Titel: Der stumme Tod

Kutscher, Volker Der stumme Tod

März 1930: Der Tod einer Schauspielerin führt Gereon Rath in die Studios der Filmmetropole Berlin. Der junge Kommissar lernt die Schattenseiten des Glamours kennen und erlebt eine Branche im Umbruch. Der Tonfilm erobert die Leinwände, und dabei bleiben viele auf der Strecke: Produzenten, Kinobesitzer - und Stummfilmstars.
Die gefeierte Schauspielerin Betty Winter wird bei Dreharbeiten zu einem Tonfilm von einem Scheinwerfer erschlagen, und zunächst sieht alles nach einem Unfall aus. Bis Gereon Rath, der Kölner Kommissar in der Berliner Mordinspektion, Indizien entdeckt, die auf Mord hindeuten. Während die Kollegen den flüchtigen Beleuchter verdächtigen, ermittelt Rath auf eigene Faust in eine andere Richtung - und steht schnell alleine da.
Eine zweite Schauspielerin wird tot aufgefunden und gibt der Polizei Rätsel auf. Die Todesursache ist unklar, aber es handelt sich um ein Gewaltverbrechen: Der Leiche fehlen die Stimmbänder. Die Ermittlungen führen Rath zwischen die Fronten rivalisierender Filmproduzenten, ins Berliner Chinesenviertel, in die Unterwelt - und hart an die Grenzen der Legalität.
Während es bei der Beerdigung von Horst Wessel zu einer Straßenschlacht zwischen Nazis und Kommunisten kommt, muss Rath seinem Vorgesetzten Böhm aus dem Weg gehen, der ihn von dem Fall abziehen will. Als sein Vater ihn bittet, dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer in einem Erpressungsfall zu helfen, und seine Exfreundin Charly eine erneute Annäherung wagt, droht Rath alles über den Kopf zu wachsen.

Kommissar Rath Bd.2.

Autor: Kutscher, Volker
Titel: Der stumme Tod
Jahr: 2010-04
Seiten: 543 | Taschenbuch
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04212-2
Preis: 9.99 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 9.99 EUR

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Unsere Meinung:

„Ein guter Roman verrät uns die Wahrheit über den Helden, ein schlechter über den Autor.“ (Gilbert Keith Chesterton)

Das mit dem zweiten Teil einer Krimiserie ist oft eine ganz, ganz schwierige Geschichte. Denn hierbei offenbart sich oft, ob eine Serie wirklich Substanz hat oder die Kraft und das Ausdruckvermögen, um zu einem größeren Epos heranzuwachsen. Ist das Pulver schon verschossen? Oder wird der Autor seinen Lesern die größten Geheimnisse und spannendsten Geschichten erst noch offenbaren?
Was das betrifft, so hat sich Volker Kutscher mit seinem zweiten Roman um den jungen Berliner Kommissar Gereon Rath noch ganz gut aus der Affäre gezogen. Vollends überzeugen kann „Der stumme Tod“ als Nachfolger des Erfolgsdebüts „Der nasse Fisch“ allerdings nicht.

Doch worum geht’s eigentlich? – In den wilden 20er Jahren der Weimarer Republik boomte die deutsche Filmindustrie in ungeahnten Ausmaßen. Doch bahnte sich auch hier schnell eine permanente Revolution an, als sich Ende der 20er Jahre der Tonfilm anschickte, an die Stelle des Stummfilms zu treten und die Leinwände zu erobern. Eine neue Welt tritt an die Stelle der alten, wobei viele Menschen auf der Strecke bleiben. Es ist ein unerbittlicher Konkurrenzkampf und Verdrängungswettbewerb im Kleinen und ein Krieg der Weltanschauungen und ein weltweiter Verteilungskampf im Großen und Ganzen.

