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Starr, Jason PanikOriginaltitel: Panic Attack (Minotaur Books: New York 2009)
Unsere Meinung:„Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus.“
(Sigmund Freud, zitiert in dem vorangestellten Motto in: Jason Starr, Panik, S. 5) „Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man.“ (Franz Kafka, Heimkehr) Worüber kann sich ein heutiger und moderner Mensch denn noch sicher sein: Des Wetters? Seiner Freunde und Familie? Des sicheren Einkommens und des Arbeitsplatzes? Der körperlichen Unversehrtheit im Umgang mit den Mitmenschen? Am nächsten Tag aufzuwachen? Seiner selbst? Nada. - Jason Starr zeigt uns mit seinem neuen Psychothriller „Panik“, dass all diese Sicherheiten und (Selbst)Gewissheiten von einem Tag auf den anderen wie weggewischt sein können und wie einem unter Umständen in kürzester Zeit der Boden unter den Füßen weggezogen wird: Adam Bloom ist ein wohlsituierter und egozentrischer Psychologe mit einer erfolgreichen Praxis und genauso reichen wie psychisch kranken Klienten. Überdies lebt er mit seiner attraktiven Frau Dana und seiner erwachsenen studierten Tochter Marissa in einem der reicheren Viertel New Yorks. Diese bürgerliche amerikanische Wohlstandsidylle wird allerdings eines Nachts empfindlich gestört, als bei den Blooms eingebrochen wird und Adam einen der zwei Einbrecher, einen jungen lateinamerikanischen Drogendealer und Junkie, gleich mit mehreren Schüssen niederstreckt. Damit nimmt das Unheil für Adam Bloom schicksalhaft seinen Lauf. Seine Welt genauso wie die seiner gesamten Familie gerät dadurch bald hoffnungslos aus den Fugen. Zum einen wird er von den Medien absurder Weise zu einem schießwütigen Selbstjustizler à la Bernie Goetz* hochstilisiert, zum anderen gibt es da noch den zweiten Einbrecher, der nach den Vorfällen jener Nacht unerkannt flüchten konnte. Die Unsicherheit und zunehmende Verstörung der Familie Bloom nimmt zu, als ihr langjähriges Hausmädchen Theresa umgebracht wird und danach in den Verdacht gerät, etwas mit dem Einbruch zu tun gehabt zu haben. Währenddessen ist der zweite Einbrecher, der Kleinganove Johnny Long, fest entschlossen, sich an Bloom für den Tod seines alten Kumpels Carlos Sanchez zu rächen, mit dem er schon aus harten Waisenhaus-Zeiten befreundet war. Johnny erweist sich jedoch schon bald als strahlender Frauenheld und gemeingefährlicher Psychopath, der zunächst auf mörderische Weise alle Spuren auf seine Tatbeteiligung verwischt und dann einen perfiden Plan ausheckt, um der arroganten Familie Bloom nach Strich und Faden zu beweisen, was ein Menschenleben in der jeweiligen Interpretation zwischen arm und reich wert ist. Als junger attraktiver Bohemien-Künstler Xan (Alexander) Evonov macht er sich an Marissa, die Tochter der Blooms, heran, und weckt bei dieser genauso naiven wir spätpubertierenden Zweiundzwanzigjährigen ungeahnte Sehnsüchte und Leidenschaften. So geht sein Plan nach und nach auf, während sich die Blooms zwischen ihrem Schock wegen des Einbruchs und der dramatischen Vorfälle, der wachsenden Selbstzweifel, innerfamiliären Beziehungskrisen und unüberlegten Handlungen auf beinahe groteske Weise zerfleischen. Jason Starrs schwarze Krimigroteske „Panik“ zielt so auch direkt auf den Nerv der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft, die vor allem von reichen Akademikern wie Ärzten, Juristen, Psychologen und Intellektuellen repräsentiert wird. (Ob die Banker noch dazuzählen, vermag ich an dieser Stelle nicht weiter zu bewerten.) Doch die sind hier bei Starr weder moralisch verwurzelt noch haben sie in ihrer existenziellen Unentschiedenheit und Selbstgefälligkeit einen blassen Schimmer, was ihr Leben im Gegensatz zu vielen entsozialisierten Randexistenzen der Gesellschaft ausmacht. So nimmt das Schicksal seinen Lauf, wobei Jason Starr nicht nur szenisch vieles in seiner Erzählung überspitzt, sondern mit knapp 550 Seiten auch die bittere Länge seines Familiendramas außerordentlich auf die Spitze treibt. (Thomas H. Cook brauchte zum Beispiel in seinem durchaus vergleichbaren Psychothriller „Das Gift des Zweifels“ weit weniger Seiten, um seine „Botschaft“ herüberzubringen.) Die Länge ist nun eindeutig den verschiedenen Erzählperspektiven von Adam Bloom, seiner Frau Dana, seiner Tochter Marissa und ihrem Unglücksengel Johnny Long geschuldet. Selten habe ich nun allerdings in einem Kriminalroman erzählperspektivisch einen so heftigen und ironischen Wechsel zwischen Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmung und Erzählrealität der Figuren erlebt. Und genau hier zeigt der Roman dann auch seine (stellenweise durchaus entbehrlichen) Längen, andererseits jedoch auch seinen (zweifellos morbiden und) ambivalenten Reiz. Bei der Lektüre von „Panik“ wird man wie auf den Planken eines schwankenden Schiffs im Sturm hin- und hergetragen. Und wie immer bei Jason Starr kann einem nur eines wirklich fast gewiss sein: Die Sache geht nicht gut aus. Das Schiff wird sinken. – Aber wie viel Überlebende (geschweige denn Unbeschadete) wird es geben? Der Autor fegt bei seinem Erzählsturm gleichzeitig haarscharf am hausgemachten Manierismus vorbei. Nach „Twisted City“ und „Stalking“ präsentiert er uns so im Grunde zum dritten Mal einen Stalker-Roman, - dies gleichwohl in verschiedenen Abwandlungen. „Stalking“ und „Panik“ ähneln sich vor allem in der Darstellung junger, unerfahrener und gleichzeitig drogen- und sexbesessener Großstädter, die in einer himmelschreienden Naivität dargestellt werden, so dass diese bewusste Überzeichnung fast schon störend wirkt. – Man denkt sich `so dumm kann doch niemand sein´ und lacht stellenweise laut auf. Aber wie genau kennen wir die amerikanische Realität mit ihrer offenbaren und oft so beschriebenen zwiespältigen Doppelmoral? Und ist das wirklich zum Lachen? Auffallend ist bei dem Starrs Roman allerdings noch ein weiteres, nämlich klassisches Moment: Wenn Liebe zum Alptraum wird. Das unheilverkündende Titelbild von Jason Starrs neuem Roman „Panik“ zeigt symbolhaft eine leicht geöffnete Tür, die vom Düstern ins grelle Licht führt. Der Grafiker hat sich dabei sicher kaum überlegt, dass es beim Diogenes Verlag bereits einmal einen Kriminalroman von Henry Slesar mit dem vielsagenden Titel „Hinter der Tür“ („The Thing at the Door“, 1974) gab. Hier wie zum Beispiel auch schon viel früher in Ira Levins Klassiker „Der Kuss vor dem Tode“ (A Kiss Before Dying, 1953) werden junge Frauen schicksalhaft hinters Licht geführt. Doch die eindeutige weibliche Hauptfigur fehlt in Starrs Roman, der ganz und gar von seinen verschränkten Erzählperspektiven lebt. Fraglich ist, ob Jason Starr solche Bezüge zu Klassikern der Kriminalliteratur bewusst hergestellt hat, oder ob er einfach nur ein zeitloses Thema getroffen hat, nämlich der bemerkenswerten Tatsache, wie Menschen (und womöglich besonders Frauen) bereit sind, für nur ein wenig Liebe und Zuneigung ihren Verstand ins Pfandhaus zu tragen ... Fazit: Ein nach wie vor hoffnungsvoller Autor hat sich hier für seinen düsteren Psychothriller sehr viel Zeit und Seiten genommen, um seine Geschichte zu erzählen.** Die Geschichte reift dabei wie ein Käse, bei dem man fasziniert ist vom Wechsel der reizvollen und abstoßenden Düfte. – Auch wenn sich jetzt bei manchen Lesern ob all der Vergleiche und Metaphern die Zehennägel kringeln werden: Dieses Buch ist zweifellos sehr lesenswert. Nur eben auch ziemlich ambivalent ... * Bernhard „Bernie“ Hugo Goetz (* 1947 in Queens, New York City) wurde als der „Subway Vigilante“ bekannt, als er am 22.12.1984 in der New Yorker U-Bahn auf vier Afroamerikaner schoss, die ihn berauben wollten. Damit wurde er in New York und in den USA bis heute zu einer Symbolfigur für Bürger, die glauben, sich angesichts hoher Kriminalität und zunehmender „Rechtlosigkeit“ das „Recht“ zur Selbstjustiz herausnehmen zu können. ** Jason Starrs ersten Romane hatten in der deutschsprachigen Version in der Regel schlanke und geradlinige 250-300 Seiten. Seit „Stalking“ überspannt der Autor seine Geschichten offenbar regelmäßig auf mehr als 500 Seiten! (Wobei seine Stärken meiner Meinung nach vor allem in kürzeren Erzählformen liegt.) [ hs/04.05.2010 ]
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Krimi-Specials
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