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Kondor, VilmosDer leise TodOriginaltitel: Budapest Noir
Unsere Meinung:Budapest Noir
Ungarn hat und hatte ganz bemerkenswerte Schriftsteller wie Tibor Déry, Imre Kertész oder auch Peter Esterházy. Aber von ungarischen Krimiautoren war bisher nur wenig zu hören, geschweige denn zu sehen. (Was ja nach wie vor fast für die gesamte osteuropäische Kriminalliteratur gilt.) Dieses im Bild der deutschen Leser zu ändern, dazu ist jetzt offenbar Vilmos Kondor mit seinem Roman "Der leise Tod" angetreten. Das Buch stellt gleichzeitig den Auftakt zu einer Serie um den Journalisten und Polizeireporter Zsigmond Gordon dar, wobei Kondor seine Handlung im Budapest der 30er Jahre ansiedelt. Gordon zeichnet er als hartgesottenen, aber keineswegs zynischen Burschen mit abgeklärtem Weltblick: "Als Kriminaljournalist des Abend kannte er alle tausend Varianten des Todes besser als jeder andere. Dienstmädchen tranken Streichholzkappen oder warfen sich vor die Straßenbahn, Friseurmeister zerstückelten ihre Liebste, geschiedene Frauen schnitten sich die Pulsader auf, Handwerksgesellen sprangen von der Franz-Josef-Brücke, eifersüchtige Beamte erstachen ihre Frau mit dem Küchenmesser, Geschäftsleute entledigten sich ihrer Rivalen mit dem Revolver. Die Möglichkeiten waren unendlich, zugleich aber bedrückend eintönig, denn das Ende war immer dasselbe." (Vilmos Kondor: Der leise Tod, S. 18) Gordon ist also ein umtriebiger und sehr erfahrener Budapester Polizeireporter, der weitläufige Beziehungen pflegt. Dabei pflegt er allerdings auch eine engere Beziehung zu der erfolgreichen Grafikerin Krysztina, mit der er so etwas wie eine "wilde Ehe" führt. Als Gordon nun während einem Treffen mit seinem alten Bekannten, Kriminalinspektor Gellért, mehr oder weniger beiläufig Einblick in ein paar Aktfotos erhält, erinnert er sich an eine andere Geschichte, die ihm kurz zuvor unterkam. Sofort schärfen sich deshalb Gordons Verstand und Sinne. Ein Mädchen auf den Aktfotos hat frappierende Ähnlichkeit mit einer kurz zuvor ermordeten Prostituierten. In der Folge deckt Gordon in einer Kombination von Zufall und hartnäckiger Recherche bis dahin undurchsichtige Zusammenhänge von Korruption, menschlicher Ausbeutung und Gewalt auf, die kein gutes Licht auf die Budapester Vorkriegsgesellschaft werfen. Gleichzeitig bewegt er sich mit seinen Ermittlungen auf gefährlichem Terrain und in Lebensgefahr, denn er lebt nicht umsonst in einer Zeit, in der sich das Verbrechen mit der Politik verbündet hat und seine unheilvolle Wirkung in alle Bereiche des öffentlichen und nicht-öffentlichen Lebens hinein entfaltet ... Der Romanheld Gordon, der von Vilmos Kondor offenbar nur aus dekorativen Gründen als Philip-Marlowe-Verschnitt gezeichnet wird, merkt schnell, dass hinter dem Tod einer geheimnisvollen Prostituierten aus gutbürgerlicher Familie mehr steckt als die Geschichte "eines gefallenen Engels". So rührt Gordon im Sumpf der verlogenen "besseren Gesellschaft" und erforscht die Hintergründe einer tragisch-verhängnisvollen Familientragödie. Kondor beschreibt dies alles recht spannend, mitunter atmosphärisch sehr eindrücklich und stellenweise akribisch genau. Das Budapest vor dem 2. Weltkrieg wird als eine Stadt mit längst vergangener Vielvölkerkultur lebendig, als eine Metropole, deren Straßennamen heute wohl vielen nur noch fremd klingen werden oder einfach schon längst umbenannt sind. Der 1. Weltkrieg, über den immerhin die Donaumonarchie zerbrach und fast die ganze Welt in die Brüche ging, wirkt noch nach, und der kommende Krieg mit seiner noch verheerenderen Vernichtung ist 1936 schon deutlich zu erahnen. Kondors Held Gordon ist übrigens nicht wirklich der einsame Detektiv à la Marlowe, sondern kann neben seiner Geliebten Krysztina in verschiedenen Situationen auch auf seinen etwas eigenwilligen Großvater Mór setzen, was dem Roman zusätzlich noch eine etwas heimelige Atmosphäre verleiht. "Weißt du, mit deiner Großmutter hatte ich ein wunderbares Leben in Keszthely", begann Mór. "Wir hatten alles, es fehlte an nichts. Dein Vater hatte eine schöne Kindheit. Man sagt, das waren die Friedenszeiten. Ich war zehn Jahre