Gereon Rath, der junge, ehemals Kölner Polizist, der sich nach einem Jahr Dienstzeit in Berlin mit fragwürdigen Mitteln von der „Sitte“ zum Morddezernat durchgemogelt hat, muss nun gerade in einem der zahlreichen Berliner Filmstudios klären, ob es sich bei dem schrecklichen Tod der Schauspielerin Betty Winter, die von einem Scheinwerfer halb erschlagen und dann bei lebendigem Leib verbrannt wurde, nur um einen tragischen Unfall handelt, oder ob hinter der Geschichte ein Mordanschlag steckt. Vieles spricht schon bald für Letzteres, denn in den unruhigen Zeiten des Wechsels vom Stumm- zum Tonfilm sind sich viele Filmleute nicht grün oder hassen sich vor dem Hintergrund ihrer Welt- bzw. Filmanschauung sogar bis aufs Blut.
Und als es nicht bei diesem einen Vorfall bleibt, sondern einige Filmschauspielerinnen verschwinden und unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden werden, wird klar, dass hier jemand mit „Plan“ am Werk ist und seine tödliche Regie führt. Doch wie passen jene, wie „Ritualmorde“ erscheinenden Fälle zum Fall der Betty Winter?
Die eigenwilligen und sehr eskapistischen Ermittlungsmethoden Raths werden ihm erneut zur Stolperfalle. Seine unmittelbaren Vorgesetzten wünschen ihn offenbar zur Hölle, anderseits scheinen ihn die obersten Kriminalen weitgehend zu protegieren und ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren. (Er ist immerhin der Sohn eines Kölner Polizeiobersten.) Neben dieser beruflichen Grenzwanderung ist Rath gleichzeitig hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Liebesbeziehungen.
So sieht er sich wie ein quicklebendiger Hummer vor dem brodelnden Kochtopf der Weltstadt Berlin – und versucht, dort nicht einfach nur hineinzufallen oder gar völlig darin unterzugehen. - Eine kulinarische Spur scheint dann auch letztlich und auf ganz seltsame Weise Licht ins Dunkel der geschilderten Vorfälle zu bringen.

„Der stumme Tod“ ist kein schlechter Roman. Aber auch kein wirklich guter. Er verrät uns vielmehr einiges über seinen Autoren, der hier doch etwas bemüht an seinen Überraschungserfolg „Der nasse Fisch“ anzuknüpfen versucht. Im Gegensatz zum Vorgängerroman erscheinen mir hier zum Beispiel die Vielzahl der genannten Örtlichkeiten nicht mehr nur wie selbstverständlich ins Spannungsgeflecht eingewoben, sondern bewusst ins Kalkül gesetzt, um Atmosphäre, Dramatik und Spannung nicht mehr mühselig zwischen den handelnden Personen herstellen zu müssen, sondern Symbole dafür sprechen zu lassen. Da bestellt dann eben ein Mordverdächtiger und gleichzeitiger Tatzeuge Rath zur Unterredung auf den Berliner Funkturm, während er in der ganzen Stadt als Mörder gesucht wird. Wie dekorativ. Es gibt ja kein besseres Versteck, es gibt ja keinen besseren Ort. Und es gibt ja auch keine offensichtlichere Falle für den armen Tropf. So fällt er dann auch, bevor es überhaupt zu einem Treffen kommen kann, prompt und an den Augen Raths vorbei von der Aussichtsplattform in den Tod. – Hmh.

Deutlich wird das auch an der recht oberflächlichen Randgeschichte, in der Rath von seinem Vater im fernen Köln, mal „einfach so“ darum gebeten wird, dessen altem Kumpel, dem Kölner Bürgermeister (Konrad Adenauer), aus einer unangenehmen Situation zu verhelfen ... – Hmh.

Sie verstehen, was ich meine? – Das spielt sich zwar noch alles auf einem gewissen Niveau und am Aussichtsplattformrande der Glaubwürdigkeit statt, ist aber schon grenzwertig. Und das beschränkt sich eben nicht nur auf bestimmte Szenen und Passagen des Romans, sondern zieht sich latent durch das ganze Buch. Auffallen oder gar aufstoßen muss einem das nicht unbedingt, stören kann einen das aber sehr wohl!

Fazit: Ich hätte vom „neuen Kutscher“ doch ein wenig mehr erwartet und war dementsprechend ein wenig enttäuscht von seinem zweiten Rath-Roman. Sicher liest sich „Der stumme Tod“ nach wie vor flüssig herunter, bietet fraglos gute Unterhaltung und hat auch wieder mit einigen netten Besonderheiten wie der Beschreibung des Berliner Chinesenviertels der 30er Jahre in Berlin-Charlottenburg aufzuwarten. Doch von dem, was ein Kritiker der FAZ, über die Romane Kutschers zur Weimarer Republik zu behaupten wagte, nämlich dass wir es hier mit Folgendem zu hätten:

„Kutschers Projekt, dem Untergang der Weimarer Republik im Medium des Kriminalromans darzustellen, ist ungleich ambitionierter und dabei ganz und gar schlüssig.“
(Hardy Reich, Frankfurter Allgemeine Zeitung; zit. nach Klappentext von „Der stumme Tod“)

Davon kann nach dem zweiten Roman meiner Ansicht nach kaum noch die Rede sein. Es fehlt dazu die wirkliche Vorstellungskraft. Es fehlt dazu die entscheidende Phantasie. Es fehlt der Blick für das Entscheidende, die präzise Linie. – Und ich lasse mich dabei durch den dritten Teil der Serie gerne und durchaus eines Besseren belehren.

[ hs/27.02.2009 ]
Diese Rezension bezieht sich auf das Hardcover vom Februar 2009
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