Titel: Wer erschoss Benno Ohnesorg?

Fuhrer, Armin

Wer erschoss Benno Ohnesorg?

Der Fall Kurras und die Stasi. 157 Seiten mit Fotos, Dokumenten und Faksimiles

Mai 2009: Ein Aktenfund änderte mit einem Schlag den Blick auf die deutsche Zeitgeschichte. Der West-Berliner Polizist, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen und damit die 68er-Bewegung mit ausgelöst hatte, entpuppte sich als Spitzel der DDR-Staatssicherheit.
Hatte die Stasi den Auftrag gegeben, Ohnesorg zu töten? Damals wurde Karl-Heinz Kurras freigesprochen, heute ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Mordes.
Wer war der Mann, der Benno Ohnesorg erschoss? Und wie stark war die West-Berliner Polizei schon seit den fünfziger Jahren von der Stasi unterwandert?
FOCUS-Redakteur Armin Fuhrer zeichnet erstmals die gesamte Stasi-Tätigkeit von Karl-Heinz Kurras nach. Auf der Grundlage der derzeit nicht mehr zugänglichen Akten enthüllt er zahlreiche neue Details, ordnet die bereits bekannten Fakten in die großen Zusammenhänge ein und korrigiert Falschmeldungen aus den Medien.

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Autor: Fuhrer, Armin
Titel: Wer erschoss Benno Ohnesorg?
Jahr: 2009-10
Seiten: 157 | Taschenbuch
Verlag: be.bra
ISBN: 978-3-89809-087-2
Preis: 14.95 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 14.95 EUR

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Unsere Meinung:

Es war "der Tag, der alles veränderte": Der 2. Juni 1967. Danach ging die Bundesrepublik stürmischen Zeiten entgegen, worauf sie sich dann aber später grundsätzlich zum Positiven wandeln sollte. Der 2. Juni 1967 ist der Tag, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde. Den damaligen Täter, Polizeioberwachtmeister Karl-Heinz Kurras, heute als Mörder zu bezeichnen, ist auch nach vierzig Jahren und angesichts der derzeit erneut anlaufenden Untersuchungen nach wie vor nicht statthaft. Doch neuere Erkenntnisse zu dem Fall und die Enttarnung des Täters als Stasi-Agent deuten auf völlig neue Bewertungsgrundlagen der damaligen Vorfälle hin. Einiges spricht dafür, den Kopfschuss, den Kurras auf Ohnesorg abfeuerte, als Mord zu interpretieren. Zusätzlich stellt sich dann aber noch die Frage, ob es sich tatsächlich um einen "einfachen", ziellosen Mord handelte. Vor dem jetzt enthüllten geheimdienstlichen Hintergrund von Kurras fragt man sich vielmehr, ob wir es hier nicht womöglich mit einem konspirativen und gezielten Auftragsmord zu tun haben?

Der Journalist Armin Fuhrer konzentriert sich in seinem sehr sachlichen und dennoch spannend zu lesenden Buch "Wer erschoss Benno Ohnesorg" fernab von Verschwörungstheorien ganz auf die neue, noch vorläufige Aktenlage, wie sie sich seit Mai 2009 ergeben hat, als die Historikerin und Mitarbeiterin der Behörde für die Stasi-Unterlagen Cornelia Jabs eher zufällig auf die überraschenden Hintergründe des Polizisten Kurras stieß. Das Buch gibt dabei allerdings keinesfalls die aktuellen Diskussionen wieder und hält sich mit Mutmaßungen und Spekulationen sehr zurück, obwohl diesen durch die zahlreichen gesellschaftspolitischen Verwicklungen des Falls natürlich Tür und Tor geöffnet sind. Fuhrer orientiert sich an dem, was wir über den Menschen Kurras inzwischen wissen können. Er psychologisiert nicht, sondern stellt nüchtern die Geschichte des Waffennarren, Polizeibeamten und Geheimdienstspitzels Kurras dar. Dieser war und ist danach ein Mensch mit festen und autoritären Wertvorstellungen, aber auch ein Zwangsneurotiker, der sein Leben bis ins Kleinste kontrolliert und seine Umwelt tyrannisiert.

