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Twain, MarkEine Bluttat, ein Betrug und ein Bund fürs LebenOriginaltitel: "A Murder, a Mystery and a Marriage" (1876 erstmals für die Zeitschrift "Atlantic Monthly" konzipiert aber nicht publiziert, danach erstmals 125 Jahre später in Buchform 2001 erschienen)
Unsere Meinung:"Am Rande eines abgelegenen Dorfes im hintersten Südwesten Missouris lebte ein alter Farmer namens John Gray. Das Dorf hieß Deer Lick. Es war ein verschlafener Weiler mit verstreut liegenden Häusern. Die sechs- oder siebenhundert Einwohner wussten dunkel, dass es draußen in der großen weiten Welt solche Dinge wie Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen und Zeitungen gab, doch waren sie mit ihnen noch nicht persönlich bekannt geworden und fanden sie ungefähr so spannend wie die Belange des Mondes. Ihr Herz gehörte der Sau und dem Mais ..."
(Anfangssätze aus: Mark Twain, Eine Bluttat, ein Betrug und ein Bund fürs Leben, S. 5) Eines der ersten Bücher, die ich mir als Kind bewusst zur Lektüre wählte und an das ich mich heute noch nachhaltig erinnere, ist Mark Twains "Tom Sawyer". Ich bin am Rande eines abgelegenen Dorfes auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen und war bis zu meinem 18. Lebensjahr wohl das, was man einen Provinzler nennen oder als "Landei" bezeichnen würde. So ist es vielleicht gar kein Zufall, dass ich sehr früh auf Mark Twain gestoßen bin, denn auch er wuchs in einfachen Verhältnissen und in der tiefsten Provinz auf. Und vor allem: er schrieb darüber. Weshalb ich als jugendlicher Leser so früh an die Ufer des Mississippi geschwemmt wurde und gerade zu "Tom Sawyer" und "Huckleberry Fynn" griff, das kann ich mir heute zudem damit erklären, wie sehr mir die Erfahrungen und Situationen der beiden jungen Helden Tom und Huck vertraut waren, selbst wenn diese in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort gemacht wurden. Twains sehr realistischer und menschlicher Erzählstil unterscheidet seine Bücher deshalb auch stark von Abenteuerromanen wie "Gulliver", "Lederstrumpf" oder die "Schatzinsel" (die bei mir damals in schneller Reihenfolge zur Nachfolgelektüre wurden). Aber abgesehen von meiner speziellen "literarischen Anfangssozialisation" wurde mir doch erst jüngst mit dem seltsamen "déjà-vu" bei der Lektüre von Mark Twains "Eine Bluttat, ein Betrug ..." nach langem wieder so richtig bewusst, wie sehr ich vom Ursprung meiner Leseerfahrungen an von angelsächsischer Literatur beeinflusst war und bin. Und welche Rolle speziell Mark Twain hierbei gespielt hat. Ich könnte mir außerdem vorstellen, dass es vielen von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ebenso ergeht. Umso frappierender wirkt auf mich – und das will ich Ihnen mit meinen literarischen Reminiszenzen im Grunde nur deutlich machen: Dieser Mark Twain ist nach wie vor ein Erlebnis. Ich hatte mithin keinerlei Probleme, seine charakteristische Stimme nach vielen Jahren wiederzuerkennen. Das hat mich nachdenklich gemacht. Und deshalb habe ich nachgeblättert. Und wieder nachgedacht. Und nachgelesen. Und dabei ist mir aufgefallen, dass der Einfluss und die Wirkung Mark Twains auf die Kriminalliteratur wohl kaum überschätzt werden darf, aber gleichwohl stark unterschätzt wird. Natürlich kann Twain nicht an Edgar Allan Poe oder Arthur Conan Doyle gemessen werden, aber Samuel Langhorne Clemens, wie Mark Twain neben seinem herausragenden Pseudonym mit wirklichem Namen hieß, hat