Titel: Limassol

Sarid, Yishai Limassol

Originaltitel: Limassol
Aus dem Hebräischen von Helene Seidler

Ein israelischer Geheimdienstler – auf Selbstmordattentate spezialisiert – erhält einen ungewöhnlichen Auftrag. Er soll über die Schriftstellerin Daphna Kontakt zu einem todkranken Dichter aus dem Gazastreifen herstellen, dessen Sohn des Terrorismus verdächtigt wird. Doch schon bald wird der Ermittler selbst in die Ereignisse hineingezogen, denn je tiefer er ins Geschehen eintaucht, desto mehr gerät sein Weltbild ins Wanken.
Im zypriotischen Limassol steht er schließlich vor der Entscheidung: Soll er an seinen Überzeugungen und seinem Auftrag festhalten oder seinen unerwarteten sympathischen Gefühlen nachgeben und den Schuldigen decken?

Autor: Sarid, Yishai
Titel: Limassol
Jahr: 2010-03
Seiten: 206 | Taschenbuch
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5554-4
Preis: 16.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

In Jerusalem wird ein israelischer Geheimdienstmitarbeiter auf die Schriftstellerin Daphna angesetzt. Sie soll ohne ihr Wissen zur Schlüsselfigur einer Geheimdienstaktion werden, bei der man einen der führenden Köpfe der Hisbollah ausschalten und liquidieren will. Mittels Daphna möchte man den Kontakt dem todkranken palästinensischen Dichter Hani aus dem Gazastreifen herstellen, denn dessen Sohn ist der fragliche Hisbollahführer und Zielobjekt der geplanten todbringenden Aktion.
Als humane Geste getarnt, lässt der Geheimdienst den Dichter Hani zur Behandlung in ein Jerusalemer Krankenhaus überführen. Von hier aus soll der Vater die Agenten auf die Spur seines Sohnes bringen und in die Falle locken. Und tatsächlich: Vor seinem Tod möchte Hani wie erwartet seinen Sohn noch einmal sehen. Er kontaktiert ihn und strebt – fern des gefährlichen israelischen Bodens - ein letztes gemeinsames Treffen in der zypriotischen Stadt Limassol an. Damit scheint der Plan des israelischen Geheimdienstes wie perfekt aufzugehen.*
Gleichzeitig bleibt der namenlose Geheimdienstler, der ein ausgezeichneter Verhörspezialist ist, jedoch von all diesen Vorgängen keineswegs unberührt oder unbeeindruckt. Sein bisheriges Leben rinnt ihm bei der komplizierten Aktion zunehmend aus den Händen, und er beginnt langsam an allem zu zweifeln, wenn nicht gar zu verzweifeln. Kein Wunder, denn zuerst stirbt bei einem Verhör unter unglücklichen Umständen einer seiner Häftlinge. Dann verlässt ihn seine Frau wegen seiner Geheimdiensttätigkeit und seinem unruhigen Lebenswandel. Sie reist mit dem gemeinsamen Sohn in die USA, wo sie ein neues Leben beginnen will. Und zu allem Überfluss verläuft jene fatale Geheimdienstaktion um Hani letztlich ganz und gar nicht nach Plan. So hatte der namenlose Geheimdienstmann u.a. nicht erwartet, sich im Rahmen der Aktion auch noch um einen Junkie kümmern zu müssen. Der Junkie ist Daphnas Sohn, schuldet den falschen Leuten 75.000 Dollar und muss untertauchen. Daphna, die inzwischen um die Hintergründe der Aktion weiß, verlangt vom Agenten die Überlebensgarantie für ihren Sohn, ansonsten droht sie mit Verweigerung der weiteren Zusammenarbeit ...
Sarids Roman "Limassol" hat in diesem Frühjahr in Deutschland einiges Aufsehen erregt. Diese überraschende Aufmerksamkeit für einen israelischen Spionageroman verdankt das Buch aber leider nicht nur seinen inhaltlichen Qualitäten, sondern einer Staatsaffäre aus der Realität, nämlich dem vermeintlichen Geheimdiensteinsatz der Israelis vom Januar 2010 in Dubai. Die Empörung der Weltöffentlichkeit darüber, dass die Geheimdienste dieser Welt ihre Killerkommandos aussenden, wirkt aber relativ scheinheilig, da sich die Verantwortlichen ja wohl eher über die „Wahl der Mittel“ aufregten als über die Tat(sache) an sich. (Zur Erinnerung: Das Killerkommando, das wohl fraglos auf das Konto eines Geheimdienstes geht, benutzte gefälschte bzw. gestohlene Pässe von Staaten der Europäischen Union.) Die weltweite Ächtung solcher Geheimdienstaktionen oder gar von Geheimdiensten selbst steht dabei nicht zur Diskussion.

