Titel: Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus

Leeuw, Jan de Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus

KINDER- UND JUGENDBUCH

Originaltitel: Bevroren Kamers
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.
Altersempfehlung des Verlags: ab 14 Jahre.

Was tut man, wenn man seine Mutter tot im Schlafzimmer vorfindet, der Vater sich in der Psychiatrie befindet und die geliebte kleine Schwester sich schon unbändig auf ihren nahen-den Geburtstag freut? Jonas bringt seine Mutter erstmal ins Kühlhaus. Damit die Sache nicht auffliegt, beantwortet er als Kummerkastentante Dr. Linda die Leserbriefe, die seine Mutter weiterhin empfängt. Die Situation entwickelt eine nicht vorherzusehende Eigendynamik, in der Familienkater Schrödinger, eine neugierige Nachbarin und ein verzweifeltes Mädchen, das endlich wissen will, was Liebe ist, eine nicht unbedeutende Rolle spielen …
Eine tragikomische Geschichte voller Slapstickmomente, die von der Sehnsucht erzählt, inmitten einer von Oberflächlichkeit geprägten Welt sich selbst und so etwas wie Liebe oder vielleicht Geborgenheit zu finden.

Jan de Leeuw, geb. 1968 in Aalst, ist Psychologe. Schreiben wollte er schon immer. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet und erhielten eine hervorragende Presse.

Autor: Leeuw, Jan de
Titel: Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus
Jahr: 2010-01
Seiten: 128 | Hardcover
Verlag: Gerstenberg
ISBN: 978-3-8369-5303-0
Preis: 12.90 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 12.90 EUR

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Unsere Meinung:

"Nun, weißt du, dein Vater hat nicht einfach so von einem Tag zum anderen eine Abneigung gegen Fleisch entwickelt."
"Doch, so war es!", sagte Jonas. "Am Morgen befand er sich noch bis zu den Ellbogen im Hackfleisch und zwei Stunden später ist er wie ein Rasender mit seinem Beil hinter Frau Ernestine hergelaufen. Niemand konnte das verstehen! Sie war eine gute Kundin."
"Und du hast dich nie gefragt, weshalb er diese Frau durch die Straßen verfolgt hat?"
"Sie konnte schwierig sein, was die Rindersteaks anging“, sagte Jonas. „Mal waren sie zu dick geschnitten und mal hatten sie auch zu wenig Fett."
(Jan de Leeuw: Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus, S. 40)

An diesem Jugendbuch im Grenzbereich zum Jugendkrimi sind gleich mehrere Dinge bemerkenswert: Der Autor, seine seltsame Geschichte und das Buch selbst, dass mit einem starren, fetten Einband daherkommt, wie man es sonst nur von Bilderbüchern für Kinder kennt.

Der Autor Jan de Leeuw hat bereits früher mit seinen Kinder- und Jugendbüchern Aufsehen erregt. So ist er uns zum ersten Mal mit dem einfühlsam und spannend erzählten "Schweigen der Eulen" aufgefallen (2006 bei Gerstenberg; seit 2009 als Taschenbuch unter dem neuen Titel "Falsche Bilder" bei DTV). In jenem früheren wie nun auch in dem jetzt vorliegenden Buch geht es um den plötzlich eingetretenen Tod eines Familienmitglieds. War es dort die Großmutter, die das Zeitliche gesegnet hat und vielfältige Erinnerungen hervorrief, so ist es hier die Mutter des jugendlichen Helden, die sich mit einem Selbstmord aus dem Leben verabschiedet.

