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Steinfest, Heinrich Batmans SchönheitMarkus Cheng hat das Detektivgeschäft aufgegeben. Und zwar wirklich. Er ist jetzt im Familiengeschäft, lebt zufrieden mit Frau und Stieftochter. Als die fünfzehnjährige Lena ein Haustier will, überrascht Cheng sie mit einer Packung Krebse. Genauer gesagt, Urzeitkrebse, die es als "Mitbring-Experiment" zu kaufen gibt. Ein kleiner, zylindrischer Behälter, abgekochtes Leitungswasser, Meersalz - und hinein mit den Salzkrebs-Eiern. Bald darauf zucken Larven durchs Wasser und verwandeln sich in helle, durchscheinende Krebstiere.
Unsere Meinung:"Das Thermometer an der Wand zeigte auf die Vierundzwanzig, die Uhr auf der Kommode zeigte auf die Drei, der Kalender in der Küche zeigte auf die Zwölf, der Wärmeregler drüben im Schlafzimmer zeigte auf Aus. Hätte Ernest mitgezählt gehabt, dann hätte er gewusst, dass die Summe der Projektile, die in seinen Körper eingedrungen waren, auf die Fünf zeigte. Aber wer, bitteschön, zählt schon mit, wenn man auf ihn schießt? Das müsste dann schon ein extrem zahlenbewusster Mensch sein."
(Heinrich Steinfest, Batmans Schönheit, Romanbeginn S. 8) Wie dieser Roman schon beginnt. Und wie er sich dann aus seiner „Ouvertüre“ heraus entfaltet! Man spürt förmlich, dass hier ein Autor etwas Ungewöhnliches, wenn nicht gar Besonderes vorhat. (Man beachte dabei u.a. die mit "Bilder einer Ausstellung" übertitelte Inhaltsangabe.) Heinrich Steinfests Kriminalroman mit dem befremdlichen Titel "Batmans Schönheit" baut sich dementsprechend genauso behutsam wie bedrohlich auf. Gleich zu Beginn wird’s spannend: Da ist in Wien offenbar ein Irrer oder Rächer unterwegs, der seinen Opfern fünf gezielte, im Einzelnen genommen nicht tödliche Schüsse aus der Schalldämpfer-Pistole verpasst, um sie danach förmlich ausbluten zu lassen. Als Krönung des "Mordprozesses" klebt der Täter ihnen eine alte norwegische Übersee-Briefmarke (!) auf die sterbende Zunge und – hinterlässt als ganz spezielle Hinterlassenschaft ein bestimmtes Buch. Die Ausgebluteten und Frankierten gingen übrigens allesamt dem Schauspielerberuf nach. Vom Täter oder den Tätern fehlt bis auf die "Fetische" derweil jegliche Spur. - Hat sich da Thalia, die liebevolle Muse des Schauspiels [und die des wuchernden Großbuchhandels?; der Sätzer] einen bösen Scherz erlaubt, sich etwa in Form eines Durchgeknallten in eine Rachegöttin verwandelt? Ex-Detektiv Cheng, der sich ja zuletzt in den vorzeitigen Ruhestand begeben hat und – inzwischen wohlsituiert - vor allem um seine in der 3. Romanepisode "Ein dickes Fell" zugeflogene Familie mit Frau und Tochter besorgt ist, kümmern die Schauspieler-Morde zunächst nur wenig. Doch klar ist: Die Verstrickungen Chengs in jene tödlichen Schauspieler-Anschläge auf das Wiener Kulturleben sind naheliegender und gleichzeitig verschlungener, als er es zunächst wahrhaben will, zumal er sie bald sehr persönlich nehmen muss ... Tja, manche Motive aus dem Roman kommen einem allemal recht bekannt vor aus unzähligen Serienkillerromanen (vgl. nur die Schmetterlinge in "Schweigen der Lämmer"), aber wie Steinfest dann seine Motive im Detail verarbeitet: Darauf muss man erst mal kommen! Ich meine damit vor allem seine Kunst (manchmal hart am