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Grossman, Paul SchlafwandlerOriginaltitel: Sleepwalker
Unsere Meinung:"Zu viel gewollt, zu wenig erreicht ..." Ich hätte ja gerne einmal einen Kriminalroman zur Weimarer Republik oder der Nazi-Zeit gelesen, der sich tiefgründiger auseinandersetzt mit dem genuin verbrecherischen Charakter der Nazis. Mit all den frühen Verbrechen dieser gesellschaftlichen Desperados, Zuhälter, Gangster und Psychopathen, von denen später viele fast folgerichtig zu Massenmördern wurden – nachdem sie den Rechtsstaat so einfach ausgehebelt, später dann auch noch das Recht als solches im Sinne des Verbrechens auf ihre hohnlachende Seite gezogen und je nach Belieben mörderisch gebrochen haben. Doch dazu muss ich wohl nach wie vor Eugen Kogons "SS-Staat" und andere realitätsbezogene Sachdarstellungen lesen. Die erzählende Literatur und mit ihr die schriftstellerische Fiktion fällt es – abgesehen von einigen herausragenden autobiographischen Romanen – vor allem in jüngeren Jahren scheinbar relativ schwer, mit dem sogenannten Ungeheuren der Nazi-Verbrechen umzugehen. Und gerade die Kriminalliteratur hätte doch wohl die Mittel, Gewalt und Verbrechen ungeschminkt darstellen zu können (bzw. sogar zu müssen)!? – Allerdings tut sie sich mit diesem Sujet keineswegs leicht zwischen Fiktion und Wirklichkeit, weil die Fiktion hier offenbar nach wie vor meilenweit von der brutalen Wirklichkeit abgehängt wird. Da gibt es nun sicher überaus starke Romane wie Philip Kerrs Berlin-Trilogie, Marek Krajewskis Mock-Saga oder auch Filme wie Ingmar Bergmans "Schlangenei", der die Schrecken des Terrors in grauenhaft stiller Intensität darstellt. Nach wie vor kommen jedoch für die Kriminalliteratur wahrscheinlich nur Birkefeld und Hachmeisters kleines Geniestück "Wer übrig bleibt, hat recht" und Pavel Kohouts "Sternstunde der Mörder" den Einzelheiten der menschlichen Tragödie in jenen Zeiten der größten Menschheitsverbrechen am nächsten. Paul Grossmans Romandebüt "Schlafwandler" muss sich nun leider genau an solchen Vorbildern messen lassen. Und von der Anlage seines Romans klingt seine Geschichte zunächst auch sehr vielversprechend: Berlin zur Jahreswende 1932/1933. Deutschland befindet sich im totalen Umbruch. Die Nationalsozialisten gehen ihren skrupellosen Weg zur Macht, während der überwiegende Teil der deutschen Gesellschaft ihnen gegenüber wie das Kaninchen auf die Schlange starrt. In diesen düsteren Zeiten stößt der jüdische Kommissar Kraus, nachdem ein totes und grotesk zugerichtetes Mädchen aus der Havel gefischt wurde, auf mehrere Fälle verschwundener junger Frauen, was bisher jedoch nicht weiter aufgefallen war, weil es sich meist um ausländische Varieté-Girls oder Prostituierte handelte. Erst als eine Dame aus der feinen bulgarischen Gesellschaft verschwindet, wird Kraus von höchsten Stellen angehalten, dieser Sache tiefer auf den Grund zu gehen. Kraus deckt in seinen Ermittlungen und in der Folge schnell eine spezielle Nazi-Connection auf, in deren Zentrum der "Große Gustave", ein genauso populärer wie geheimnisumwitterter Hellseher und Hypnotiseur steht. Unterdessen überschlagen sich für den Polizisten die Ereignisse: Er überlegt nach verschiedenen Erlebnissen und Erwägungen zur allgemeinen politischen Situation, seine Familie vor der Machtergreifung der Nazis außer Landes und in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig verliebt sich der verwitwete Kommissar Hals über Kopf in die junge Prostituierte Paula. Sie weiß offenbar etwas über die