Titel: G-man Jerry Cotton

Compart, Martin G-man Jerry Cotton

Eine Hommage an den erfolgreichsten Krimihelden der Welt

Millionen von Lesern haben ganze Nächte mit ihm unter der Bettdecke verbracht - in über fünfzig Ländern der Erde und mit insgesamt etwa einer Milliarde verkauften Romanen: Jerry Cotton

Mit bisher unveröffentlichtem Material aus den Verlags- unf Fan-Archiven.
Luxus-Ausstattung und als Extra-Beigabe den Bravo-Fortsetzungsroman aus den 1960ern: "Süsse Bienen, Blaue Bohnen" - zum ersten Mal als Romanheft.

Autor: Compart, Martin
Titel: G-man Jerry Cotton
Jahr: 2010-02
Seiten: 224 | Hardcover
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3-7857-2400-2
Preis: 29.99 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 29.99 EUR

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Unsere Meinung:

Keine Frage, die im Februar 2010 taufrisch erschienene Premium-Sonderedition zu der Krimilegende Jerry Cotton hat es in sich, und das nicht nur, weil dem Hardcover eine Extra-Heftchenausgabe beiliegt: "Süsse Bienen, Blaue Bohnen" erscheint hier erstmals als Romanheft, denn die Episode war zuvor nur als Bravo-Fortsetzungsreihe veröffentlicht worden.

Ich selbst habe als Jugendlicher vielleicht ein, zwei Jerry-Cotton-Heftchen gelesen und war damals ziemlich enttäuscht davon. War nichts für mich. Gleichzeitig wurde ich jedoch schon als Kind früh von den Jerry-Cotton-Filmen derart "infiziert", dass ich mich noch heute daran erinnere und dass mir der "Jerry-Cotton-Marsch" immer noch leicht gepfiffen über die Lippen geht. Diese Filme heute noch anzuschauen, ist mir jedoch schlechterdings unmöglich. Die Filmmelodie erzeugt zwar noch eine gewisse Gänsehaut, aber die tatsächliche Mittelmäßigkeit bis Schlechtigkeit der Plots und die dilettantische Machart der Filme ebenfalls. Irgendwie grauenhaft. Nostalgie tut eben manchmal buchstäblich weh.
Zum "Fan" scheine ich deshalb absolut nicht zu taugen.
Was Jerry Cotton betrifft: Mich kümmerte es nie, ob "er", Edgar Burroughs’ Tarzan, die Marvel Comics etc. pp. als "Schund", "Schrott" bezeichnet oder gar mit einem moralischen Bann oder Verboten belegt wurde. Oder was haben Sie in Ihrer Kindheit und Jugend gelesen? Was einen interessierte und was man sich beschaffen konnte, das krallte man sich einfach. Heute nennt man diese Sachen in schlechtem Deutsch halt Trash, und ihn mir ist die Überzeugung gereift, dass man Zeugs wie Jerry Cotton sicher und irgendwie mit Genuss weglesen, aber dass es gleichzeitig kaum zur wirklichen Geschmacksbildung taugen kann.

Diese ganze speziell deutsche und "amerikanisierte" Massenkultur in Heftchen-, Buch- und Filmform wird durch die vorliegende Sonderedition in aller Breite und in Hochglanz durch Martin Compart gewürdigt und geehrt. Das nicht ohne Grund. Denn immerhin brachten es die Groschenromane von 1954 bis heute in weit über Heftfolgen zu einer Auflage von wahrscheinlich inzwischen mehr als 1 Milliarde Heftchen!
Schade finde ich an diesem Jerry-Cotton-Hochglanzband ein wenig, dass die Wechselwirkung zwischen den Heftromanen und den damals sehr erfolgreichen Cotton-Filmen deutlich zu unterbelichtet erscheint. Die Filme gehören für meine persönlichen Begriffe aber eindeutig zum Jerry-Cotton-Feeling. So vermag ich selbst mit starkem kritischen Abstand durch die mit diesem Buch geweckten Erinnerungen in Kindheitsnostalgie und an längst vergangene Spätsamstagsfernsehabende zu schwelgen. Dabei bietet der Band aber genau dazu praktisch nur eine kleine Hommage an den Hauptdarsteller George Nader (S. 166-175), und was wunderbar elegische wie martialische Filmmusik von Peter Thomas betrifft, findet man in dem Band leider nur die Abbildung einer alten Schallplatte vor (S. 83). Dessen damals in den 60ern sehr deutsch kreierter und stilisierter "Jazz" ist jedoch genauso Ausdruck von Lebensgefühl und Massenkultur wie z.B. auch die Cover-Abbildungen der Jerry-Cotton-Heftchen. (Peter Thomas war darüber hinaus übrigens auch der Soundtrack-Schöpfer u.a. von Edgar-Wallace-Filmen und „Derrick“.) Zumindest aber hätte ich mir eingehendere Kommentare oder Beiträge zu allen Machern gewünscht. Wie kam es zum Beispiel zu den Cover-Ideen? Wer hat sie wie umgesetzt? ...?

