Titel: Schießen Sie auf den Weinhändler

Pelletier, Chantal Schießen Sie auf den Weinhändler

Originaltitel: Tirez sur le caviste
Aus dem Französischen von Katarina Grän

Beim Essen hört der Spaß auf! Eine Ehefrau, die regelmäßig die Sellerie-Remoulade verpatzt, kann man ein paar Jahre ertragen, aber nicht ein Leben lang. Sie wird kurzerhand in einem Wutanfall beseitigt. Eine gute Köchin, die findet sich schnell. Tournedos Rossini, Tauben mit Foie gras, alles mit dem Wein des Hauses abgerundet, das sind fast paradiesische Zustände für einen Winzer, dem gutes Essen über alles geht. Außer wenn zwei Monster aufeinander treffen.

Verfilmt für FRANCE 2 und ARTE von Emmanuelle Bercot

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Autor: Pelletier, Chantal
Titel: Schießen Sie auf den Weinhändler
Jahr: 2010-05
Seiten: 90 | Taschenbuch
Verlag: Distel
ISBN: 978-3-942136-01-3
Preis: 10.00 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Die Sellerie-Remoulade war widerlich und meine Frau wirklich eine zu schlechte Köchin, ich habe es nicht mehr ausgehalten, ich habe geschossen. Sie fiel auf der Stelle um, ohne zu schreien, ihre Augen haben sich nur ein wenig geweitet, nach der Art was ist denn mit dir los? Sie war meine Scherze gewohnt, ich war stets zu Scherzen aufgelegt, aber sie hat ziemlich schnell begriffen, dass dies kein Scherz war, und ihr Kopf ist zur Seite gekippt. Dieses Mal ist ihr nichts mehr eingefallen, aus und vorbei."
(Chantal Pelletier: Schießen Sie auf den Weinhändler, S. 5)

Ein Winzer und Weinhändler aus dem Burgund erschießt nach mehr als zwanzig Jahren Ehe kurzerhand seine Frau Viviane, weil ihm ihr Essen nicht mehr schmeckt und er sie auch als Lebensgefährtin gründlich satt hat. Der Weinhändler ist ein tyrannischer, unbeherrschter Widerling. Ein Kotzbrocken vor dem Herrn.
Der Mord an seiner Frau bleibt völlig unbemerkt und unentdeckt, weil der Weinhändler bis auf seinen debilen Mitarbeiter Christian und ein paar Saisonarbeitern für die Weinernte kaum menschliche Gesellschaft auf seinem weitläufigen Weingut duldet. Für gezieltere Nachfragen des Postboten und anderen Vertretern der Außenwelt hält der Menschenfeind eine geschickte Ausrede parat. Die Welt des Weinhändlers ist so allein bestimmt von gutem Essen und guten Weinen. Er sieht sich selbstherrlich als Gourmet. Den Rest der Welt mit ihrem schlechten Essen bestraft er mit Hohn und Verachtung.
Das alles wird uns 40 Seiten lang von dem Kotzbrocken selbst erzählt. Bis die Erzählung förmlich umkippt, als der Weinhändler sich eine junge Frau als Köchin und Haushaltshilfe anlacht. Aline.

Aline erzählt uns im zweiten Teil des Buches von ihrer Lebens- und Leidensgeschichte und verrät uns natürlich auch, aus welchen Umständen heraus sie zur Köchin des Ekels wurde. Diese Aline hat es allerdings - womit auch der Weinhändler nicht gerechnet hat - faustdick hinter den Ohren und schon mehrere Menschen auf ihrem Gewissen. Sie hasst Männer und trauert ihrer lesbischen Beziehung mit Vanessa nach, mit der sie fast in Bonnie-&-Clyde-Manier die französische Provinz unsicher gemacht hatte, - bis jene sie schnöde sitzen ließ ...

Mit dieser seltsamen Konstellation führt uns Chantal Pelletier mitten hinein in den Showdown zwischen zwei Ekel-Paketen höchster Güte. Misogyner Weinhändler gegen männerhassende Kampflesbe: Wer wird hier den kürzeren ziehen?

"Schießen Sie auf den Weinhändler" ist eine zutiefst schwarze und bitterböse Erzählung aus zwei ungewöhnlichen Erzählperspektiven. Ihr hauptsächlicher Nachteil besteht allerdings darin, dass man sich kaum mit ihren beiden Protagonisten anfreunden kann, was sicherlich auch der Kürze des Textes geschuldet ist, die es leider nicht erlaubt, noch ein wenig "tiefer blicken zu lassen". Aber vielleicht hat es Pelletier mit ihrem brachialen Erzählstil auch einfach nicht geschafft, im vorgegebenen Seitenmaß den Kampf zwischen zwei kaputten und menschenverachtenden Existenzen prägnanter herauszuarbeiten. Das Buch lebt so vor allem von der rohen Derbheit seiner Figuren, der Intensität seiner zwei Erzählperspektiven und von den kleinen fiesen Überraschungen, welche seine Protagonisten für uns bereithalten, die für mich aber psychologisch nicht immer nachvollziehbar waren.

Innerhalb der Suite Noire des Distel Literaturverlags und seinem Reihenprinzip gilt das Büchlein als Hommage an David Goodis und seinen Roman "Shoot the Piano Player" (1956 zuerst u.d.T. "Down There" erschienen). Mir blieb dabei der Sinngehalt dieser Hommage ehrlich gesagt verschlossen, aber vielleicht entledigte sich Pelletier hier auch nur frech und wild entschlossen einer Auftragsarbeit, auf die sie so wenig Lust hatte wie ihr Weinhändler auf menschliche Gesellschaft.

Fazit: Die Suite Noire bleibt für mich auch nach dem zweiten Versuch ein ganz bemerkenswertes und lesenswertes Krimi-Experiment. (Vgl. auch unsere Rezension zu Colin Thiberts "Nächste Ausfahrt Mord" vom 29.06.2010.) Zudem erfahren wir hier ausschnittweise, auf welchem Niveau sich die französische Kriminalliteratur bewegt und entwickelt hat, denn die war in der deutschen Krimilandschaft gemessen an ihrer Bedeutung und "Größe" zuletzt meines Erachtens ziemlich unterbelichtet.
Es bleibt jedoch abzuwarten, ob einem hier im Weiteren noch die feineren Leckerbissen vorgesetzt werden, oder ob dabei jeweils nur "ein deftiges Frühstück mit Rührei und durchwachsenem Speck" herauskommt.

[ hs/12.07.2010 ]
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