Titel: God's Pocket

Dexter, Pete God's Pocket

Originaltitel: God's Pocket
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt

Es kam, wie es kommen musste. Leon Hubbard war eine Ratte, gewalttätig und unkontrollierbar. Als er vor den Augen seiner Arbeitskollegen ermordet wird, verliert niemand ein Wort darüber.
Alle sind sich einig, dass Leon sehr viel besser tot ist als lebendig.
Und es war ja irgendwie Notwehr, eine Art Arbeitsunfall. Die Einzigen, die sich mit dieser Erklärung nicht zufriedengeben, sind Leons Mutter und ein versoffener Zeitungsreporter namens Richard Shellburn, der seine Karriere retten will, indem er die Ehre eines toten Jungen aus God’s Pocket wiederherstellt. Aber in diesem Viertel kann zu viel Mitgefühl gefährlich werden, besonders, wenn sich die Mafia einschaltet.

"Hammett"-Krimi des Monats März 2010

Autor: Dexter, Pete
Titel: God's Pocket
Jahr: 2010-02
Seiten: 368 | Hardcover
Verlag: Liebeskind
ISBN: 978-3-935890-70-0
Preis: 22.00 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

„God's Pocket“ ist das Viertel der „kleinen“ Leute im Philadelphia der 50er Jahre. Hier kennt jeder jeden, man weiß so ziemlich alles voneinander. Die Menschen im Viertel müssen sich nicht unbedingt mögen, aber sie respektieren einander. Schon allein deshalb, weil es ihrer Meinung nach wenig anderes zu respektieren gibt, man weiß letztlich zu wenig von dem, was draußen vor sich geht. Leon Hubbard fällt da gewaltig aus dem Rahmen. Jeder fürchtet ihn, er hat keine Lust zu arbeiten, hat ständig Ärger mit so ziemlich jedem, und gilt allgemein einfach als miese und gefährliche Ratte. Gewalttätig, unberechenbar und launisch schlägt er sich im wahrsten Sinne des Wortes durchs Leben.
Aus purer Langeweile nimmt er einen Job als Maurer an. Verärgert ob der Tatsache, dass ein Teil des Bautrupps offensichtlich gerne und engagiert zu Werke geht, beschließt er, die Gruppe zu spalten und auch hier für Stunk zu sorgen. Er sucht sich das vermeintlich schwächste Glied der Maurerkolonne aus, und beginnt diesen zu drangsalieren und zu provozieren. Der bejahrte Farbige Lucien Edwards Junior jedoch, lebenserfahren und ruhigen Gemüts, lässt sich nicht provozieren. Erst als ihn Leon mit einem Messer bedroht und verletzt, wehrt er sich und erschlägt den Störenfried.
Alle haben es gesehen, doch keiner der Arbeiter widerspricht der Version des weißen Vorarbeiters Coleman Peets. Er erklärt den Ärzten und der Polizei, dass es sich um einen von einem Drehkran verursachten tragischen Arbeitsunfall handele. So könnte also alles einfach weiterlaufen, käme da nicht Richard Shellburn ins Spiel, der bei der Daily Times in seiner Kolumne jeden Tag über die kleinen Leute berichtet, die kämpfen, nie aufgeben und die Zähne zusammenbeißen. So stellt es sich zumindest seinen Lesern dar. Tatsächlich ist er ein Zyniker, der mittels einer wohlsortierten Palette an Stichworten den Pöbel bedient. Ausgerechnet Leon Hubbard wird von ihm nun an als „guter Mensch“ und hoffnungsvolle Symbolfigur von God's Pocket verklärt.
Bei Pete Dexters Romandebüt aus dem Jahr 1983 fallen gleich mehrere Punkte auf: „God's Pocket“ ist weniger hart, gewalttätig und düster als die beiden anderen ins Deutsche übersetzten Romane „Train“ und „Paris Trout“. Die Story des Romans scheint anfangs eher unspektakulär und teilweise gar (für diesen Autor überraschend) komisch daher zu kommen, allerdings bleibt es nicht bei diesem ersten Eindruck. Wie das Badewasser einer jeden Wanne hin zum Abfluss strebt, so taumeln die Menschen in „God's Pocket“ unaufhaltsam dem Abgrund entgegen. Mit schwarzem, bitterem Humor schildert Pete Dexter die Begebnisse rund um die Beerdigung von Leon Hubbard, das plötzliche Interesse der Mafia an dessen Tod und die Verklärung seines Wesens seitens der Bewohner von God's Pocket. Die Erklärung, wie ein Mensch zweimal sterben kann, setzt dem Zynismus schließlich die Krone auf.
Zum Ende des Romans beweist Richard Shellburn ein einziges Mal Rückgrat. Dass ihm dieses dann ausgerechnet von seinen ehemaligen Lesern und Bewunderern gebrochen wird, ist ebenso tragisch wie grotesk. Aber eben auch ein grandioses Ende eines ganz famosen Romans.

Mal wieder hervorzuheben sind die Übersetzungskünste von Jürgen Bürger, diesmal in Zusammenarbeit mit Kathrin Bielfeldt.

[ ck/04.03.2010 ]
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