
Seiten: 311 | Hardcover
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06739-2
Preis: 21.90 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 21.90 EUR

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Unsere Meinung:

Eine Rezension in fünfzehn Gängen

"Sandana sah ihn ungläubig an. `Ist das alles? Der Mann hat mit Typen zu tun, die Waffen liefern, mit denen sich unsere Leute gegenseitig umbringen, und Sie kochen für den?´
`Ich wusste es nicht.´
`Und jetzt, wo Sie es wissen?´
Maravan dachte nach. `Ich bin Koch´, antwortete er schließlich.
`Köche haben auch ein Gewissen.´
`Davon kann man nicht leben.´"
(Martin Suter: Der Koch, S. 255)

Die Zutaten zu Martin Suters neuem Roman "Der Koch" sind äußerst vielfältig: Erotik, Exotik, Milieustudie, Verbrechen und Sinnlichkeit – selbst die Tagesaktualität spielt hier anders als in seinen früheren Geschichten eine große Rolle. Dabei dürfen dann u.a. Anspielungen auf die aktuelle Weltwirtschaftskrise natürlich nicht fehlen, aber zusammen mit den diversen Kochrezepten am Ende des Buches wirkt dieses ganze Gemisch stellenweise dann doch ein wenig fade, an anderer Stelle seltsamerweise wiederum etwas überwürzt. Aber kommen wir doch vor den zwangsläufigen Geschmacksurteilen zunächst lieber zur beinahe klassischen Menüfolge des Romans:

Kalte Vorspeise (Hors d'œuvre froid)
Maravan, ein tamilischer Asylant aus dem von jahrzehntelangem Bürgerkrieg geplagten Sri Lanka, arbeitet in dem Züricher Edelrestaurant "Chez Huwyler". Er ist ziemlich verliebt in seine Kollegin Andrea, die auch von den anderen Mitarbeitern des Restaurants umschwärmt wird. Maravan ist in dem Sternerestaurant zwar nur eine Hilfskraft, legt aber ein bemerkenswertes Wissen und Können an den Tag. Seine Großtante Nangay hatte ihn in seiner Heimat in die Geheimnisse der aphrodisischen Küche eingeweiht. Nur hatte er bisher wenig Gelegenheit, seine genauso leidenschaftliche wie sinnlich heiße Kochkunst in der kühlen und kaltherzigen Schweiz auszuprobieren.

Suppe (Potage)
Dann ergibt sich endlich die Gelegenheit: Er lädt Andrea zu einem Essen zu sich ein und verbringt nach einem furiosen "dinner for two" mit ihr gleich darauf eine Liebesnacht, obwohl das allen Verhaltensmaßregeln seiner Kultur völlig widerspricht. Der Ärger folgt auf den Fuß, aber von ganz anderer Seite: Die Kollegen Mitarbeiter riechen den Braten, neiden ihm das Techtelmechtel mit Andrea und "spucken ihm in die Suppe". Nach einem leichtfertigen "Ausleihgeschäft" und Vergehen wird er auf der Stelle gefeuert. Maravan ist verzweifelt. Wie soll er nun seine Familie in Sri Lanka weiterhin finanziell unterstützen? Dennoch wird ihm auch beim nächsten Wiedersehen mit Andrea immer noch heiß und kalt ...

Warme Vorspeise (Hors d'œuvre chaud)
Andrea führte zwar bis dahin fast nur lesbische Beziehungen, lässt sich aber dennoch auf die Avancen des attraktiven und jungen Tamilen ein. Denn sie wittert in seiner herausragenden und molekularen Kochkunst ein neues Geschäftsmodell: Catering für Liebesmenüs.

Fischgericht (Poisson)
Doch die großen Fische für die erfolgreiche Umsetzung des Konzeptes müssen erst noch gefangen werden. So kommt es mehr als gelegen ...

Großer Fleischgang (Pièce de résistance, Relevé, Grosse pièce)
... dass Andrea durch ihre Verbindung mit der Sexualtherapeutin Esther den Zugang zu wohl begüterter Kundschaft findet. Damit schlägt die Sache schon bald voll ein. Andrea und Maravan werden darüber zwar kein Paar, doch sie gründen daraufhin zusammen die Catering-Firma "Love Food". Das Geschäft boomt schon bald, und die Kundschaft frönt der fleischlichen Lust und molekularen Sinnlichkeit.

Warmes Zwischengericht (Entrée chaude)
"Love Food" ist erfolgreich. Das spricht sich in den beziehungsreichen Zürcher Kreisen schnell herum. Doch es gibt dort noch eine viel zahlungskräftigere Klientel, die sich für Maravans ausgeklügelte Molekularküche ganz anders als im gewollten Sinne erwärmen.

Kaltes Zwischengericht (Entrée froide)
Als Andrea sich in ihrem Ehrgeiz auf einen lukrativen Deal einlässt und ihren Partner Maravan darüber in Unwissenheit lässt, erwischt es "Love Food" kalt. Esther fühlt sich hintergangen und zieht sich zurück aus dem Geschäft, womit auch von einem Tag auf den anderen die Kunden ausbleiben.

Sorbet
Maravan trifft diese Situation im Gegensatz zu Andrea im Kern seiner Existenz. Es trifft gerade ihn "eiskalt". Er ist schließlich nur in der Schweiz, um seine Familie von dort aus mit Geld und allem Notwendigen zu versorgen. Denn in Sri Lanka herrscht Bürgerkrieg und stellenweise große Armut und Versorgungsnot. Zudem droht ein jugendlicher Neffe von Maravan in die Kampfhandlungen zwischen der Regierung und den Tamile Tigers hineingezogen zu werden ...

