Titel: Mark Twain unter den Linden

Beckmann, Herbert

Mark Twain unter den Linden

Berlin, 1891. Der Kaiser steht stramm, um Mark Twain zu empfangen. Wissenschaftler wie Virchow und Helmholtz schmücken sich mit seinem Besuch. Und beim amerikanischen Botschafter geht er mitsamt seiner Familie ein und aus. Als Mark Twain im Herbst und Winter des Jahres 1891 in Berlin lebt, kann er sich über öffentliche Würdigungen nicht beklagen.
Doch über das unkonventionelle Verhalten Twains und seinen Humor kann nicht jeder lachen. Nicht der hohe politische Beamte Franz von Rottweil, auch nicht der Verehrer von Tochter Clara – ein junger deutscher Offizier – und schon gar nicht der Kaiser, der den berühmten Autor zu einem Bankett eingeladen hat. Nicht mal in seiner eigenen Verwandtschaft, bei seiner Cousine Alice und ihrem Mann, General von Versen, kommen Mark Twains Scherze immer gut an.
Als der Schriftsteller zudem von einer fremden Frau verfolgt wird, und auch die Berliner Unterwelt sich auf einmal für ihn und seine Familie zu interessieren scheint, ist das Maß voll ...

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Autor: Beckmann, Herbert
Titel: Mark Twain unter den Linden
Jahr: 2010-02
Seiten: 272 | Taschenbuch
Verlag: Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-1051-2
Preis: 12.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Ein Klassiker ist ein Schriftsteller, den jeder gelesen haben möchte und den keiner liest."
(Mark Twain; 1835-1910)

Zum 100. Todestag von Mark Twain am 21. April 2010 erscheinen gleich mehrere Bücher und Neuausgaben zu dem bedeutenden amerikanischen Schriftsteller und scharfsinnigen Humoristen. So freuen wir uns im Besonderen auf eine Neuausgabe seines Kriminalromans "Pudd'nhead Wilson" in der Übersetzung von Reinhild Böhnke, der im März unter dem Titel "Knallkopf Wilson" bei Manesse erscheinen wird.

Unter den zahlreichen Jubiläumspublikationen befindet sich nun auch Herbert Beckmanns "Mark Twain unter den Linden". Dieser erzählerische Bericht in Romanform versucht auf süffisante Weise, den heute kaum noch erinnerten Berlinaufenthalt Mark Twains im Herbst und Winter 1891/92 in bunten Farben auszumalen.
Erzählperson in diesem Roman ist Twains Sekretär Harris. (Der ist authentisch und taucht z.B. in Twains berühmten Essay "Die schreckliche deutsche Sprache" tatsächlich in namentlicher Nennung auf.) Harris nun berichtet über die vielfältigen Erlebnisse der Familie Twain in der Berliner Gesellschaft und kommentiert ironisch die Zusammenstöße zwischen lockerer demokratischer Kultur des damals schon weltbekannten Amerikaners und strenger wilhelminischer Monarchie. Das wird u.a. durch die persönliche Begegnung zwischen dem Schriftsteller und Kaiser Wilhelm II. auf die Spitze getrieben. Aber auch seine seltsamen Konfrontationen mit der Berliner Polizei und Bürokratie vergällen Mark Twain seinen Berlin-Aufenthalt auf Dauer ziemlich.
Gleichzeitig spielen sich mysteriöse Dinge ab, die darauf hindeuten, dass die Schriftstellerberühmtheit in der Stadt nicht von allen wohlgelitten ist. Mark Twains Sekretär Harris vermutet das Schlimmste und fürchtet um Leib und Leben seines genauso umtriebigen wie lebenslustigen Chefs ...

Bedauerlicherweise kleidet Herbert Beckmann seine romantisierte biographische Skizze in das dünne Mäntelein eines Kriminalromans. Doch einen solchen darf man von dem Buch, welches im Verlaufe der Handlung eindeutig auf eine schnurrige Gesellschafts- und Verwechslungskomödie zusteuert, auf keinen Fall erwarten. Überdies taugt der Roman als ernstzunehmende biographische Skizze in dieser Form kaum, weil Fiktion und Realität nicht deutlich genug voneinander getrennt sind (z.B. durch editorische Hinweise wie ein ausführliches Nachwort, einem Anmerkungsapparat etc.).
Beckmanns Erzählung lebt deshalb lange Zeit von dem Zitatenschatz und dem humoristischen Schwung, den Twains Lebensepisoden allemal hergeben. Der "Plot" des Romans ist dagegen leider allzu dünn und ziellos. Und zum Ende flacht sein Roman dann durch vordergründige Motive allemal zu stark ab, als dass wir es aus den Originalquellen, nämlich den vielfältigen Romanen und Reiseberichten Mark Twains, nicht weit besser und frischer erfahren könnten. "Mark Twain unter den Linden" lebt so von der etwas halbherzigen Idee, dass aus des Schriftstellers einstigem Berlin-Aufenthalt mehr herauszulesen ist, als eine weitere Episode in seinem langen, erfahrungsreichen Leben.

Fazit: "Mark Twain unter den Linden" bietet eine amüsante, leichtgängige und in einzelnen Teilen doch recht aufschlussreiche Lektüre (wobei die Genauigkeit des Autors fast ungeprüft unterstellt wird). Das Buch als Berliner "Sittengemälde" des Fin de siècle zu beschreiben, hielte ich dagegen für übertrieben, dennoch macht es auf eingängige Weise deutlich, wie stark das Berlin der damaligen Zeit einerseits durch wissenschaftlichen Fortschritt und gesellschaftlichen Wandel geprägt war, und in welcher Vehemenz und Bedrohlichkeit sich andererseits reaktionäre Kräfte wie eine starke antisemitische Bewegung und starre Moralvorstellungen der Monarchie mit aller Macht der gesellschaftlichen Modernisierung entgegenstemmten.

[ hs/12.02.2010 ]
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