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Thibert, Colin Nächste Ausfahrt MordOriginaltitel: Vitrage à la corde
Unsere Meinung:"Vierhundertfünfzig PS. Vierradantrieb. V8-Turbo-Motor.
270 auf dem Tacho. Ein unbändiges Tier von mehr als zwei Tonnen, das in 5,6 Sekunden auf hundert Stundenkilometer beschleunigt. Ein Monstrum! Ein Porsche namens Cayenne." (Colin Thibert: Nächste Ausfahrt Mord, S. 5) "Richard stand im Stau und trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad seiner Luxuskarosse. Der Motor heulte ungeduldig auf und ließ den Wagen immer wieder erbeben, während er den Highway entlangkroch. Der Drehzahlmesser schlug bei der kleinsten Berührung des Gaspedals heftig aus. Richard war begeistert wie ein kleiner Junge gewesen, als ihm der elegante Mercedes SLK 280 geliefert worden war. Die scheinbar unbegrenzte Motorkraft und die rennwagenartige Beschleunigung versprachen ein Ende der Langeweile auf der Straße, während die Tieferlegung und der sportliche Roadster-Look sowohl Jugend als auch Erfolg ausstrahlten." (aus: Andrew Brown: Würde, S. 58) Es ist schon seltsam, wie verrückt und nachgerade lächerlich sich manche männliche Geschlechtsgenossen angesichts eines Autos verhalten. Der Wahnsinn auf vier Rädern ist dabei Status-, Luxus- und Sexsymbol zugleich. Dass alle Beteiligten – ob Spötter, Bewunderer oder Angeber – genau darum wissen, macht die Sache nicht besser, sondern nur noch lächerlicher. Deshalb amüsierte es mich auch ganz köstlich, als ich zufällig zeitgleich in zwei Kriminalromanen eindrücklich auf die Begleiterscheinungen und mitunter tödlichen Folgen dieser automobilen Obsession stieß. Bei dem südafrikanischen Autoren Andrew Brown ist es in dem Roman "Würde" der in die Jahre gekommene Anwalt Richard Calloway, der sich mit einem Mercedes-Sportwagen die verlorene Jugend und die Bewunderung seiner Mitmenschen/-männer zurückholen will. Als sein Kollege und Freund sich einen Porsche Cayenne 4x4 anschafft, wird seine Angeberei jedoch schnell ad absurdum geführt, was ihn wiederum in eine ziemlich würdelose kurzzeitige Sinnkrise führt (vgl. Andrew Brown, Würde, S. 58-80 – eine Rezension zu diesem Buch folgt übrigens in Kürze). Den "Helden" Landry in "Nächste Ausfahrt Mord" treibt jener kindische Wahnsinn allerdings in eine wahrhaft mörderische Raserei. Zwar erscheint nach allen anfänglichen Glücksgefühlen das fortschreitende Unglück des Vertreters für Einbaufenster bei aller bösartigen Tragik fast ein wenig schicksalhaft, doch andererseits ist der Ausbruch seiner mörderischen Instinkte auch so zwangsläufig wie die Explosion einer tickenden und nicht entschärften Zeitbombe. "Ein Porsche namens Cayenne! Wie das ehemalige Straflager. Heute erkenne ich in diesem Namen ein unheilvolles Omen. Es ist nicht schwierig, im Nachhinein Prophet zu sein. Aber an dem Tag, an dem ich dieses Wunderwerk gekauft habe, hab ich mich gefreut wie ein kleines Kind, trotz der hübschen Anzahlung und der folgenden 36-Monate-Ratenzahlung. Diesen Wagen habe ich mir verdient ..." (Colin Thibert: Nächste Ausfahrt Mord, S. 5) Das Büchlein "Nächste Ausfahrt Mord", das mit drei anderen schmalen Bänden der Auftakt einer neuen Krimireihe (!) darstellt, nämlich der "Suite Noire – Serie in Schwarz" des Distel LiteraturVerlages, zeigt eindrücklich, wozu unsere durchschnittlichen Mitmenschen in Ausnahmesituationen fähig sind. Auf knapp 100 Seiten spult sich die Handlung des Kurzromans in bösartiger Konsequenz ab, wirkt dann aber gleichzeitig wie die unendlich langen und grausamen Momente einer Vollbremsung .............................................................. Thiberts höchst spannender Erzählung zu folgen, macht einen beinahe maliziösen Spaß und – Lust auf mehr. "Nächste Ausfahrt Mord" ist bereits ein ziemlich starkes Stück. Wir sind gespannt auf die weiteren Bände von Distels "Serie in Schwarz". P.S.: Übrigens erschien ein paar Tage vor Veröffentlichung des Buches - wie das Leben eben so fahrlässig mit Zufällen spielt – ein namenloser Kunde im Laden, der auf die motivische Kombination der Themen Kriminalroman/Automobilwelt besonderen Wert legte. Diesem Herrn gilt, falls er nicht gerade ein Freund und Tarnkäufer des Distel Literaturverlages war, ein Gruß an unbekannt: "Nächste Ausfahrt Mord" sei ihm bei seiner Suche natürlich dringend ans Herz gelegt. Für eingefleischte Krimifans und Liebhaber des Noir-Romans dürfte im übrigen nicht uninteressant sein, dass das Buch nebenbei eine kleine Hommage an Stephen Marlowes "Turn Left for Murder" darstellt. Jenes Buch erschien in seiner französischen Ausgabe 1955 unter dem Titel "Virage à la corde" in der legendären Série noire bei Gallimard. (Es gibt dazu aber unseres Wissens keine deutschsprachige Übersetzung.) Der französische Originaltitel von Thiberts Geschichte, nämlich "Vitrage à la corde", wobei "vitrage" im Gegensatz zu virage/Kurve auf Deutsch "Verglasung" oder "Glaswand" bedeutet, ist deshalb zum einen eine nette Anspielung auf das amerikanische Vorbild, zum anderen eine ironische Würdigung einer legendären Krimireihe. Eine dritte Randnotiz ist es schließlich noch wert, dass bisher alle Bände dieser neuen Serie für France 2 und ARTE verfilmt wurden und weitere Geschichten bzw. Verfilmungen geplant werden ... [hs/29.06.2010 ]
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Krimi-Specials
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