Braten oder Salat (Rôti, Salade)
Wir möchten Ihnen hier natürlich nicht einfach eine Nacherzählung des genauso bemerkenswerten wie ambivalenten neuen Romans von Martin Suter geben. Doch Sie müssen schon noch wissen, dass nach einem ersten Auftritt zu Beginn der Handlung der genauso zwielichtige wie einflussreiche Waffenhändler Dalmann bald wieder entscheidend die Szenerie betritt.

Gemüsegericht (Entremets de légumes)
Dalmann interessiert sich neben seinen schmutzigen Geschäften nämlich auch für gutes Essen – oder zumindest für das entsprechende Ambiente, dass die "haute cuisine" repräsentiert. Dabei sollte er sich nach einem Herzinfarkt, den er sich ausgerechnet im "Chez Huwyler" eingefangen hat, wirklich zurückhalten – und vielleicht nur noch Gemüse essen und auf "la grande bouffe" verzichten ...

Warme Süßspeise (Entremet de douceur chaud)
Mit Dalmann verändern sich auch die Vorzeichen für Andreas und Maravans Gründerexistenz. Sie finden Zutritt zu einem exklusiven Rotlichtbezirk der Reichen und Mächtigen. Ein warmer Geldregen ergießt sich über die beiden Geschäftspartner von "Love Food". Zu allem Überfluss sind Andrea und Maravan dabei beide jeweils frisch verliebt.

Kalte oder geeiste Süßspeise (Entremet de douceur glacée)
Darüber scheint beiden erst langsam aufzugehen, in welche Welt sie geraten und wie weit sie dabei bereits gegangen sind. In der Eiseskälte eines Engadiner Wintersportortes wird ihnen das in der Schärfe und Klarheit eines Eiszapfens endgültig deutlich. Das "entremet de douceur glacée" kurz vor dem Finale kommt also gerade richtig …

Würzbissen (Savoury)
Denn Dalmann und seine fragwürdigen Geschäftspartner scheinen endgültig angebissen zu haben. In Zeiten der weltweiten Finanzkrise goutiert man nur noch Besonderes und besonders Ausschweifendes großzügig. Bei diesem Tanz auf dem Vulkan überkommen Maravan heftige Skrupel, und er hadert schwer mit seinem Welt- und Menschenbild. Und die Lage seiner Familie in Sri Lanka hat sich unterdessen aus diversen Gründen keinesfalls gebessert.

Käse (Entremet de fromage)
Dieser zweite Aufschwung von "Love Food" liegt Maravan von Anfang an schwer im Magen, aber er braucht schließlich das Geld ... – Tragisches bahnt sich an.

Nachspeise (Dessert)
Und so stehen wir nach knapp 312 Seiten vor einer bittersüßen bis süßsauren Geschichte von durch und durch verschiedenen Menschen, die subjektiv ein falsches Leben leben und sich entweder nicht dagegen wehren können oder nicht dagegen wehren wollen. Das ganze Drama dieser "menschlichen Elementarteilchen" wird überdies eindrucksvoll umrahmt von Korruption und Mord (soviel dürfen wir noch verraten) ...

Fazit: In konjunkturellen Wellen überkommt uns hierzulande die Idee der Kochkunst als hedonistischer Leitkultur und als beliebtes Motiv der populären "Avantgarde". Demnach erinnert Martin Suters Roman "Der Koch" in seinen besseren Teilen irgendwie an Filme wie "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber", in schlechteren Teilen eher an die Ausdünstungen multimedialer Gar- und Gerüchteküchen.
Dies ist letztlich auch einer der Gründe, weshalb ich dem Roman so misstrauisch gegenübergetreten und dabei nach wie vor skeptisch geblieben bin. Das Buch mit 17seitigem Rezeptteil wirkt mir trotz seiner vielfältigen und ernsten Themen (Schweizer Migrantenmilieu, Prostitution, Waffenhandel, internationaler Konfliktherd Sri Lanka) ein wenig zu "trendig". Und gewinnen Suters Figuren wirklich die so wort- und bildreich suggerierte Tiefe? Von jeher beschreibt er nicht etwa wirkliche Außenseiter oder Outlaws, sondern eher "mittelständische", erfolgsverwöhnte Sonderlinge und Aussteiger. Zwar sind dies alle gebrochene Figuren (keine Anti-Helden!), doch wirklich zerbrechen, das tun sie bei Suter praktisch kaum jemals. Diese bemerkenswerte Tatsache kann selbst die seltsam tragische Figur des Maravan nicht kaschieren.
Trotz allem tickt das wirkliche Leben doch irgendwie anders. Und sollte sich der Verdacht bestätigen, dass sich Suter tatsächlich ohne wirkliche ironische Hintergründigkeit als ein moderner Märchenerzähler des möchtegern-nonkonformistischen Großstädters geriert (siehe "Geri Weibel"), dann könnte man in Zukunft vielleicht getrost auf seine Geschichten verzichten.
Der "Geschmack und Abgang" des Romans war mir persönlich deshalb etwas zu zwiespältig. So werden die Themen der Weltwirtschaftskrise und des Waffenhandels hier seltsam beiläufig "abgehandelt", obwohl darin mithin das größte Spannungspotenzial liegen würde. (Oder zynisch gefragt: Gehören solche Krisen einfach nur zum modernen Lifestyle?) Und etwas Weiteres steht für mich trotz der fraglosen Anliegen und Qualitäten des "Kochs" eindeutig fest: Martin Suter konnte und kann sicher weit besser erzählen, als er es hier in diesem Roman an den Tag legt. Das hat er bei früheren Gelegenheiten bereits weit eindrucksvoller und vor allem konzentrierter unter Beweis gestellt.

[ hs/22.01.2010 ]
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