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Mizukami, TsutomuIm Tempel der WildgänseOriginaltitel: "Gan no tera" (Bungei Shunju: Tokyo 1961)
Unsere Meinung:In der Gegend von Kyoto spielt sich Ende 1934 am Fuße des Kinugasa-Berges in einem Zen-Tempel ein äußerst seltsames Drama ab: Der in die Jahre gekommene Abt Jikai verschwindet spurlos und hinterlässt eine Menge an Fragen und Rätseln. Ist er den Weg aller buddhistischer Erleuchtung gegangen, oder ist ihm womöglich etwas Schlimme(re)s passiert?
Was nur wenige wissen: Jikai führte als Zen-Meister ein recht lasterhaftes Leben. Allgemein bekannt war dabei aber nur, dass er dem Alkohol (vor allem in Form von Sake) überaus zusprach. Dass er sich neben seinen Trinkgelagen aber gleichzeitig eine Konkubine namens Satoko hielt und diese vor der Öffentlichkeit versteckte, scheint nur wenigen bekannt. Überdies ahnt niemand, was der blutjunge Mönch Jinen, ein Novize im Zen-Kloster Jikais, über das Verschwinden seines Meisters weiß. Dieser genauso merkwürdige wie missgestaltete Junge wirkte auf Jikais Gespielin Satoko von Anfang an unheimlich. Sie hegt zum einen den Verdacht, dass dieser ihre wilden Liebesspiele mit dem Abt heimlich beobachtete. Andererseits bemitleidet sie den verhärmten Jungen mit dunkler Vergangenheit, der offenbar Zeit seines Lebens missbraucht wurde und beinahe Unmenschliches zu erdulden hatte. Allerdings geht auch der Abt Jikai nicht unbedingt menschlich mit seinem Novizen um, sondern behandelt ihn teilweise wie ein Tier ... Satoko pflegt unterdessen ein recht seltsames Verhältnis zu dem bemitleidenswerten Jungen, der sowohl im Kloster als auch in seiner regulären Schule ein hartes Leben zu durchleiden hat. Sie lässt sich einmal sogar beinahe dazu hinreißen, den "Minderjährigen" zu verführen. Doch eine Frage lastet noch mehr auf ihrem Gewissen: Was weiß der Junge über das Verschwinden des Abtes Jikai? Tsutomo Mizukamis Kriminalroman "Im Tempel der Wildgänse" hat seine überraschenden Qualitäten und konterkariert viele Lesarten des europäischen und amerikanischen Kriminalromans. Hier steht am Anfang der Geschichte nicht einfach Fall, der im Laufe der Handlung von einem Detektiv, Kommissaren oder Polizeibehörden aufgelöst wird. Der Ablauf der Geschichte erinnert – trotz der Absurdität des Vergleichs – am ehesten an Erzählungen von Patricia Highsmith oder Georges Simenon. Aber die gleichzeitigen Unterschiede sind wohl dennoch genauso groß wie zwischen europäischer und japanischer Malerei. A propos Malerei. Diese stellt in dem vorliegenden Roman das Ausgangs- wie Schlussmotiv dar, versinnbildlicht durch ein Wandgemälde in Jikais Kloster, auf dem eine äußerst lebendige Darstellung von einer Gruppe von Wildgänsen abgebildet ist. Das Bild ist allerdings an einer bestimmten Stelle verunstaltet. Man ahnt dabei schon, dass hier nicht ein Sinnbild des Lebens, sondern ein Sinnbild der Herbeiführung des Todes, also eines Mordes abgebildet ist. Der Tod wird "Im Tempel der Wildgänse" allerdings gleichzeitig fast so behandelt, als wäre er die Aneinanderreihung der Fürbitten auf einer buddhistischen Gebetskette. Gebet hin oder her: Das Leben ist hier dabei allerdings so hart wie das Holz, an das ein Mensch förmlich festgenagelt wird. Was mich an Tsutomu Mizukamis Roman so beeindruckt hat, das sind seine poetischen erzählerischen Anklänge wie eben jenes Bild von den Wildgänsen, die wie ein Geist über dem Kloster des Abtes Jikai herrschen. Was daran allerdings noch mehr berührt, ist die Darstellung des harten Lebens in einem Zen-Kloster, in dem einem Jungen von kaum dreizehn Jahren wirklich alles abgefordert wird, bis er praktisch an seinem erbarmungswürdigen Leben zerbricht. Dazu kommt die bittere Einsicht in die alte menschliche Malaise zwischen "Kirche", Glaube und Lebenswirklichkeit, die hier – Modeerscheinung "Zen" hin oder her – so unbarmherzig deutlich wird, dass man als mitfühlender Leser gleichsam allesamt zum Teufel wünschen möchte ... Bei der Lektüre von "Im Tempel der Wildgänse" stießen wir allerdings auf einen weiteren interessanten Aspekt: Wenn wir über den japanischen Kriminalroman nachdenken, dann fallen uns auf Anhieb gerade einmal eine Handvoll ernstzunehmende Autoren ein: Vornan steht der literarische Weltstar Haruki Murakami, der trotz seines etwas übertrieben populären Ruhms beiläufig drei großartige und komplexe "Detektiv-" bzw. Spannungsromane abgeliefert hat ("Wilde Schafsjagd", "Mister Aufziehvogel" und "Kafka am Strand"). Dann fällt uns gleich Natsuo Kirino mit ihrer erschütternden Erzählung in der "Umarmung des Todes" ein. Vieles wurde von Kirino auf Deutsch gleichwohl noch nicht veröffentlicht, aber vom Gefühl her darf man noch viel "mehr" von ihr erwarten. Ein absoluter japanischer Krimiklassiker, nämlich Edogawa Rampo mit seinen zum Teil recht heftigen Erzählungen in "Spiegelhölle", ist ebenfalls sehr bemerkenswert. Leider ist das Werk in deutscher Übersetzung inzwischen vergriffen (aber immer noch absolut empfehlenswert). Andere Autoren/innen wie Masako Togawa ("Schwestern der Nacht"), deren beste Zeit in Japan allerdings in den 60er und 70er Jahren lag, oder die genauso schrillen wie erotisch angereicherten und düsteren Romane Ryu Murakamis, die schon in die härtere Gangart der Manga Comic-Kultur hineinreichen, konnten uns dagegen kaum überzeugen. So stieß ich eher zufällig, aber dann mit großem Interesse auf die Japan-Edition des Berliner Verlags be.bra und dabei unter knapp 25 Titeln auf immerhin drei Romane, die der Kriminalliteratur zugeordnet werden können. Diese werden nun bald aus lauter Neugierde der Reihe nach weglesen, weil dieses Programm uns im "Hammett" als sehr anspruchsvoll und qualitativ hochwertig erscheint. Mizukami Tsutomus "Im Tempel der Wildgänse" war dabei nur der Anfang. Dieses Jahr werden in unserer Kritik sicher noch Tsutsui Yasutakas "Mein Blut ist das Blut eines anderen" und Takeshi Kaikôs "Japanische Dreigroschenoper" folgen. - - - Sie sehen dabei nicht zuletzt: Wir lesen mithin durchaus programmatisch ... Fazit: Der "Tempel der Wildgänse" ist auf jeden Fall eine Lesereise wert. Das gilt aber wohl vor allem für Freunde klassischer Kriminalliteratur. [ hs/24.02.2010 ]
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