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Kiesbye, Stefan Nebenan ein MädchenOriginaltitel: Next Door Lived A Girl
Unsere Meinung:Nebenan die Kindheitserinnerung
Sind Sie Mutter oder Vater eines Kindes? Wissen Sie denn auch, wie Ihr Kind "tickt"? Vor allem, wenn es in die Pubertät geraten ist? Oder erinnern Sie sich vielleicht noch, wie Sie in ihrer Kindheit und Jugend selbst "getickt" haben? Der deutsche Autor Stefan Kiesbye erzählt mit seinem schmalen Roman "Nebenan ein Mädchen" genau davon, und es gelingt ihm eine atmosphärisch dichte und bemerkenswerte Geschichte, die sich in der niedersächsischen Provinz der 70er Jahre abspielt: Der knapp dreizehnjährige Moritz hat mit seinen Freunden Thomas, Johannes, Dieter und Rolf eine kleine Kinderbande - die "Dachse" - gegründet. Sie läuft nun nur annäherungsweise auf das hinaus, was man sich heutzutage als Jugendbande vorstellt und ist in erster Linie eher ein kindlicher Zweckverband, um miteinander spielen zu können oder einfach irgendwo aufgehoben zu sein. Allerdings haben die Dachse erbitterte Feinde, die "Füchse", die allein schon deshalb eine ziemliche Bedrohung darstellen, weil sie tendenziell älter und stärker sind. Moritz’ Welt ist sehr provinziell. Das Zentrum der kleinen Stadt, in der er und seine Freunde leben, ist eine Süßwarenfabrik. Dann ist da noch die Gummifabrik, die Eierfabrik und schließlich eine Schlachterei. Ansonsten ist hier neben der Schule nicht viel los. Das Leben treibt gemächlich dahin. Doch wie so oft im Leben lauern im Hintergrund dunkle Geheimnisse und unerwartete Gefahren. So erwachen in Moritz mit seiner beginnenden Pubertät erste erotische Gefühle. Zaghaft bandelt er mit seiner Schulbekanntschaft Anna an, die er bisher eigentlich für Holgers Freundin gehalten hat, - Holger, einem der Wortführer der besagten "Füchse". Eingeführt in die Liebe wird Moritz aber überraschenderweise von seiner um einiges älteren Schwester Karen, die ihrerseits in einen Jungen verliebt ist und deshalb viel Verständnis für ihren geliebten "kleinen" Bruder aufbringt. Auch insgesamt geht es hier in der Provinz offenbar sehr freizügig zu, was auch die Saunapartys von Moritz und Karens Eltern zeigen. Gleichwohl sind dies bis dahin auch schon die größten Aufreger des beschaulichen Provinzlebens. Bis, ja bis die "Dachse" dem Geheimnis des verheirateten Herrn Henne und seiner freundschaftlichen Bekannten, der etwas seltsamen Frieda, auf die Spur kommen. Sie lassen sich hierbei bald auf eine genauso seltsame wie fatale Geschichte ein, die in der Folge mit Erpressung und Mord eskaliert ... Mit "Nebenan ein Mädchen" ist Stefan Kiesbye eine genauso bemerkenswerte wie spannende Schilderung eines offenbar typisch deutschen Provinzmilieus der 70er Jahre gelungen. (Wobei der Rezensent, der in der schwäbischen Provinz aufwuchs, sich fragte, wie typisch das ist bzw. war.) Kiesbye erzählt seine Geschichte aus der Ich-Perspektive von Moritz, dem knapp Dreizehnjährigen. Dies ist eine eher seltene Erzählweise, die uns in recht gelungener Weise zuletzt bei Helen Grant ("Die Mädchen des Todes") begegnet ist. In diesem Zusammenhang denken wir jedoch eher an Autoren wie Niccolo Ammaniti, der in seinen Romanen "Ich habe keine Angst" (auch unter dem Titel "Die Herren des Hügels" erschienen) und "Wie es Gott gefällt" diesen perspektivischen „Trick“, aus der Sicht eines Kindes oder Jugendlichen zu erzählen, bis zur Meisterschaft verfeinert hat. So hat Kiesbyes Roman u.a. viele Ähnlichkeiten mit Ammanitis "Ich habe keine Angst". Seine Geschichte beginnt zwar zunächst eher wie in Louis Pergauds "Krieg der Knöpfe", doch schon nach wenigen Seiten wird klar, dass wir es hier definitiv nicht mit einem Kinder- oder Jugendbuch zu tun haben. Kiesbye verarbeitet in seinem Roman mithin nicht nur Themen jugendlicher Sexualität und Gewalt, sondern streift nebenbei auch das Thema des Inzests. Schade ist, dass dies am Ende schließlich alles ein wenig übertrieben und etwas unglaubwürdig wirkt. Vor allem die Handlungsweisen des Helden und Ich-Erzählers Moritz sind letztlich kaum noch nachvollziehbar: Denkt und handelt so ein Jugendlicher, der fast noch ein Kind ist? Der Rezensent kann Ihnen, lieber Leser und Leserinnen, jetzt aber schlecht verraten, was er genau damit meint, denn sonst wäre angesichts des schmalen Büchleins definitiv zuviel verraten. Deshalb nur ein kleiner Hinweis: Mit dem Mord und der Sache mit Berlin am Ende des Romans tut der Autor in "Nebenan ein Mädchen" des Guten zuviel, wo doch allein schon die Geschichte des besagten "Mädchens nebenan" für sich genommen starker Tobak ist. Fazit: Die Freiheit des Künstlers ist ein hohes Gut. Doch noch ein höheres Gut ist vielleicht die Souveränität seiner Leserschaft, nicht alles gut finden zu müssen, was er sich an künstlerischer Freiheit leistet. Wir sind allemal gespannt, was von Stefan Kiesbye im Weiteren noch zu erwarten ist ... [ hs/10.06.2010 ]
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Krimi-Specials
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