Titel: Die Sirenen von Bagdad

Khadra, Yasmina Die Sirenen von Bagdad

Originaltitel: "Les Sirènes de Bagdad"
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe

Bei einer Razzia des US-Militärs wird ein junger Iraker tief gedemütigt und muss seine Familie und sein Heimatdorf verlassen. Er beschließt, sein Leben der Aufgabe zu widmen, den Westen tödlich zu treffen. Höchst eindrucksvoll erzählt Yasmina Khadra vom Leben der Menschen in einer ausweglosen Spirale aus zerstörter Ehre und Hass in einem zerbrochenen Land.

Yasmina Khadra ist das Pseudonym des 1956 geborenen algerischen Autors Mohammed Moulessehoul. Als hoher Offizier der algerischen Armee konnte er sein Pseudonym erst lüften, als er im Dezember 2000 mit seiner Familie ins Exil nach Frankreich ging. Er erfand die Figur des Commissaire Llob, den Helden von fünf Kriminalromanen, deren letzte drei in Frankreich herauskamen und eine Einheit bilden, eine Trilogie zum Thema Bürgerkrieg und seiner Hintergründe. Vorher und nachher veröffentlichte er weitere Romane. Zur Trilogie, die mit Morituri beginnt, schreibt Yasmina Khadra: "Die Trilogie will eine möglichst getreue Analyse der Tragödie sein, die mein Land erschüttert."

Autor: Khadra, Yasmina
Titel: Die Sirenen von Bagdad
Jahr: 2010-04
Seiten: 315 | Taschenbuch
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-13865-9
Preis: 9.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Young Abdel Madi Shabneh was only 18 years old,
He was the youngest of nine children, never spent a night away from home.
And his mother held his photograph up in the New York Times
You see the killing has intensified along the road to peace. (. . . )"
(Zitiert aus dem dreiteiligen CD-Album "orphans" von Tom Waits, Road to Peace)

Genauso erstaunlich wie bemerkenswert wirkt, mit welch einfachen Mitteln es Mohammed Moulessehoul alias Yasmina Khadra immer wieder schafft, die Ungeheuerlichkeiten des Umbruchs in den arabischen Gesellschaften zu beschreiben. Nach seinen Algerien-Romanen, in denen er den moralischen Zerfall und die Hintergründe einer hoffnungslos korrupten und despotischen Gesellschaft aufgezeigt hat, nachdem er früher schon in Romanen "Wovon die Wölfe träumen" oder "Die Attentäterin" die nihilistische Ausweglosigkeit junger Araber in Literatur gefasst und auf einen Nenner gebracht hat, bewegt er sich in der Erzählung seines Romans "Die Sirenen von Bagdad" nun genau im Auge des Orkans.
Der Held des Romans ist ein junger, sensibler Student, der in Bagdad Literatur studiert hat, bis der Irakkrieg und die nachfolgende Besatzungsherrschaft durch die Amerikaner und ihre Alliierten das Land in ein vollendetes Chaos stürzten. Als er in sein kleines Heimatdorf Kafr Karam, das vom Krieg weitgehend unberührt blieb, zurückkehrt, erlebt er dort mit einem tragischen Zwischenfall an einem Checkpoint und mit einer entwürdigen Durchsuchung seines Vaterhauses die tödliche Willkür des Besatzungsregimes, das mit den politischen und kulturellen Verhältnissen des von ihm besetzten Landes hoffnungslos überfordert ist.
Der über den ganzen Roman namenlos bleibende "Held" fühlt sich danach zutiefst in seiner Ehre verletzt und macht sich entschlossen nach Bagdad auf, um sich dem Widerstand anzuschließen. Doch erst nach vielen weiteren Demütigungen und einem wahren Fegefeuer der Gefühle, zeigt er sich bis aufs Äußerste entschlossen. Er gerät über alte Freunde in eine radikale Gruppe von Terroristen, die für sich genommen kleine Lichter (und übrigens nicht einmal religiöse Eiferer) sind, deren kaltblütige Hintermänner aber den großen Coup planen. Und dieser Plan soll den Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 weit in den Schatten stellen.