verschwundenen Mädchen. Er wird er aber aus verschiedenen Gründen nicht ganz schlau aus ihr. Denn spielt sie ihm auch noch die "Eintrittskarte" für die illustre Nazi-Connection zu ... Grossman fährt schon auf den ersten hundert Seiten seines Romans mit großen Geschützen auf. So ist sein Held Kraus u.a. Held des 1. Weltkriegs und Ritterkreuzträger, wodurch er Zugang zu den höchsten Kreisen der Weimarer Republik gewinnt. Und so lässt es sich Grossman auch nicht nehmen, seinen Helden gleich mit Reichspräsident Hindenburg und dem nationalkonservativen Strippenzieher Schleicher persönlich zusammenzuführen. Nicht zuletzt hat auch der fiktive "Große Gustave" (als der vermeintliche Bösewicht) mit dem Trickkünstler und Trickbetrüger Hermann Steinschneider alias Eric Jan Hanussen ein handfestes historisches Vorbild. Obwohl es nun vor allem in der Wiederholung nur als plattes Motiv wirkt, bleibt dieses oft ziemlich dick aufgetragene "Namedropping" eine Lieblingsbeschäftigung des Autoren. So gibt es in dem Roman u.a. eine Szene im legendären "Romanischen Café", wohin sich Kraus zusammen mit der Prostituierten Paula zu einem Gespräch hinbegibt (sic! - wie dekorativ das doch alles ist): "Max Reinhardt, der berühmte Theaterimpressario, und Bertolt Brecht, der brillante Dramaturg mit seiner typischen Ledermütze, blickten von ihrem Tisch auf und winkten ihm freundlich zu, während sie neugierig das Stiefelmädchen betrachteten, das Kraus am Arm hing. Thomas Mann, Deutschlands bekanntester Romancier, stand auf, schüttelte Kraus die Hand und wurde seiner Begleiterin vorgestellt, die ihn sichtlich faszinierte. Und wem sonst hätte dieses wild vom Kopf abstehende Haupthaar gehören können als dem berühmtesten Deutschen, Albert Einstein, der seine Zeitung nur kurz sinken ließ, um Kraus am Ärmel festzuhalten und ihm eindringlich zuzuraunen. `Ich habe mich entschieden, nach Amerika zu gehen, Kraus. Und zwar sofort nach Neujahr. Das Klima hier wird immer bedrohlicher. Sie sollten sich überlegen, ebenfalls wegzugehen, solange sie das noch unbehelligt können.´ Kraus drückte dem Wissenschaftler die Hand und wünschte ihm alles Glück auf der Welt." (Paul Grossman, Schlafwandler, S. 80 f.) "Zuzuraunen" – ja das trifft es gut. Mir persönlich wird in diesem Roman zuviel "zugeraunt", vor sich hin gemunkelt und vage hin und her spekuliert. Zudem werden reihenweise verschiedene Klischees bedient, was dann stellenweise etwas schräg wirkt: Da ist Bertolt Brecht zum Beispiel genauso "brillant" wie später Joseph Goebbels. (Was hatte Deutschland damals 1933 nicht alles für "brillante" Köpfe!?) Über Kraus’ große Heldentat als Polizist, nämlich der substanziellen Tatsache in der Vergangenheit den "Kinderschänder von Berlin" dingfest gemacht zu haben, erfährt man derweil fast gar nichts. Kraus bleibt in seiner Polizei- und Ermittlungsarbeit folgerichtig ziemlich blass und wirkt darin recht unglaubwürdig dargestellt. Zudem kommt ihm schon ziemlich zu Anfang ein aus der Geschichte heraus gar nicht so plausibler (aber dabei eher konstruierter) Anfangsverdacht, welcher die Auflösung seiner Geschichte ungeschickter Weise schon fast vorwegnimmt. Auch einige Seiten später, als Grossman seinen Helden zum ersten Mal auf beteiligte Nazi-Granden treffen lässt, packt er gleich wieder das komplette prominente Personal an Geschichts"größen" in eine Szene hinein. Erneut scheint es für ihn einfach nicht unter Goebbels, Göring und Hitler zu gehen, die sich dann auch noch gleich in aller Lautstärke und in breiter Öffentlichkeit untereinander streiten: "Am Rande der Gruppe humpelte ein sichtlich wütender Joseph Goebbels, der brillante Propagandist. Links von ihm marschierte der gutaussehende Parteisekretär der Nazis, Gregor Strasser. Und in der Mitte ging ein Mann, der unaufhörlich seine Haartolle zur Seite schob, Adolf Hitler persönlich. Er schrie so laut, wie es seine berühmten Lungen hergaben. `Das ist Verrat der schlimmsten Sorte, Strasser! Sie können sich da nicht herausreden!