Doch Jonas lässt nicht zu, dass der "Freitod" seiner Mutter an die Öffentlichkeit gelangt. Er ist nämlich ohnehin in einer ziemlich beschissenen Situation: Sein Vater, ein Metzger, der seinem blutigen Handwerk nicht mehr nachgehen will und kann, steckt in der Klapsmühle, weil er in einem Anfall von Wahn eine Kundin einen fleischigen Kopf kürzer machen wollte. Jonas Vater hat über solche Vorfälle aber genauso wenig wie die suizidale Mutter den Tod seiner kleinen Schwester Eva verwunden, die bei einem Verkehrsunfall vor dem Haus der Familie ums Leben kam. Die Eltern haben sich ob diesem tragischen Unglück allerdings bereits lange hoffnungslos auseinandergelebt.
Jonas steht so erst einmal allein da, nachdem er eines Morgens seine Mutter nach einer durchzechten Nacht tot und mit Tabletten vergiftet im Bett vorfindet. In dieser unmöglichen Situation ist da aber noch seine kleine achtjährige Schwester Sarah und der Kater Schrödinger, die letztlich den Schatten des einstigen Familienidylls darstellen. Und Sarah freut sich auf ihren Geburtstag in einer Woche. So bringt es Jonas einerseits nicht übers Herz, Sarah mit der Nachricht des Todes ihrer Mutter ins Unglück zu stürzen, andererseits ist ihm überdeutlich bewusst, dass die bestehende Situation ihn und seine Schwester geradewegs ins Jugendheim führen würden – wenn er nicht handelt.
Jonas handelt. Und so hält er den Tod seiner Mutter vor allen geheim und verfrachtet die mütterliche Leiche dazu ins Kühlhaus der Familienmetzgerei. Doch damit beginnt ein spannendes Versteckspiel: Nicht nur die boshafte Nachbarin Frau Ernestine fragt nach der Mutter, sondern auch viele andere Leute. Jonas kann erstaunlicherweise alle mit Ausreden beschwichtigen, denn seine Mutter war bis dahin schon als vielgereiste Journalistin bekannt, die zuletzt als „Psychologin“ und Lebensberaterin "Dr. Linda" für eine Boulevardzeitschrift tätig war. Seine kleine Schwester Sarah schenkt ihm da ob der ungewohnten Freiheiten und Vorzüge schnell und gerne Glauben, weil er sie mit großzügigen Geschenken beschwichtigt. Aber es gibt da natürlich noch Erwachsene, die Verdacht schöpfen und auch nahe daran sind, sein falsches Spiel zu durchschauen ...

Jan de Leeuw ist ein ziemlich talentierter Erzähler, selbst wenn er in diesem Roman anfangs mit einer sehr abgehobenen Leseransprache daherkommen mag. Dennoch funktioniert sein erzählerischer Trick mit der inzwischen doch recht ollen Kamelle "Schrödingers Katze". Er bricht auf recht geschickte Weise eine hochkomplizierte physikalische Theorie auf das Verständnisniveau von Jugendlichen und Kindern herunter und macht damit deutlich, dass in jener Theorie des Physikers Erwin Schrödinger (1887-1961) nur die Diskrepanz des Verstehens und der Logik zwischen großen und kleinen Weltzusammenhängen widergespiegelt wird. Mithin auch die Frage nach Realität, Wahrheit, Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit.
Theorieharter Tobak für Jugendliche? Nein, eher nicht. Denn Leeuws Erzählung ist mehr als ein abgehobenes Gedankenexperiment. Er spiegelt den alten (Alp-)Traum von Kindern wieder: Mama ist tot. Papa ist tot – oder quasi-tot. Sie könnten aber auch noch leben. Doch ich bin bzw. wir sind definitiv allein. Was machen wir nun angesichts der großen bösen Welt, die uns bei nächster Gelegenheit von unserem Zuhause wegreißen und in ein Heim stecken würde? Ist das alles noch wirklich? Oder wahr? Möglich? Wahrscheinlich?

Ian McEwan hat diese absurde bis groteske Situation bereits einmal in seinem grandiosen Kurzroman "Der Zementgarten" wie einen irren Sommernachtstraum beschrieben. Dies damals 1978 (deutsch 1982 bei Diogenes) allerdings eher für Erwachsene. Für Kinder und Jugendliche (bis ca. 15 Jahre) wäre die Konfrontation mit einem solchen Buch in den meisten Fällen sicher zuviel oder zu heftig (mithin unverständlich). Vielleicht auch deshalb hat sich Jan de Leeuw darangemacht, diese gar nicht so unwahrscheinliche Situation auf die Erfahrungs- und Gefühlswelt von jüngeren Lesern herunterzubrechen.
Das ist ihm zweifellos gelungen. So erzählt der belgische Autor seine Geschichte mit viel Hintergründigkeit und mit so viel Witz und Esprit, dass man beinahe lachen muss, als zum Beispiel die boshafte Nachbarin Frau Ernestine unter tragischen Umständen "dran glauben muss", weil sie von ihrem verzogenen Schoßhündchen auf die Straße und vor ein vorbeifahrendes Auto gezogen wird. (Woran der Kater Schrödinger übrigens nicht ganz Unschuld ist.)

Fazit: Jan de Leeuws "Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus" ist ein insgesamt sehr empfehlenswertes Buch für Jugendliche, - wobei man sich allerdings genau überlegen sollte, welchem "Teen" man es zum Beispiel verschenkt. Wie wahrscheinlich es ist, dass Jugendliche selbst zu diesem Buch greifen – dies allerdings führt uns zu einer neuen speziellen Relativitätstheorie ...

[ hs/11.03.2010 ]
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