Rande der Verkünstelung), im Laufe der Handlung ein dicht gewobenes Netz an durchaus glaubwürdigen historischen und geographischen Beziehungen herzustellen!? Heinrich Steinfest tut dies einfach, wie er es gewohnt ist. Und ob sich sein Held Cheng nun in Stuttgart, Wien oder auf Madeira bewegt: seine vielfältigen und verschachtelten Querbezüge passen auf den ersten Blick alle so irrwitzig verblüffend zusammen, dass man ob der skurrilen Irrgänge der Protagonisten seinen Augen zwar manchmal nicht trauen mag, dann aber die Geschichte trotz aller Absurditäten bis zum Ende beinahe und kaum an Glaubwürdigkeit verliert ... Es gibt wieder so herrliche Sätze und Gedanken in diesem (Kriminal)Roman, dass einem das melancholisch-literarische Herz förmlich hochhüpfen mag. Denn der Grundton, die Färbung des steinfest’schen Romanwerks ist natürlich nach wie vor überwiegend skeptisch. Steinfest & Cheng wundern sich darüber in Personalunion ganz offensichtlich selbst, was die unergründliche Welt noch alles für sie an Überraschungen bereithält, was "noch alles passiert". (Jenes bekannte, schon klassische Wolf-Haas-Motiv.) Pech nur, dass Steinfest hier einerseits in einer völlig irren Wendung partout seinen Helden Cheng "ausschalten" will (scheinbar sein Cheng-Komplex!?), andererseits Cheng gegen seinen Autoren Steinfest agitiert (Cheng ein Neurotiker oder gar Paranoiker?). Diese wechselweisen Angriffe und Gegenangriffe arten über das ganze Buch hinweg buchstäblich aus und entwickeln sich zu einem irren Kampf zwischen einer Romanfigur und ihrem Erfinder. Cheng wehrt sich also strikt dagegen, was sein Autor Steinfest über ihn kolportiert; anderseits ist da der Kampf des Autoren gegen eine Figur, die ihm über den Kopf zu wachsen droht: Er, wenn er seine Figur schon nicht gleich endgültig "umbringen" mag, macht ihm "mit der federführenden Hand" das Leben doch außerordentlich schwer, schwärzt Cheng dann am Ende auch noch förmlich an, - was hier in der genaueren Bedeutung natürlich keineswegs genauer aufgelöst werden darf. (Das alles kennen wir allerdings von Steinfests Vorgängerroman "Ein dickes Fell"; vgl. dazu unsere Rezension vom 11.11.2007.) Dieses literarische Vexierspiel als übergreifendes Erzählmotiv, das mehr oder weniger alle vier Cheng-Romane insgeheim begleitete, wirkt nun am Ende ("Chengs letzter Fall") jedoch etwas unbefriedigend. Da sind fünf Auftragsmorde nämlich offenbar nur deshalb geschehen, um eine alte Feindschaft zu finalisieren und dieses Motiv selbst in den "unendlichen Widerspruch zwischen Gut und Böse" zu überführen. Was immer das heißen mag, lesen Sie bitte selbst nach, aber hier erscheint die Geschichte schon etwas dick und "leicht-fertig" aufgetragen, - was aber letztlich nur deshalb so ins Nachteilige schlägt, weil Steinfest die Grundmotive seiner widerstreitenden Kräfte nur sehr zögerlich und verspätet deutlich werden lässt. Mit ein wenig mehr Sorgfalt oder "Geradlinigkeit" wäre Steinfest wohl endlich der wirklich grandiose Roman gelungen, den er mit "Ein dickes Fell" fast schon hingekriegt hatte. Doch leider fällt Cheng IV. auch stilistisch zu sehr in die Erzählmuster und Sprachverwirrungen von Cheng I. zurück, als dass er hätte absolut überzeugen oder die Qualitäten von Cheng II.