"Das wird ein Riesending!", knurrt er. "Das möchte ich um nichts auf der Welt verpassen."
Er wünscht mir eine gute Nacht und zieht ab.
Wieder allein, wende ich der Stadt den Rücken zu und lasse den Erinnerungen an Kafr Karam freien Lauf. Kafr Karam ist ein armseliges Kaff, das ich für keine tausend Kerwen hergeben würde, ein beschauliches Fleckchen in der hintersten Wüste, reine Natur, unberührt von Glimmer und Glitter, Ort des Stillstands, den kein Lärm stört. Seit Menschengedenken lebten wir zurückgezogen hinter unseren Mauern aus Stroh und Lehm, fern der Welt und ihrer Monster, gaben uns zufrieden mit dem, was Gott uns bescherte, und lobten seinen Namen, ganz gleich, ob er gab oder nahm. Wir lebten in Armut und Demut, aber in Frieden. Bis zu dem Tag, da man brutal in unsere vertraute Welt einbrach, entweihte, was uns heilig war, und unsere Würde mit Füßen trat. Bis zu dem Tag, da Barbaren mit Granaten und Handschellen in den Gärten Babylons auftauchten und den Dichter lehrten, ein freier Mann zu sein.
(Yasmina Khadra: Die Sirenen von Bagdad, S. 17)

"And if God is great and God is good why can't he change the hearts of men?
Well maybe God himself is lost and needs help
Maybe God himself he needs all of our help
Maybe God himself is lost and needs help
He's out upon the road to peace"
(Tom Waits, Road to Peace)

In Yasmina Khadras Romanen ist oft von Gerechtigkeit, Würde und Ehre die Rede, - Begriffe, die uns beinahe schon ein wenig altertümlich anmuten, denen in anderen Kulturkreisen allerdings noch ein anderer Wert zugemessen wird. Mit der Beschreibung dieser Moralvorstellungen, die in den heutigen arabischen Gesellschaften und ihren Despotien zwangsläufig in einen Widerspruch geraten, führt Khadra übrigens einen dezenten und unaufdringlichen Moraldiskurs. Dennoch lässt er es niemals an Deutlichkeit und Härte fehlen, zumal er seine erzählerischen Absichten äußerst geschickt in Handlungen verpackt, die sich an die Erzählmuster von Kriminalromanen und Thrillern anlehnen. Das ist für sich genommen sehr bemerkenswert: Khadra drängt seinen Lesern keine halbtheoretischen oder moralinsauren Exkurse auf. Er bietet weitgehend ungeschminkte Erzählkunst dar. Seine Figuren wirken "wie aus dem Leben gegriffen".
Dabei „unterhält“ Khadra uns mit seinen Büchern nicht nur, er unterhält sich indirekt auch mit uns selbst: Seine Helden, meist eher stark gebrochene Anti-Helden, führen die Leser so nicht selten an den bitter einfühlsamen Punkt, sich selbst zu fragen, wie man sich denn wohl in diesen und jenen Situationen verhalten würde. Mitunter stellen sich in diesem Nacherleben moralische Fragen und politische Ansichten neu. (Je nach Lesart der Romane. Ob man sich von ihnen nur rein unterhalten lassen will, oder ob man sich danach dann auch über sie unterhalten will.)

Nun, was sind wir denn andererseits nicht alles bereit mitzudenken und mit zu vollziehen: Einen völkerrechtswidrigen Krieg und eine rein strategisch und machtpolitisch motivierte Besatzungspolitik im Irak. Ausgeführt von einer Weltmacht und ihrer Regierung, die unter glanzvollen demokratischen Vorwänden schmutzige halbdiktatorische Formen angenommen hat und in der zum Beispiel offensiv über Foltermethoden und Einschränkung von Bürgerrechten schwadroniert wird.
Man will in eine Weltregion "Freiheit" bringen und arrangiert sich dort mit Despoten, die Freiheit systematisch unterdrücken. Man will den Inbegriff von Freiheit darstellen und greift im eigenen Inneren systematisch die Grundlagen freiheitlicher Demokratie an. (Demokratie wird übrigens oft per se mit "Freiheit" gleichgesetzt, aber es ist natürlich bei weitem kein Synonym für Freiheit.) Man will eine freiheitliche Demokratie aufbauen und ist - vielleicht gerade wegen der eigenen Moral - damit hoffnungslos überfordert. Dann wirft man die Hände wahlweise in die Luft oder legt sie in den Schoß, treibt munter seine Geschäfte im Besatzungsland und lässt dabei in der Folge das "befreite" Land einfach vor die Hunde gehen. - Ist das alles nur verlogen und einfach nur von andersgearteten Interessen geleitet? Und wer will diese Widersprüche auf Dauer aushalten?

"Bis zu dem Tag, da Barbaren mit Granaten und Handschellen in den Gärten Babylons auftauchten und den Dichter lehrten, ein freier Mann zu sein."

Dies schwebt als Drohung nicht nur über den wohlfeilen Demokratien des Westens, sondern schon längst auch als Sirenengesang über den arabischen Despoten im Iran, in Saudi-Arabien, Libyen, Syrien und wie sie alle heißen mögen. - Yasmina Khadra bringt diese komplexen Zusammenhänge dezent auf den Punkt. Das macht ihn und auch seinen neuen Roman so lesenswert.
[ hs/08.03.2008 ]
Diese Rezension bezieht sich auf die gebundene Ausgabe von März 2008

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