´ `Im Gegenteil, mein Führer!´, verteidigte sich Strasser. `Ich denke nur an die Partei. Und wie wir sie vor dem Bankrott und dem Ruin retten können.´" (Paul Grossman, Schlafwandler, S. 111) In der Folge schließt Kraus dann kurze Zeit später noch mit SA-Führer Röhm persönlich einen fatalen Deal, der bald ein Menschenleben kostet. Den Tod des potenziellen Täters oder Zeugen erfährt Kraus dann allerdings nur aus der Morgenzeitung. Derweil schert sich Grossman offenbar nicht um solche erzählerischen Details der Glaubwürdigkeit und Folgerichtigkeit, sondern ergeht sich offenbar lieber in superlativen Boulevard-Kategorien und Genre-Manierismen, die seine Erzählung bald recht "edelhölzern", stellenweise sogar unfreiwillig komisch wirken lassen. Das kurze Gespräch zwischen zwei Mitgliedern der deutschen Schwerindustriellenfamilien Thyssen und Krupp während einer ausschweifenden Bootsparty wirkt da u.a. ziemlich albern. (Vgl. S. 132. - So stellt sich ein kleingeistiger Kommunist die kapitalistische Weltverschwörung vor. Aber redeten solche Leute damals wirklich derart daher, - und das auch noch in Gesellschaft der von ihnen verpönten Nazis?) In etwas schlüpfrigen und beinahe unfreiwilligen Humor artet dabei zudem noch eine Szene aus, in welcher der Hypnotiseur und Hellseher Gustave vor den Augen eines ausgewählten Publikums einen weiblichen Gast unter Hypnose zu multiplen Orgasmen zwingt. "`Komm jetzt, Melina´, befahl Gustave. `Du hast einen Orgasmus.´ `Ja, o ja. O ja, ja ... jaaa ...!´ `Noch einmal, Melina. Du kommst wieder.´ `O ja. Jaaa. O Gott! O Gott! O Gott ...!´" (Paul Grossman, Schlafwandler, S. 140) Spätestens an dieser Stelle am Ende des zwölften Kapitels wollte ich das Buch – mindestens genauso amüsiert wie verärgert – beiseite legen, hielt dann aber doch noch weitere 200 Seiten durch. Es lohnte sich gleichwohl nicht, ... ... obwohl da zuletzt noch durchaus einige Überraschungen folgen: Im Mittelteil des Buches verschwindet Kraus’ Geliebte Paula so plötzlich wie mehr oder weniger sang- und klanglos, und auf den letzten 100 Seiten schwingt sich Grossmann dann noch zu einem genauso abenteuerlichen wie aberwitzigen Finale auf, in dem sein kühner und wagemutiger Held Kraus zwar noch gegen den irren Naziarzt Josef Mengele und die Reichstagsbrandstifter kämpft, dann aber "die untergehende Welt" leider doch nicht mehr zu retten vermag. Die eigentlichen erzählerischen Chancen seines Romans verspielt Grossman meinem Eindruck schon von Beginn an sehr fahrlässig. Schwerer wiegende historische Motive seiner insgesamt recht kolportagehaften "Story" wie die früh geplanten und tatsächlich bereits vor 1933 stattgefundenen Menschenversuche der Nazi-Anhänger und das Schicksal der deutsch-jüdischen Bevölkerung kommen insgesamt zu kurz, werden als Erzählmotiv relativ ungeschickt platziert und finden danach leider nie eine befriedigende Erklärungs- oder Entwicklungslinie. Paul Grossmans Debütroman "Schlafwandler" ist alles in allem ein typisches Erstlingswerk. Hoch ambitioniert macht sich der Autor an seine Erzählung und versucht mit allen