-III. hätte erreichen können. Manchen dürften jene verschachtelten Erzählebenen, Rückbezüge und nicht zuletzt der ausufernde Anspielungsreichtum des Romans ratlos im Leserampenlicht des Ohrensessels erstarren lassen. Manch andere wiederum werden diesen zum steinfest’schen Denkmal gewordenen Cheng mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge verabschieden und seinen Autoren Steinfest nur allzu gut verstehen. Einmal ist genug, und einmal hat jeder genug. Spätestens, wenn der Tod ihm die Klinke reicht. Ist das also alles nur ein böses Spiel des Autoren? – Diesen Verdacht legt Steinfest selbst nahe, weil er viele Fährten legt und darüber hinaus wie mit Nebelkerzen anspielungsreich die Literatur- und Filmgeschichte für seine skurrilen Schnurren und schrägen Personenzeichnungen ausbeutet. (Die einzelnen Mottos der Kapitelabschnitte weisen so sehr oft auf Filmzitate hin; und das mal ganz abgesehen von dem durch mehrere Steinfest-Romane irrlichterndem Batman-Motiv. Nebenbei kurz zur Erklärung: "Batman" ist hier im Roman ein winziger Salzkrebs, der sich im Gegensatz zu seinen Artgenossen und den menschlichen Kollegen des Romanpersonals als überaus langlebig erweist und dem Roman insgesamt einen Hauch von "Der Sinn des Lebens" zuweist.) Fazit: Steinfest macht also nach vier Kriminalromanen der Serie um seinen legendären Helden Markus Cheng ein Ende, - und tut es damit übrigens seinem Landsmann Stefan Slupetzky gleich, der seinen "Lemming" jüngst ebenfalls nach bereits 4 Episoden (zwar nicht gerade sterben ließ, aber dann doch zunächst) ins Reich der kriminologischen Literaturgeschichte verbannte. Ist das nun gesundes Augenmaß? Kreative Erschöpfung? Oder schlicht nur Lust auf ganz Anderes und Neues?!? P.S.: Ach ja, noch ein Lese- und Verfahrenstipp. - Bei dem von uns sehr geschätzten Steinfest raten wir dem Krimiliebhaber mithin immer ein wenig aufpassen, sich mit seinen Romanen nicht fortlaufend zu "überfüttern". Ein Steinfest pro halbem Jahr reicht vollkommen aus. Dabei ist die Cheng-Tetralogie übrigens ein guter Einstieg in das Steinfest’sche Gesamtwerk, wobei wir allgemein empfehlen, nicht mit dem ersten Teil dieses Romanzyklus’ zu beginnen, sondern mit Cheng II., also der wahrhaften Detektivwerdung des Helden. Und noch eins: Da ich nun "Batmans Schönheit" eigentlich schon im letzten August 2010 gelesen hatte, freute ich mich übrigens nach einiger Enthaltsamkeit schließlich jüngst wieder auf seinen Roman "Wo die Löwen weinen", der ausgangs Februar 2011 im Stuttgarter Theiss Verlag erschienen ist (vgl. dazu unsere Rezension vom 05.03.2011). Und schon hier wird Steinfest etwas wankelmütig, in dem er Chengs treuen Hund "Schleicher", der bereits in Cheng III. vor lauter Altersschwäche den Abgang gemacht hatte, in eine gelungene Reinkarnation namens "Kepler" überführt. Mit unserer Ladenhündin Polly begeisterten wir uns damals in dem Buch an Sätzen wie dem folgendem: "Niemand konnte so gut sitzen wie er. Eigentlich war es ein ästhetisches Verbrechen, diesen Hund zur Bewegung zu zwingen." (Heinrich Steinfest: "Wo die Löwen weinen", S. 50 / Ende des 4. Kapitels) Wie wird also demnächst die Cheng’sche Reinkarnation benamst: Marcus Wallenstein? Albrecht von Galilei? [ hs/12.04.2011 ]
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