"Kurras achtete offenbar auch in seinem privaten Umfeld sehr auf Sauberkeit. Die Frau, mit der er Anfang der 1960er Jahre liiert war, erinnerte sich Jahrzehnte später daran, in `wegen seines verrückten Sauberkeitsfimmels´ zwei Monate vor der geplanten Hochzeit sitzen gelassen zu haben. Und weiter: `Jedes Mal bevor er mit mir ausging, prüfte er genau, ob mein Rocksaum und die Strumpfnähte auch richtig saßen. Jedes Mal, wenn wir zusammen aßen, sagte er: Kleckere nicht. Er hat mich nie geküsst, er fand das unhygienisch.´"
(Armin Fuhrer: Wer erschoss Benno Ohnesorg?, S. 28)

Dem Autor ging in seinem Buch aber offensichtlich weder darum, eine Biographie zu Karl-Heinz Kurras noch eine Gesamtdarstellung des Falles Ohnesorg zu schreiben. Fuhrer schien es vordringlicher, allein einen Blick auf die "Karriere" von Kurras zu werfen:
Kurz nach dem Krieg saß Kurras für mehrere Jahre in dem Gefangenenlager Sachsenhausen ein, dass die Sowjets ohne weiteren Umstände von den Nazis "übernommen" und für ihre eigenen Zwecke genutzt hatten. In Sachsenhausen machte der junge Kurras (Jahrgang 1927) offenbar erstmals Bekanntschaft mit einem Geheimdienst. Er begegnet Offizieren der sowjetischen Geheimpolizei MWD (später KGB), für die er sich offenbar während seiner Haft 1947-1950 als privilegierter Lagerspitzel verdingte und sich dadurch einige Vorteile und Verbindungen verschaffte. Inwiefern dieser frühe Kontakt mit dem KGB später noch nachwirkte, bleibt weitgehend im Dunkeln und ist nur eine der vielen ungeklärten Fragen in dem Kurras-Stasi-Komplex. Dennoch wäre es u.a. gut denkbar, dass Kurras in den folgenden Jahren nicht nur für die Stasi, sondern auch für den KGB arbeitete. Dies ist allerdings nur eine weitere naheliegende herangetragene Spekulation, die Fuhrer in seinem Buch jedoch kaum weiter ausführt.
Diese dunkle Episode in Kurras Leben machte ihn jedoch gleichzeitig für die West-Berliner Polizei unverdächtig, da er ja vordergründig unter dem Zwangssystem der Kommunisten gelitten hatte. Kurras trat so 1950 eine Stelle als Polizeimeister in Berlin-Charlottenburg an, setzte aber seine konspirativen Tätigkeiten mit Hilfe der DDR-Staatssicherheit im Zivilleben weiterhin fort. Mit seinem mehr oder weniger linksfaschistischen Weltbild wanderte er in der Frontstadt Berlin zwischen den Fronten hin und her und gelangte in der West-Berliner Polizeihierarchie über die Jahre an wichtige Positionen, um der DDR-Staatssicherheit wertvolle Informationen zu Struktur, Abläufen und Entscheidungsrichtlinien zu liefern. Dies war u.a. zu Zeiten des Mauerbaus, also in den heißen Phasen des Kalten Krieges, durchaus von militärischer Bedeutung. Der "Tschekist" Kurras war somit eine "Topquelle", mithin einer der bedeutenderen östlichen Geheimdienstler in der Frontstadt, auch wenn er im Laufe der Jahre für die Stasi nicht immer leicht zu handhaben war. Soweit die relativ genaue und dokumentengestützte Darstellung Armin Fuhrers.

Auffällig an Fuhrers Aufarbeitung des Kurras-Stasi-Komplexes ist allerdings, dass er die neuen Erkenntnisse nicht nach allen Aspekten hinterfragt, denn gerade an einigen Nahtstellen des kurras’schen Täterprofils tun sich genau jene psychologische Fragwürdigkeiten auf, die der Autor vernachlässigt:
Kurras’ geradlinige Geheimdienstkarriere als IM "Otto Bohl" mit allen Anekdoten über seine Führungsmänner und (vor allem) Kontaktfrauen passen mit ihrem konspirativen Dunst der "Betriebsspionage" irgendwie nicht zu den späteren Ereignissen. Um so mehr erstaunt dann der nach außen hin so unkontrolliert wirkende Gewaltausbruch des Polizisten Kurras am 2. Juni 1967, in dessen Brust ja unerkannt die zweite Seele eines militanten Geheimdienstlers innewohnte. Seine Tat an sich, die kaltblütige Erschießung Benno Ohnesorgs per Kopfschuss, wirkt da genauer betrachtet um so kontrollierter. Der Vorgang ähnelt auf erschreckende Weise einer nüchtern ausgeführten Liquidation. Doch wieso sollte oder wollte Kurras Ohnesorg liquidieren? Aus welchem Grund genau sollte er die beiden Karrieren seines geheimdienstlich-polizeilichen Doppellebens aufs Spiel setzen?
Wenn wir kurz einmal ausschließen, dass die Tat nicht allein die Handlung eines gefährlichen und unkontrollierten Spinners im Polizeidienst und nicht wirklich rein persönlich und durch allgemeinen Hass motiviert war, was gemeinhin immer unterstellt wird, dann rückt Kurras schnell in die Rolle eines "agent provocateur", um die aufgeheizte Stimmung der Studentenproteste zusätzlich anzuheizen. Und wenn sich die Sachlage auch nur annähernd so verhält, war es denn dann seine selbstgesteuerte und selbstherrliche Handlung, oder gab es dazu konkrete Auftraggeber? Zudem steht noch eine weitere ungestellte Frage im Raum: Galt eine solche "Liquidation" dann vielleicht sogar gezielt der Person Benno Ohnesorgs? Aber wie hätte ein so gezielter Auftragsmord in "dem Chaos" des 2. Juni 1967 überhaupt bewerkstelligt werden können?