ihm zu Verfügung stehenden Mitteln, die düstere Atmosphäre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebendig werden zu lassen. Dennoch wirkt seine Erzählweise nicht selten hölzern, da er fortwährend versucht, mit möglichst viel Zeitkolorit seiner dann doch relativ dünnen Kriminalerzählung über perverse Nazi-Bösewichte ein Gesicht zu geben. Das Böse stellt Grossman dabei allzu plakativ dar, so dass es trotz perverser Verbrecher und bösen Machenschaften weitgehend im Dunkeln bleibt. Und wenn er in verschiedenen Passagen dazu noch verschwenderisch mit Lokalkolorit "herumpinselt" und seine Protagonisten z.B. wiederholt symbolträchtig den lauten Glockenklang der 1933 noch heilen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche hören lässt, wünscht man sich nach dem ersten faden Beigeschmack bei der Lektüre beinahe, der amerikanische Autor solle sich doch einfach noch die eine oder andere saftige Ungenauigkeit erlauben, so dass einem das Urteil über sein Buch letztlich einfacher fallen möge. Hätte sich Grossman im Kern dagegen jedoch insgesamt stärker auf ein, zwei Momente konzentriert, z.B. auf den durch und durch verbrecherischen Charakter der Nazi-Bewegung seit 1919/23 (also von Anfang an) und die gesellschaftlichen Reaktionen darauf, oder auf die Situation und die Ermittlungsmethoden eines erfolgreichen jüdischen Polizeiermittlers in der Weimarer Republik und die geistige und gesellschaftliche Situation der deutschen Juden vor dem Februar 1933; - dann hätte die Kriminalliteratur wirklich an seinem Roman zu Verbrechen in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche gewonnen. Ach ja: Jenes durchaus gelungen angedachte Motiv, dass sich die Deutschen wie Schlafwandler in die größte Menschheitskatastrophe der Geschichte hineinbewegt und sich eingefleischten Verbrechern hingegeben haben, kann sich aus mehreren Gründen nicht richtig entfalten. Zumal dies nun auch absolut nicht neu oder originell ist, weil neben Norbert Jacques ("Dr. Mabuse") u.a. weitaus ernstzunehmendere Schriftsteller wie der österreichische Romancier und Emigrant Hermann Broch (1886-1951) in seiner Roman-Trilogie "Die Schlafwandler" genau diesen Verfall der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland weit ernsthafter, präziser und glaubwürdiger beschrieben hatten. Paul Grossman findet keinen starken literarischen Zuschnitt für seinen Erzählstoff, eher erscheint er mir in seinen sehr kleinen, abgesteckten Grenzen kaum mehr als ein etwas ungelenker kriminalliterarischer Nachahmungstäter, der mit seiner Geschichte ziemlich dick aufträgt ... Allein mit seinem durchaus bemerkenswert getackteten Erzähltempo und in seinem relativ geschickten Umgang mit klischeehaften Erzählmomenten macht Grossman – beileibe kein dummer Autor – für Krimi-Fans im Laufe des Romans noch erzählerisch Boden gut. Ohne allzu kritischen Blick fürs Detail liest sich sein Buch nämlich seltsamerweise doch einigermaßen unterhaltsam und vor allem ziemlich schnell weg. Fazit: Letztlich stellt der Roman "Schlafwandler" nur mehr recht als schlecht erzählte Unterhaltungsliteratur dar, die mit diversen Nazi-Gruselmomenten, einer Prise Dr. Mabuse und tragischer Geschichtswirklichkeit spielt. Und von solcher Kolportage brauchen wir meiner Meinung nach in dieser Qualität übrigens auch weder eine Fortsetzung noch womöglich eine fortgesetzte Serienproduktion. P.S. mit dem Zweitvotum des Parallellesers ck: "Zu viel gewollt, zu wenig erreicht ..." [ hs/06.09.2010 ]
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