Über die Gier nach Aktualität (und ja auch tatsächlich vorhandenen Aktualitätsbezügen) vergessen nun die Kritiker bei "Limassol" offenbar die eigentlichen und ganz eigenen Qualitäten des Romans. Sie liegen in der genauen Benennung der Zustände und Realität. Das Besondere daran scheint mir deshalb zum einen die Offenheit, mit der Yishai Sarid die verbrecherische Politik aller Akteure im Nahen Osten beschreibt, zum anderen die Frage, wie zerstörerisch solche Verhaltensweisen auf die Menschen rückwirken. Man fragt sich unwillkürlich, wie lange dieser desaströse Zustand der dortigen Gesellschaften noch anhalten kann und wohin er die Menschen der Region in ihrem Denken und Handeln noch treibt.
So wirkt bei uns Lesern mitunter noch eine ganz andere Spannung: Denn genauso wie der namenlose Agent vom 100%-igen Geheimdienstler zum zweifelnden Abtrünnigen wird, so durchläuft man auch als Leser die zweifelnde Erfahrung, den eigenen Standpunkt noch einmal ganz grundsätzlich überprüfen zu müssen.

Der israelische Autor Yishai Sarid provoziert dabei sicher ungemein. "Limassol" belässt es nicht bei einer simplen Spionage- und Krimihandlung oder den gewohnten Spannungstricks. Kein melancholischer Kommissar erklärt uns die Welt. Kein Serienkiller fokussiert und reduziert das Böse dieser Welt auf eine teuflische oder kranke Seele. Und das ist gut so. Autoren wie Yishai Sarid, Yasmina Khadra ("Die Attentäterin") oder auch Leon de Winter ("Das Recht auf Rückkehr") zeigen mit den Mitteln des Kriminalromans vielmehr den brutalen Alltag, zeigen ganz deutlich, wie buchstäblich alle Gesellschaften im Nahen Osten an der fast ausweglosen Situation und ihren mörderischen Nebenwirkungen erkrankt sind.
So kommt der Kriminalliteratur hier über ihre Ziele als Spannungsliteratur hinaus mithin eine aufklärerische Rolle zu. Kein Wunder, denn mit den erzählerischen Mitteln einer Batja Gur oder auch Shulamit Lapid – ohne dass man damit die schriftstellerischen Qualitäten der bekanntesten israelischen Krimiautorinnen in Frage stellen müsste – lässt sich der alltägliche Wahnsinn in Nahost wohl auch kaum mehr beschreiben.



* Der Name des israelischen Geheimdienstes bleibt im Roman ebenfalls ungenannt. Deshalb noch der Hinweis: In Israel gibt es insgesamt 5 Geheimdienste. Einige davon sind mehr oder weniger inoffiziell. Der israelische Auslandsgeheimdienst MOSSAD ("Institut für Aufklärung und besondere Aufgaben") zählt darunter wohl als die bekannteste Organisation. Dazu kommen vier weitere Geheimdienstapparate: Aman (Militärischer Nachrichten- und Abschirmdienst), Shabak oder Shin Beth (Innere Sicherheit Israels und Spionageabwehr), die Nachrichtenstelle des Außenministeriums (Sammlung und Auswertung sicherheitsrelevanter Informationen zur politischen Lage vor allem in den arabischen Staaten) und die Dienststelle für jüdische Angelegenheiten (Schutz jüdischer Minderheiten in Staaten mit anti-jüdischer Politik). Dies mag nun sicher mehr als eine weitere groteske Fußnote zu dem Roman gelten.

[ ck/24.06.2010 ]
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