Leider bleibt nun Ohnesorgs Vorgeschichte und Rolle in Armin Fuhrers Faktenbericht sehr unterbelichtet. (Man weiß darüber auch denkbar wenig.) Er stellt ihn hier nur als tragisches und unschuldiges Opfer dar. Dennoch möchte man bei dem seltsam fragenden Titel von Fuhrers Buch "WER erschoss Benno Ohnesorg?", was an diesem Fall ja noch am klarsten erscheint, einmal eine ganz andere Fragestellung anstrengen: Weshalb schoss Kurras überhaupt und weshalb erschoss er gerade Benno Ohnesorg? Denn hier greifen die bisherigen Erklärungen (Kurras als "Waffennarr", Kurras als neurotischer, vermeintlich unkontrollierter und ideologisierter Mensch etc.) vor den neuen Fakten doch etwas zu kurz.
Otto Schily, damals im Kurras-Prozess Rechtsanwalt und Nebenkläger von Benno Ohnesorgs Vater, schließt einen konkreten Mordauftrag des MfS weitgehend aus und wendet die Frage schnell ins allgemein Psychologische, indem er einen indirekten Einfluss auf das Verhalten von Kurras am 2. Juni 1967 vermutet:

"Die entscheidende Frage für mich ist, ob sich der Polizeibeamte Kurras aufgrund seiner Stasi-Verpflichtungen in dieser Krisensituation anders verhalten hat, als er es sonst getan hätte."
("Verrat vor dem Schuss". In: Der Spiegel 22/2009 vom 25. Mai 2009, S. 46)

Es wäre dabei allerdings noch zu bedenken, dass auch die Berliner Studentenschaft bis in die späten 80er Jahre von Geheimdiensten und Spitzeln unterwandert war und unter den Studenten und ihrem Umfeld zahlreiche Anwerbungsversuche als "Perspektivagenten" (auch des KGB) stattfanden. Diese Zusammenhänge sind bis heute noch viel zu wenig beleuchtet. Und dem Rezensenten stellte sich nicht zuletzt durch seine eigenen Erfahrungen von 1988-1995 während seines Politikstudiums an der FU Berlin die Frage, ob nicht schon Benno Ohnesorg Mitte der 60er Jahre Ziel eines solchen Anwerbungsversuchs geworden war und dadurch möglicherweise auf die eine oder andere Weise zuviel wusste. (Benno Ohnesorg zeigte sich in seiner Berliner Zeit politisch sehr interessiert, so engagierte er sich als bekennender Pazifist und als Mitglied einer evangelischen Studentengemeinde. Er nahm u.a. 1964 am Pfingsttreffen der FDJ teil, was im Unterschied zum öffentlichen Bild des Opfers auf noch vielfältigere Aktivitäten schließen lässt, die einen solchen hier angenommenen Anwerbungsversuch der Stasi oder auch des KGB nicht unwahrscheinlicher werden lassen.) Meiner Meinung nach ist es deshalb nicht auszuschließen, dass die Tötung Benno Ohnesorgs auch in einer ganz konkreten Hinsicht ein gezielter Auftragsmord gewesen sein könnte. Aber das sind zugegebenermaßen alles nur Spekulationen. Üblicherweise schaltet man solche Spekulationen oder Thesen aber durch genaue Akten- und Materialrecherche nacheinander sorgfältig und explizit aus. Das fehlt mir nun u.a. an Armin Fuhrers ansonsten recht aufschlussreichen und gut zusammengestellten Aktenbericht. Darüber hinaus wundert es mich etwas, dass die Frage nach einer persönlichen Verbindung Kurras-Ohnesorg so offenbar nie gestellt wurde.