alt, als Pest und Buda vereinigt wurden. Wir fuhren nach Pest und nach Wien. Na, nicht allzu oft. Deine Großmutter wäre gern noch mehr gereist, aber ich wollte nicht. In Keszthely gab es auch die unterschiedlichsten Leute. Deutsche, Juden, sogar Polen." Er seufzte. "Ach, egal. Ich verstehe nicht, was hier im Gange ist. Ich verstehe gar nichts mehr von diesem Land. Ich habe auch den Krieg nicht verstanden. Sie schossen auf uns, wir schossen zurück. Zuletzt war auch das undurchsichtig. Und noch verworrener war, was danach kam." (Vilmos Kondor: Der leise Tod, S. 214) Vilmos Kondor zeigt sich allerdings insgesamt so sehr um Atmosphäre mit dem entsprechenden Geschichts- und Lokalkolorit bemüht, dass ihm dabei auf der gesamten Erzählstrecke leider sowohl der Plot als auch die Spannungshandlung ein wenig zu kurz geraten. Im Mittelpunkt seines "Noir"-Romans aus dunklen Zeiten steht zwar ein Beziehungs- und Familiendrama, in der antisemitische Ressentiments und Klassendünkel ihre fatale Rolle spielen. Dennoch erscheint mir die Tragik der Geschichte nicht voll ausgeschöpft. Zudem kommen einem die Erzählmuster Kondors nur allzu vertraut vor, was der Autor wiederum mit viel Anspielungsreichtum aufzulockern versucht: "Du weißt doch, dass Krisztina im Sommer in Berlin war." Mór nickte. "Wegen irgendwelcher Zeichnungen für die Olympiade." "So ist es. Nun, dort ist sie einem gewissen Günther begegnet, der früher Polizist gewesen war, Kriminalist. Dieser Günther fahndete nach einer verschwundenen Person. Frag mich bitte nicht, was das für eine Begegnung war", antwortete Gordon auf die Frage, die in Mórs Augen zu lesen war, "bei Krisztina weiß man das nie genau. Günther ging mit Krisztina in Berlin spazieren und zeigte ihr, wie auf dem Alexanderplatz gerade Plakate voller Judenhass gegen Plakate zur Olympiade ausgetauscht wurden." (Vilmos Kondor: Der leise Tod, S. 80) "Der leise Tod" (im Originaltitel "Budapest Noir") stellt damit eine dezente Hommage an Philip Kerrs große Romantrilogie "Berlin Noir" um den Privatdetektiv Bernhard Gunther (!) dar, - leider jedoch ohne deren überragende Qualitäten erreichen zu können. So wird dieser Krimi auch Leser/innen von Birkefeld/Hachmeister oder Marek Krajewski nicht unbedingt vom Hocker reißen. Dennoch hat der Roman seine ganz eigenen Qualitäten und eine recht solide Erzählstruktur, was sich in den folgenden Teilen der geplanten Krimiserie dann durchaus noch zu bemerkenswerteren Erzählsträngen entwickeln könnte. Überdies erscheint mir Kondor mit seinem Roman in der heutigen Gegenwart, in der man sich in Ungarn wieder mit so hirnrissigen Denkarten wie dem Antisemitismus anfreundet und damit unsäglichen Hass säht, in Ansätzen geradezu als aufklärerisch. Sollte er diese erzählerische Linie und seine bisher nur angedeutete Erzählphilosophie beibehalten, dann wird man in Zukunft in der (Kriminal)Literatur sicher auf seine Stimme zu achten haben. Mit einem abschließenden Urteil sollte man es sich hier also nicht zu leicht machen. So könnte sich der schmale, knapp 250seitige Kriminalroman wegen seiner tendenziell zu einfachen Whodunnit-Grundstruktur zum Beispiel für jeden Ungarn- und Budapest-Urlauber mit Krimi-Faible einfach nur eine willkommene Einstimmung und Zerstreuung sein. "Der leise Tod" mag zwar oberflächlich wie leichte Kost wirken, dennoch gibt einem der Roman mit diversen Hintergründigkeiten einiges zu denken. Denn was hier im Einzelnen vielleicht nicht wirklich überzeugend herüberkommt, gerät dann aber im Detail auch gewiss nicht zum Schlechtesten. "Der leise Tod" als eine von – Zitat – "tausend Spielarten des Todes", hinterlässt mich letztlich ein wenig ratlos. Deshalb bin ich durchaus gespannt, wie es mit Zsigmond Gordon und seiner Freundin Krisztina weitergeht.* Fazit: Für’s deutschsprachige Debüt "verschießen" wir noch eine Patrone extra ... * Der Autor Vilmos Kondor vermittelt übrigens auf seiner Homepage (unter http://www.budapestnoir.hu in ungarischer und englischer Sprache) zumindest eine gewisse Vorstellung davon. Wir werden ihm also in naher Zukunft sicher bald wieder unsere Aufmerksamkeit schenken. [ hs/07.07.2010 ]
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