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Manotti, DominiqueLetzte SchichtOriginaltitel: Lorraine Connection
Unsere Meinung:Denn die Welt ist böse ... "Wir werden Ihr Netzwerk und meines bündeln, Sie werden sehen, Sie werden staunen. Und das ist vermutlich erst der Anfang. Die Tür zu Kims Korruptionssystem wird sich einen Spalt öffnen. Dort müssen wir rein, herumschnüffeln, alles auf den Kopf stellen. Das Leben nimmt unerwartete Farben an. Ein Sonnenstrahl fällt auf seinen Rücken, er streckt die Beine aus, lässt den Druck von sich abfallen, genießt den Augenblick. Erpressung ist ein neuer Sport, der für Aufregung sorgt und viel Spaß macht." (Dominique Manotti: Letzte Schicht, S. 166) Unmenschliche Arbeitszustände in einer Fertigungsfabrik für Unterhaltungselektronik. Ein Arbeiteraufstand nach mehreren mithin tödlich verlaufenden Arbeitsunfällen. Betrügerische Manager eines ausländischen Investors. Korrupte Provinzpolitiker und skrupellose Wirtschaftsvertreter, die vor Verbrechen nicht zurückschrecken. Und ein Detektiv, der im Auftrag eines anderen großen (Konkurrenz)Unternehmens Licht in all diese Schweinereien bringen soll. Mit diesen kurzen Sätzen ist die Handlung von Dominique Manottis brutal realistischem Wirtschaftskrimi "Letzte Schicht" schnell beschrieben. Doch welche genauen Qualitäten darin stecken, das lohnt zu einem genaueren Blick in das Buch. Der Roman beginnt mit der Schilderung des harten und erbärmlichen Alltags von Industriearbeitern einer großen Fabrik in der lothringischen Provinz. Sie sind alles andere als "working class heroes" und zumeist Immigranten, die als Menschen zweiter oder dritter Klasse behandelt werden. Arbeitnehmerrechte und "Klassenkampf" sind fast wie Fremdwörter für diese "Billigarbeiter", dennoch findet gerade dieser Klassenkampf hier (wie anderswo) tagtäglich statt, nur dass er radikal von oben geführt wird und zu einer zunehmender Entrechtlichung und zu sozialer Armut der Menschen und ihrer Gesellschaft führt. Das Fass ist allerdings erst am Überlaufen, als sich die Betriebsunfälle in der Fabrik häufen und den Arbeitern klar wird, dass der Unternehmensstandort keine Zukunft hat und geschlossen werden soll. – Wer fühlt sich da in Deutschland nicht zum Beispiel an die Nokia-Werksschließung in Bochum oder an den aktuellen Skandal um den chinesischen Apple-Zulieferer Foxconn erinnert? Oder an mehr ...? So benennt Manotti auch mit erstaunlicher Direktheit und realitätsnah das fragliche Unternehmen ihres Romans mit Daewoo, dem südkoreanischen Mischkonzern, dessen Unternehmungsführungen in der Vergangenheit tatsächlich wiederholt in Betrugsfälle oder dubiose Geschäfte verwickelt waren. Während in der Handlung dann auf kleiner Bühne die Entrechteten reihenweise sterben bzw. ermordet werden, spielt sich hinter den Kulissen (aber dennoch auf großer Bühne) ein Konkurrenzkampf zwischen Daewoo und Alcatel ab, die gegeneinander um die Übernahme des französischen Rüstungskonzerns Thomsen kämpfen. Da Daewoo zunächst bessere Beziehungen bis in höchste Regierungsränge hat, überlegen sich die Alcatel-Manager u.a., den hartgesottenen Detektiv Charles Montoya nach Lothringen zu schicken, um etwas gegen den Konkurrenten in die Hand zu bekommen. Denn dort zeichnen sich nicht nur eine Betriebsschließung mit erbittertem Arbeiterwiderstand ab, sondern eben "hinter den Kulissen" auch ein internationaler Subventionsbetrug größeren Maßstabs. Nun ist Montoya kein klassischer Detektivheld im Zuschnitt von Dashiell Hammetts namenlosen Continental Op in "Rote Ernte". Dennoch erinnert Manottis "Letzte Schicht" in mehrerlei Hinsicht an jenen legendären Klassiker, u.a. mit solchen Details, dass beide Romane in (ehemaligen) Bergbaugebieten spielen. Als sehr schade erscheint mir nur, dass Manottis Figuren durch ihren desillusionierenden und fast zynischen Blick auf die (realen) Verhältnisse zu wenig an Kraft entwickeln. Es gibt viele Tote in dem Roman. Zwar sicher nicht so viele wie in "Rote Ernte", aber noch weit mehr fällt der Unterschied ins Auge, dass in Manottis internationalem statt regionalen Gangsterkrieg die betroffenen Arbeiter bzw. Menschen nur noch Opfer sind. (Im Grunde könnten sich ihre Protagonisten, die in der Fabrik arbeiten von Anfang gleich selbst die Kugel geben oder sich am eigenen Strick aufhängen. Da hätten sie zumindest noch ein wenig Selbst- und Mitbestimmung ausgelebt.) Damit bietet Manotti nun leider zu wenig Identifikationsfläche für ihre Leser. Man kann in diesem Roman kaum mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden: Denn die Welt ist böse, - und damit die Botschaft des Romans nur noch als bitter und tiefschwarz („noir“) zu verstehen. Fazit: Ein starker und sehr lesenswerter Roman, leider mit ein paar tendenziellen Schwächen, um eine noch nachhaltigere Wirkung entfalten zu können. [ hs/06.06.2010 ]
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