![]() |
Nesser, Hakan Die Wahrheit über Kim Novak und den Mord an Berra AlbertssonOriginaltitel: Sanningen i fallet Bertil Albertsson
Unsere Meinung:"Mir fehlen die Worte. Plötzlich ist diese wichtige Grenze zwischen Dichtung und Wirklichkeit vollkommen ausradiert worden. Ich weiß nicht, ob ich mich in einer erdichteten Geschichte oder in der real existierenden Welt befinde."
(Hakan Nesser: Die Wahrheit über Kim Novak ..., S. 73) Tja, soll einem der Autor da nun leid tun? – Zumindest wissen wir aber eines mit Klarheit: Dieses kleine, schmalbrüstige Büchlein ist das überflüssigste, was wir seit langem gelesen haben. Aber der ins Nesser’sche Minenfeld geschickte, tapfere Hammett-Rezensent hat es schließlich doch fertiggelesen: Zum einen, weil es nur 75 Seiten in großgedruckten Buchstaben umfasst; zum anderen, weil ihm der Gegenstand der Betrachtung, nämlich Hakan Nessers Erfolgsroman "Kim Novak badete nie im See Genezareth", noch recht gut in Erinnerung war. Hakan Nesser gibt hier nun vor, "endlich die Wahrheit über die Hintergründe" jenes Romans und seiner Handlung aufzuzeigen. Dazu muss zunächst man wissen, dass der besagte Kriminalroman ursprünglich ohne wirkliche Auflösung daherkommt. Verkompliziert wird die Sache dann zusätzlich noch dadurch, dass Nesser hier nun als Hintergrund seiner Geschichte explizit einen wahren Mordfall aus der Vergangenheit unterstellt, der bis in die frühen 60er Jahre zurückreichen soll. Die Frage aus dem Roman wie die Frage aus dem vermeintlichen Realitätshintergrund heraus stellt sich also folgendermaßen dar: Wer hat einstmals bzw. "damals im Roman" den "Unsympathen X." alias Berra Albertsson mit einem Vorschlaghammer das Leben ausgehaucht? Jenem Berra Albertsson, welcher im Roman der Verlobte der atemberaubenden Schönheit Ewa (= "Kim Novak") war. - Könnte es der pubertierende Pennäler Erik Wassman gewesen sein, der im Roman gleichzeitig den Erzähler und den Tatverdächtigen abgibt? Nesser zufolge behauptet das Wassman bzw. sein literarisches Vorbild Jahre später zumindest selbst: "Er hat sich verändert. Schließlich sind auch mehr als zwölf Jahre vergangen, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Der gebeugte, bärtige Mann, der mich empfängt, ist ein einsamer Wolf. Ein ungepflegter, sturer Eigenbrötler, ich hätte ihn nicht wiedererkannt, wäre er mir irgendwo auf der Straße begegnet. In urbanem Milieu hätte man ihn für einen Penner halten können. Aber ich weiß, dass ich Erik Wassman vor mir habe, und als wir uns das letzte Mal trafen, gestand er mir, dass er ein Mörder ist. Dass er einen Menschen erschlagen hat, als er gerade einmal vierzehn Jahre alt war, und dass er damit einverstanden war, dass ich einen Roman auf diesem Ereignis aufbaue. Einem Mord, der nunmehr sechsundvierzig Jahre zurückliegt. `Es ist höchste Zeit´, erkläre ich nach dem ersten Fisch und der ersten Flasche Bier. `Höchste Zeit, ein für alle Mal einen Schlussstrich unter diese alte Geschichte zu ziehen.´ Er nickt, verzieht jedoch keine Miene." (Hakan Nesser: Die Wahrheit über Kim Novak ..., S. 66 f.) In einem seltsamen Spiel von Fiktion und Wirklichkeit spricht Hakan Nesser mit diesem Büchlein uns Leser von Anfang an direkt und persönlich an. Zunächst erzählt er ein wenig über die Erfolgsgeschichte seines Romans, dann verspricht er, die wahren Hintergründe der Geschichte, die plötzlich auf einem wahren Fall beruhen soll, endlich aufzuklären. Dem mehr oder weniger ahnungslosen Leser, der wohl gerade noch dieses und jenes von Handlung des Romans "Kim Novak badete nie im See Genezerath" von 2003 in Erinnerung hat, vielleicht gerade