Martin Comparts "G-man Jerry Cotton" konzentriert sich so offenbar ganz überwiegend auf den schriftstellerischen und betriebswirtschaftlichen Produktionsprozess der Heftchen- und Buchserie, bei der ein weitgehend verdecktes Autorenteam in über 55 Jahren auf mehrere Hundert Köpfe angewachsen ist (und das mit Autoren wie Wolfgang Hohlbein, Irene Rodrian, Willi Voss und Stefan Wolf (TKKG) alias Rolf Kalmuczak). Nun ist der Kriminalroman in seinen besten wie in seinen schlechtesten Teilen tatsächlich und ganz sicher kein Universitäts-Proseminar, "G-man Jerry Cotton" taugt genau deshalb auch nur in zweiter oder dritter Linie als literaturwissenschaftliches Sekundärwerk, dennoch hätte man sich hier ob der ganzen Namen, Auflagen- und Verkaufszahlen doch einen tiefschürfenderen Einblick gewünscht. Wer las über all die Jahre und liest heute noch Jerry Cotton: Eher Männer? Eher Frauen? Arm? Reich? Süd-, West-, Nord- oder Ostdeutsche? International? Auch solche "soziologischen Daten" oder Zahlen müssen keineswegs trocken, sondern können durchaus spannend aufbereitet werden.
Demgegenüber fällt dann eben umso deutlicher ins Auge, wie teilweise schon larmoyant Compart schreibt und argumentiert, um den Jerry-Cotton-Romanen doch noch den Makel des Schunds zu nehmen (der bei einem Verfechter der Grenzliteraturen als Vorwurf inzwischen doch eigentlich glatt abtropfen müsste). Es schwebt genau dadurch selbst über diesem Fanbuch sogar der leichte Ruch, dass man sich schämen können müsse, Jerry-Cotton-Geschichten zu kaufen und zu lesen. (Was natürlich Blödsinn ist!)
Gleichzeitig wird aber leider an kaum einer Stelle dieser "Festschrift" wirklich deutlich, welche genauen Qualitäten denn die unzähligen und einzelnen Cotton-Heftromane haben sollen und welchen Grund überdies ein durchschnittlicher Zeitgenosse und Leser haben könnte, sich vielleicht einmal dieser sehr speziellen Literatur anzunehmen. Das Buch wirkt tatsächlich wie eine Festschrift eines mittelständischen Unternehmens, die gleichzeitig noch die neue Jerry-Cotton-Verfilmung in 2010 promoten soll. Eine kritische Würdigung der Kultfigur "Jerry Cotton" war deshalb sicher kaum zu erwarten.

Über Massenkultur solcher Ausprägung lässt sich ohnehin schlecht argumentieren. Früher wurde die Moralkeule geschwungen und alles "moralisch Fragwürdige" in Schimpf und Schande verdrängt und verboten. Heute geht andererseits nicht nur die öffentliche Moral, sondern auch die Literaturkritik "flöten" oder gar auf dem urteilsethischen Zahnfleisch, weil offenbar keine Kriterien mehr vorhanden sind, was "gut" ist und was "schlecht". Mit Geschmacksurteilen werden Totschlagargumente verteilt wie in reaktionären bundesrepublikanischen Zeiten Denkverbote.
So gewinnt man hier nebenbei leider eher den Eindruck, dass in "G-man Jerry Cotton" nur ehrfürchtig auf einen materiellen Erfolg der Pop- und Massenkultur zurückgeschaut wird. Nur stellenweise klingt hier im Buch zum Beispiel an, welche Qualitätsunterschiede es in der mehrtausendfachen Heftchenfolge über die Jahrzehnte gab und worin diese genau lagen. Kaum erwähnt werden die heftigen und ambivalenten Imageprobleme, die der Bastei Lübbe Verlag vor allem in späteren Jahren (und bis heute nach mehreren Umbenennungen und Imprints) hatte, - beginnend mit dem Tag, als die Verantwortlichen dort auch "ernstzunehmende" Literatur und Kriminalliteratur herausbringen wollten (Andrea Camilleri, Hansjörg Schneider u.a.).

Und auch der wirkliche oder besondere Reiz der Jerry-Cotton-Reihe wurde mir als kritischer Leser kaum zugänglich, obwohl ich als Kind filmisch selbst davon buchstäblich "infiziert" war. Doch was will ich bei kritischer Betrachtung dieses Prachtbands noch weiter das Für und Wider abwägen? - Dieses Buch ist eindeutig für die Fans gemacht. Und es wird von den Fans gelesen. Für jene Jerry-Cotton-Fans, von denen es in Deutschland wenn nicht Hunderttausende, dann doch schon noch eine ganze Menge geben dürfte, ist diese Premium-Sonderedition sicher eine (wenn auch mitgefühlt nicht ganz einwandfreie) Empfehlung. Vielleicht wird sich aber der, der sich vielleicht seit Jahren einmal die Woche das Heft für +/- 1,50 Euro kauft, doch überlegen, ob der Drang zur Nostalgie und die hintergründige Neugier so stark ist, dass er für dieses Prachtband 29,99 Euro hinblättern respektive 2999 Cent hinklimpern will. (Waren einst immerhin knapp 60 DM bzw. knäppstens 6000 Pfennige.)
Für eingefleischte Fans und Sammler erübrigen sich ohnehin alle hier aufgeworfenen Fragen. Sie tun es einfach.

Ich persönlich warte auf eine kritische Verlagsgeschichte des Verlages Bastei Lübbe, in der "Jerry Cotton" dann ja ohnehin wieder eine ganz besondere Hauptrolle spielen wird.

[ hs/17.05.2010 ]
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