Bemerkenswert kommentarlos geht Fuhrer auch über weitere immanente Widersprüchlichkeiten seines Aktenberichts hinweg. So war Kurras u.a. Mitte der 60er Jahre nachweislich auch in einem Fall mit bemerkenswerter Namensgleichheit beteiligt, nämlich an der Ausschaltung des mehrfachen Doppelagenten Bernd Ohnesorge, der später in bulgarischer Haft starb. Ein Moment, dass die Sensationsgeier des "Nachrichtenmagazins" Der Spiegel natürlich sofort aufgriffen (vgl. "Verrat mit Todesfolge". In: Der Spiegel 24/2009 vom 08. Juni 2009, S. 44-45). Bei Fuhrer hätte man bei diesem Zitat "komplizierten Fall" in der Parallelführung wenigstens eine weitaus deutlichere Klarstellung und mehr Trennschärfe erwartet (vgl. Fuhrer, Wer erschoss ...?, S. 72-73). Und ist es naiv, oder will sich Fuhrer einfach zu keinerlei Spekulationen hinreißen lassen, wenn er nüchtern über die fragwürdige Aktenlage dokumentiert:

"Ob es danach tatsächlich wieder zu einer Zusammenarbeit kam, wissen wir nicht. Die Akten sind an dieser Stelle im November 1989 auf Anordnung Eiserbecks [Kurras’ Stasi-Führungsoffizier; d. Red.] deutlich ausgedünnt worden. Zur völligen Vernichtung reichten vermutlich in den wirren Wendemonaten [1989/1990] einfach die Zeit nicht. Diese partielle Vernichtungsaktion könnte jedoch ein Hinweis auf eine weitere Zusammenarbeit sein – was sonst könnte anschließend noch so interessant gewesen sein, dass man es unbedingt geheim halten wollte?"
(Armin Fuhrer: Wer erschoss Benno Ohnesorg?, S. 140)

Kurras schätzte man mit den Ereignissen am 2. Juni 1967 bei der Stasi als "verbrannt" ein; gleichwohl Kurras selbst z.B. 1976 bei einem Aufenthalt in Ost-Berlin versuchte, wieder den Kontakt zu seinem Führungsoffizier aufzunehmen ...

Viele Fragen bleiben offen. Beantworten könnte sie wohl zum größten Teil und vor allem noch Kurras selbst – oder weitere Geheimdienstakten. Der heute über achtzigjährige Greis verschweigt unterdessen nach wie vor die ganze Wahrheit. Die Aktenlage ist trotz des Funds von Mai 2009 immer noch dürftig und sagt z.B. nichts über die Rolle des KGB aus, der zumindest am Anfang von Kurras’ Karriere die Finger im Spiel hatte.
Da hilft es wohl tatsächlich nur nach dem Motto "Mord verjährt nicht", den Täter unter einer neuen Anklage vor Gericht zu stellen und einen der großen, ungeklärten Justizfälle der Bundesrepublik gezielt und umfassend aufzuklären und dabei nicht nur die Rolle der Geheimdienste zu durchleuchten, sondern nicht zuletzt die seltsamen Vorgehensweisen der damaligen Berliner Polizeibehörden endlich vollständig offen zu legen.

Fazit: Fuhrers Buch versucht, relativ nüchtern und objektiv die neuen Erkenntnisse in dem "Fall Kurras" darzustellen. Sein Bericht regt dabei vor allem an zu weiterer Lektüre: Bemerkenswert ist dabei sicher Uwe Soukups detailreiches Buch "Wie starb Benno Ohnesorg?" (Verlag 1900, Berlin 2007), auf das sich auch Fuhrer sehr stark bezieht, und der ausgangs März 2010 erscheinende Fallbericht von Sven F. Kellerhoff "Die Stasi und der Westen. Der Fall Kurras" (Hoffmann & Campe). Nach wie vor lesenswert ist im Übrigen natürlich immer noch Uwe Timms Buch "Der Freund und der Fremde", die er aus einer gewissen Nahperspektive als ehemaliger Freund Benno Ohnesorgs 2005 veröffentlicht hat. Zwar ästhetisiert Timm dort das Leben Ohnesorgs auf mehr oder weniger nostalgische und romantische Weise, dennoch wird durch seine Erzählung ganz deutlich, wie wenig wir heute über eine zentrale "Opferfigur" der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der Bonner Republik und der Berliner Mauerstadt wissen.

[ hs/01.02.2010 ]
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