die entscheidenden Genres des 19. Jahrhunderts in ihrer frühen Entwicklung durchaus begriffen, sich zueigen gemacht und wohl auch nicht unentscheidend mitgestaltet. Dennoch taucht er in kaum einer Darstellung der Geschichte der Kriminalliteratur auf, fehlt so u.a. zuletzt auch in Jochen Schmidts sehr umfangreichem Werk "Gangster, Opfer, Detektive". Wer nun "Tom Sawyer" gelesen hat, der mag sich dennoch gut daran erinnern, in welcher Bedrohlichkeit und Eindringlichkeit Twain darstellen konnte, wie Brutalität, Mord und Verbrechen in die relativ heile und wohlgeordnete Welt der Menschen Einzug erhalten. "Tom Sawyer" (1876) gilt deshalb wohl gemeinhin als erster Kriminalroman für Kinder und Jugendliche. – Ja, denken sich nun vielleicht einige, na klar. Nur wenige wissen dagegen, dass Twain darüber hinaus noch mehr in Richtung Kriminalliteratur geschrieben hat. Für Erwachsene. So schrieb er im gleichen Jahr wie "Tom Sawyer" die vorliegende Kriminalerzählung "A Murder, a Mystery and a Marriage", die aber nicht zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. Anders verhielt es sich dagegen mit seinem satirischen Kriminalroman "The Tragedy of Pudd'nhead Wilson" (1894), der im März 2010 bei Manesse in einer überaus begrüßenswerten Neuausgabe unter dem Titel "Knallkopf Wilson" erscheinen wird.* Doch gleichzeitig schlummert eben schon seit Jahren diese weithin unbeachtete schöne, kleine, sarkastische und bedeutungsträchtige Novelle in den "Bäuchen" der Verlagsauslieferungen und Buchgroßhändler. Sie ist auch Jahre nach der Erstveröffentlichung 2001 mithin eine kleine Entdeckung: "Eine Bluttat, ein Betrug und ein Bund fürs Leben". Tja, dachte ich bei dem Titel: Da ist ja alles drin, was das Leben zu bieten hat!? Betrug, Liebe, Mord und Totschlag, was will man mehr!? Und deshalb kann ich es bei der Inhaltsangabe im Grunde mit einem Satz belassen. Verraten will ich Ihnen nur, dass Twain seiner Geschichte nach der Hälfte der Erzählung eine völlig schräge und überraschende Wendung verleiht, welche die Genregrenzen der Kriminalliteratur einfach mal en passant und auf scherzhafte Weise sprengt. Und das alles auf knapp 50 Seiten! Großartig! Der Großmeister amerikanischer Literatur spielte 1876 zur Zeit der Entstehung der Geschichte nicht nur mit den Mitteln des heftig und wildwuchernd aufblühenden Krimigenres, sondern setzte sich auch kritisch mit den Methoden der "Erfolgsautoren" jener Zeit auseinander, zu denen u.a. der französische Schriftsteller Jules Verne zählte. (Der spielt übrigens in Twains wunderbarer kleinen Satire eine ganz besondere Rolle.) Twains Protagonisten sind aber Hinterwäldler "aus dem hintersten Südwesten Missouris", zu denen wie aus dem Nichts ein Fremder "hereinschneit" und auf heimtückische Weise ihre Welt auf den Kopf stellt. Im Konflikt zwischen Provinzialität und (un)zivilisierter Fremde schildert Twain so sehr anschaulich, was die neuzeitlichen Menschen in der beginnenden Moderne bewegte, wozu sie doch oft gar nicht bereit waren, nämlich "modern zu sein". "Eine Bluttat, ein Betrug ..." legt in konzentrierter Vielschichtigkeit ihren Charakter als tiefsinnige Satire offen. Und da hier auf bemerkenswerte Weise das Ballonfahren letztlich eine derart große Rolle spielt, könnte ich mir sogar scherzhaft vorstellen, dass ein heutiger "Großmeister amerikanischer Literatur" wie Thomas Pynchon womöglich vom Meister der literarischen Kurzform Mark Twain (dieses Pseudonym bedeutet aus dem Englischen übersetzt