noch weiß, dass der Täter im Buch weder gefasst noch seine Identität aufgeklärt werden konnte, mag dieses literarische Spiel anfangs vielleicht noch recht reizvoll erscheinen, - doch nachdem relativ schnell klar wird, dass hier anhand des zwar erfolgreichen, aber doch nur bescheidenen Stückchens Kriminalliteratur "Kim Novak badete nie im See Genezareth" offenbar vor allem eitelfrohe "Textexegese" und um-sich-selbst-drehende "literarische Spekulation" betrieben wird, mag wiederum auch ein wenig Verdruss aufkommen. Durch seine Unklarheiten und Zweideutigkeiten bekommt dieses Büchlein zum eigentlichen Buch einen faden und ganz und gar unangenehmen Beigeschmack. Nirgendwo, in keinem ernstzunehmenden Vor- oder Nachwort wird geklärt, auf welcher Ebene sich die ganze Geschichte tatsächlich bewegt. (Die "Kolportage" Nessers erscheint stellenweise sogar wie ein alberner und erbärmlicher Twin-Peaks-Verschnitt.) Und sollte es sich tatsächlich anders verhalten, dann hätte sich Nesser eindeutig in der Zwickmühle verrannt, dass Satire ab einem bestimmten Punkt nicht mehr als Satire wahrgenommen, reine Fiktion nicht mehr als reine Fiktion und vor allem Realitäten nicht mehr als glaubwürdige Wirklichkeiten aufgefasst werden können. Damit bewegt sich ein Autor schließlich irgendwann nur noch im Hamsterrad seiner literarischen Phantasien. (Und mit ihm seine Fans.) Hakans Nessers bereits frühere Vermischungen von Fiktion und Wirklichkeit – ob es sich nun um seine nichtexistierenden Orte wie Maardam oder um seine auktorialen Spiele mit seinen Leser/innen handelt – hatten schon immer eine etwas seltsame Ausstrahlung, denn abgesehen davon, welchen Sinn, Zweck oder Funktion diese "Mätzchen" erfüllen sollten, waren sie für unsere Begriffe auch niemals wirklich kunstvoll ausgeführt. Dieses Büchlein kann man sich meiner Meinung also nach schlicht und einfach sparen. Es ist überflüssig und trägt als dröger Nachklapp zu Nessers Erfolgsroman praktisch nichts zu dessen Verständnis von bei. "Die Wahrheit über Kim Novak ..." mag höchstens für eingefleischte Fans des schwedischen Autors von Interesse sein. Aber auch für sie stellt es wohl kaum mehr als eine skurrile Fußnote dar, wenn es nicht tatsächlich doch stimmen sollte, dass der Roman "Kim Novak" auf wahren Begebenheiten beruht. Doch dann gilt allemal noch anzumerken, dass Nesser hier glaubwürdige Wahrheit und das Spiel mit literarischer Fiktion derart mutwillig vermischt, dass einem dieses Büchlein so sehr auf die Nerven geht wie ein nasser, kalter und nebliger Herbsttag. Fazit: Ein Eigenrecht besitzt das trotz seiner Schmalheit etwas aufgeblasen wirkende Büchlein ohnehin nicht. Man versteht es nur nach der Lektüre und der Kenntnis des Romans "Kim Novak badete nie im See Genezareth". - Wollen Sie also wirklich 8,99 Euro für eine mehr oder weniger wirre oder gar völlig bedeutungslose Fußnote bezahlen? [ hs/12.11.2010 ]
|
Krimi-Specials
Warenkorb:
-
Lieferzeiten
-
Wochentags:
Bis 18:00 Uhr bestellte Bücher sind am folgenden Morgen versandfertig und verlassen dann die Buchhandlung.
Wochenende:
Bücher die zwischen Freitag (nach 18:00 Uhr) und Sonntag bestellt werden, sind erst Dienstagmorgen versandfertig und verlassen die Buchhandlung. Ausnahme: Die Bücher sind im Hammett vorhanden.
-
Wochentags:
-
Angekündigte Bücher
- Diese Titel können Sie jetzt schon normal über unsere Warenkorbfunktion bestellen. Sobald das Buch erhältlich ist, erhalten Sie von uns nochmal eine E-Mail, daß Ihre Ware versandfertig ist.
-
Versandkosten
-

Der Versand von neuen Büchern innerhalb Deutschlands ist für Sie bei uns versandkostenfrei.
-


