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Boëtius, Henning Berliner LustSeit Piet Hieronymus 60 Jahre alt geworden ist, übt er seinen Beruf nicht mehr aus, sondern lebt allein in Groningen von seinem Erbe. Um den beginnenden Altersdepressionen zu entfliehen, beschließt er, sich auf Reisen zu begeben: Er fährt nach Barcelona und ins bretonische Rouen, aber auch in der Ferne wird er seine merkwürdige Trübsal nicht wirklich los. Doch dann erhält er einen Anruf aus Berlin: Dort ist ein Mann holländischer Herkunft, der für eine Immobilienfirma vertrauliche Informationen besorgte, spurlos verschwunden. Auf der Suche nach dem verschollenen Informanten stößt Piet Hieronymus auf eine faszinierende Maklerin, undurchsichtige Immobiliengeschäfte, eine eigenwillige Schauspielerin und einen unheimlichen Doppelgänger seiner selbst. Immer tiefer verirrt er sich in einem verwirrenden Labyrinth von merkwürdigen Hinweisen und zwielichtigen Fährten. Dabei ahnt er nicht, dass er sich selbst längst in tödlicher Gefahr befindet.
Unsere Meinung:"Einars Ehe war vor langer Zeit zerbrochen. Er hatte wie ich inzwischen seinen Beruf an den Nagel gehängt und lebte zurückgezogen in einem Blockhaus in den finnischen Wäldern. Wenn ich ihn besuchte, gingen wir zusammen in die Sauna, badeten im kalten See, standen in hüfthohen Gummistiefeln in einem reißenden Lachsfluss und angelten mit der Fliege. Dann brieten oder räucherten wir unseren Fang, alles ohne ein Wort zu wechseln. Doch abends, wenn wir beim Bier oder Aquavit oder einem Rotwein in Einars Hütte saßen, redeten wir umso mehr. Es ging meistens um Frauen, um unseren ehemaligen Beruf, um ungelöste Fälle oder um den fatalen Zustand der Welt, in der technischer Fortschritt und ideologischer Fanatismus zwei Mühlsteine bildeten, zwischen denen alles Menschliche zu Staub zermahlen wird. Wir waren uns zur Beurteilung der Lage fast immer einig. Nur was die Frauen anging, waren wir eher Antipoden. Einar hielt sich seit dem Ende seiner Ehe heraus aus dem Geschäft mit den Hormonen, wie er sich ausdrückte. Ich dagegen hatte immer wieder Affären mit Damen, die kurzen Visiten in einem Land ähnelten, das mir kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht gewähren wollte."
(Henning Boetius: Berliner Lust, S. 13) Wieder hat Henning Boetius einen seiner stilistisch wie gedanklich bemerkenswerten Kriminalromane um den Groninger Sonderermittler Piet Hieronymus abgeliefert. Doch wie bereits in seinem unmittelbaren Vorgängerroman "Rom kann sehr heiß sein" (2002) oder auch schon in dem morbiden "Blendwerk" (1994) schwankt man hier hin und her zwischen der Faszination der erzählerischen Phantasie und einer weit über dem allgemeinen Krimi-Durchschnitt ausgeprägten Stilistik einerseits, und den mehr als einmal phantastisch überdehnten Erzählstoffen und ihren zahlreichen Manierismen andererseits. In "Berliner Lust" erzählt Boetius vordergründig über das Verschwinden eines Informanten der großen internationalen Immobilienfirma Immob mit Sitz in Berlin. Berlin brodelt vor Veränderung, und mit dem Wandel und den wilden Spekulationen der neuen Zeit nach 1989 hat sich – wie so oft in stürmischen Zeiten – auch das Verbrechen an den großen Zug der Zeit angehängt. (Oder "sitzt" es gar in der Lokomotive?) Hieronymus ist nach einigen tragischen Ereignissen und mehreren persönlichen Krisen inzwischen nicht mehr als Sonderermittler tätig, sondern sucht ironischerweise vor allem nach sich selbst und – über einige Todesahnungen – zu einem neuen Sinn im Leben. Aus tendenziellem Geldmangel heraus erscheint ihm der Job als Privatermittler, den ihm Immob anbietet, als so lukrativ, um trotz aller Vorsätze erneut auf Spurensuche zu gehen. Allerdings wird er dabei nicht in Berlin fündig. Die Spuren des verschwundenen Informanten führen ihn bald ausgerechnet zurück nach Holland und tiefer hinein in den dunklen Strudel einer undurchschaubaren Intrige. Boetius’ Kriminalromane versuchen philosophische Romane zu sein. Sein Held Hieronymus ist eine Figur, die an der Welt und ihren düsteren Schicksalsschlägen leidet und sie dennoch immer wieder eindringlich