übrigens "Markiere zwei Faden") einiges an Inspiration gewonnen hat. Pynchons so sehr gewundenes, zähflüssiges und insgesamt etwas aufgeblasenes Epos "Against the Day" spielt mithin zu Lebzeiten Mark Twains und Jules Vernes und experimentiert gleichzeitig mit den genretypischen Motiven der beiden Autoren (Jugendbuch, Science Fiction und Wildwestroman), so dass selbst ein so scherzhaft geäußerter Verdacht nicht einfach nur hingeworfen ist. Wie dem auch sei: Das hier vorliegende Büchlein entwickelt für sich genommen so erstaunlich viel Kraft, dass es einen eingefleischten Literaturliebhaber wohl kaum unbewegt lassen kann. Allerdings mag sich der eher spannungsorientierte Krimileser vielleicht weniger auf dem klassischen und unregulierten Mississippi oder Missouri bewegen als auf dem modernen "deregulierten" Hudson River ... Fazit: Mark Twains zu Lebzeiten unveröffentlichte Novelle zeigt trotz ihrer Kurzform Größe, wobei die "Bluttat" in der Erzählung übrigens fast sarkastisch nebensächlich ist, der "Betrug" sich als absurd genial darstellt und der "Bund fürs Leben" darüber hinaus sich letztlich auch so typisch twainisch romantisch gestaltet, wie es schon die jugendlichen Leser bei Tom Sawyer erfahren haben. Twain war ein Erzähler mit Witz und Herz. Gleichwohl kannte er die dunklen Seiten des Lebens aus eigener Anschauung. Doch "Bitterkeit" war ob all seiner Lebenserfahrungen nicht seine Sache. Hohn und Spott über unmögliche Verhältnisse und überkommene Denkweisen dagegen schon. - Deshalb bleibt mir letztlich für alle Interessierten, die das hier Gesagte nachempfinden konnten, nur noch die abschließende Empfehlung: Lesen! P.S.: Das 22seitige Nachwort von Georg Klein (u.a. Autor der Detektivgeschichte "Barbar Rosa" und des Kriminalromans "Libidissi") erscheint mir im Übrigen genauso aufschlussreich wie hellsichtig und muss sich keinesfalls hinter seinem Gegenstand verstecken, was mir editorisch insgesamt ebenfalls als sehr lobenswert erscheint! * Mark Twain (30.11.1835 – 21.04.1910) trug früh noch um einiges mehr zur Kriminalliteratur bei: In der Erzählung "A Thumb-Print and What Came of It" beschrieb er bereits 1883 einen Mordfall, der anhand von Fingerabdrücken aufgeklärt wird. 1902 parodierte er in seiner Erzählung "A Doublebarreled Detective Story" Arthur Conan Doyle mit seinem großen Sherlock Holmes. Und schließlich soll sich – ähnlich wie bei Charles Dickens und seinem "Edwin Drood" - im Nachlass Twains ein unvollendeter Kriminalroman mit dem Titel "Simon Wheeler, Detective" befinden, was offenbar wiederum eine Parodie auf einen echten Detektiv geplant war, nämlich auf Allan Pinkerton (1819-1884), den Begründer der genauso berühmten wie berüchtigten Pinkerton National Detective Agency. (Da geraten wir "Hammetts" doch gerade mal augenzwinkernd ins Schmunzeln!) Ob und wie dieses Nachlassmanuskript identisch ist mit der 1965 bei The New York Public Library erschienenen Hardcover-Ausgabe unter dem gleichen Titel, das vermögen wir mangels Ansichtsexemplar und weiterer Quellen nicht zu entscheiden. – Vgl. u.a. Heiko Postma und Rainer Wagner (Hrsg.): Galerie der Detektive. 123 Detektive von Sherlock Holmes bis Nero Wolfe. Revonnah Verlag: Hannover 1997. S. 256. Darüber hinaus interessant und aufschlussreich: http://www.gutenberg.org/etext/3200 mit originalsprachlichen Texten und u.a. auch noch mit der Detektivstory "The Stolen White Elephant". [ hs/22.02.2010 ]
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