zu verstehen sucht. Auch in "Berliner Lust" lassen sich solche philosophisch und zeitkritisch angehauchten Kommentare an mehr als nur einer Stelle finden. So u.a. in der Passage, in der Hieronymus kurz nach Besichtigung seiner frisch angemieteten Berliner Wohnung zusammen mit seinem Vermieter, dem abgetakelten Schauspieler Oskar Brenner, und dem zynischen Schriftsteller Boysen durch die Charlottenburger Straßen zieht, um dann zusammen mit seinen neu gewonnenen Trinkkumpanen in der neuen Bleibe zu versumpfen: "Er [Brenner] kam mit drei Flaschen Rotwein zurück. Je später der Abend wurde, um so mehr redete Boysen. `Was Oskar über die Welt der Bretter sagt, gilt genauso für die Welt des bedruckten Papiers. Die Verleger werden immer mehr zu Buchfabrikanten, Schriftsteller zu Lieferanten. Sie sind das wichtigste und dennoch das schwächste Glied in der Nahrungskette aus Wörtern, an deren Ende der Leser steht. Er ist der Wal, der Schriftsteller ist nur die kleine Krabbe, die der Walfänger Krill nennt. Und dazwischen schwimmen auch noch Polypen und Killerwale herum und holen sich ihren Anteil an der Beute. Ich meine die Agenten und Kritiker. Sie haben nichts eigenes zu bieten, sie sind Schmarotzer. Ein Kritiker sondert so viele Meinungen ab, dass er am Ende leer sein muss wie ein Darm vor der Spiegelung ...´" (Henning Boetius: Berliner Lust, S. 83) Solche philosophischen Passagen sind allzu oft gewagte gedankliche Gratwanderungen, die sich nicht allein aus dem Versuch subtiler Figurenzeichnung erklären lassen. Boetius legt es buchstäblich darauf an, seine Romane über und über mit klugen (und dann oft eben auch weniger klugen) Gedanken anzureichern. Die Philosophie seines Helden Piet Hieronymus bewegt sich in ähnlicher Ambivalenz: "Die Arbeit hat mir eigentlich Spaß gemacht. Ich habe viel über die Menschen und über mich gelernt. Ich denke heute übrigens anders über die Kriminalität als früher. Mir scheint, es ist eine bestimmte, existenzielle Ausdrucksform wie viele andere auch. Die, die sich ihrer bedienen, wollen sich allerdings auf eine Weise verständlich machen, die die Gesellschaft nicht goutieren kann." (Henning Boetius: Berliner Lust, S. 148 f.) Worauf sein Gesprächspartner van Delft, ein Freund aus alten Tagen, anhebt, um über den gesellschaftlichen Zustand der Niederlande sowie über die schockierenden Morde an dem extremen Politiker Pim Fortuyn und dem nicht minder radikalen Filmemacher Theo van Gogh zu philosophieren, was sich übrigens im Verlauf des Romans zu einem der vielen fortlaufenden Motive entwickelt (vgl. hierzu u.a. S. 240). Bemerkenswert ist, dass es Boetius mit "Berliner Lust" leider wie schon oft zuvor nicht gelingt, eine ideale Verbindung zwischen seinen philosophischen Reflexionen, zeitkritischen Anspielungen und seinem Spannungsmotor zu schaffen. Sein erzählerisches Vehikel läuft so wie ein Auto, das sich nur mit Normalkraftstoff fortbewegt, obwohl es deutlich Superkraftstoff gebrauchen könnte. Deshalb verläuft seine komplex konstruierte Geschichte, in denen letzten Endes ein etwas plattes Zwillingsmotiv eine entscheidende (auch reflexive) Rolle spielt, wie schon bei früheren Gelegenheiten etwas zu gekünstelt und gewollt. Das alles führt dazu, dass Boetius zwar nach wie vor zu den hoffnungsvollsten deutschsprachigen Kriminalautoren zählt, sich für meine Begriffe jedoch den endgültigen Durchbruch bei diesem Publikum systematisch verbaut. Ich lese Henning Boetius nach wie vor gerne und mit meinen eigenen Erwartungen an gute Spannungsliteratur. Eigentlich müsste der Autor inzwischen in einer Reihe mit Schriftstellern wie Marten t’Hart oder Leon de Winter stehen, allerdings erkenne ich gemessen an solchen Erwartungshaltungen und Qualitätserwartungen nur fortgesetzte Stagnation in seinem Schreiben. Das ist auch der Grund, weshalb mir auf Anhieb nur wenige einfallen, denen ich seine Romane wirklich dringend ans Herz legen würde ... Und das, mithin als Schlusswort, empfinde ich als wirklich schade. [ hs/27.12.2009 ]
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Krimi-Specials
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