Titel: Feine Kost

Kyung Ran, Jo Feine Kost

Originaltitel: Tongue
Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel

Liebe geht durch den Magen wer wüsste das besser als die leidenschaftliche Köchin Yiwon. Doch seit Kurzem ist sie allein in ihrer Traumküche. Denn der einzige Mann, den sie je geliebt hat, ist anderweitig auf den Geschmack gekommen - ausgerechnet bei einer Schülerin aus Yiwons Kochkurs. Quälende Eifersucht beherrscht von da an Yiwons Denken und Fühlen. Bis ihre wachsenden Rachegelüste eines Tages in dem Plan münden, ein meisterhaftes, alles übertreffendes Menü zu kochen, mit dem sie ihren Geliebten wieder für sich gewinnen will - ein Menü nach einem teuflischen Rezept.

Autor: Kyung Ran, Jo
Titel: Feine Kost
Jahr: 2010-09
Seiten: 254 | Taschenbuch
Verlag: Luchterhand
ISBN: 978-3-630-62185-2
Preis: 9.00 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Viele Bücher, die ich gelesen habe, beginnen damit, dass ein Mann und eine Frau sich kennenlernen und ineinander verlieben. Meine Geschichte beginnt damit, dass eine Liebe vergangen ist. Früher las ich gerne Hemingway, weil er Gourmet war. Aber er irrte in der Annahme, dass nur Männer durch physischen Schmerz zur Selbsterkenntnis gelangen."
(Jo Kyung Ran: Feine Kost, S. 12)

Frauenbücher. Männerbücher. – Gibt es das? Nach der Lektüre von Jo Kyung Rans sehr ambivalentem Roman "Feine Kost" möchte ich das fast bejahen, wobei ich mir eigentlich erst als Buchhändler einen Kopf um solche Fragen mache. Früher, als reiner Leser, da las ich fast alles, was auch nur mein gesteigertes Interesse wecken konnte. Jetzt sehe ich tagtäglich Leser und Leserinnen vor mir und mache mir schon manchmal Gedanken um ihre Lesegewohnheiten.

Wenn man eine gewisse Einordnung nun aber wollte oder sollte, dann wäre dieser Roman ohnehin nur sehr schwer einzuordnen. "Frauenroman" wäre zwar die einfachste, aber sicher nicht die unterste Lade der Schubladisierung. Dieses Buch als Kriminalroman oder Spannungsliteratur zu bezeichnen, fällt wiederum recht schwer, weil man hier wie beim Zwiebelschälen oder Artischockenherzensuchen erst sehr spät auf den Sinn und Kern der Erzählung stößt. (Das wiederum mag die ganz eigene Spannung des Romans ausmachen.) Das Buch schließlich nur als Liebesroman zu bezeichnen: das wäre tatsächlich unterste Schublade, nämlich schlicht zu kurz gefasst.

"Feine Kost": was ist das also für ein Buch? – Sicher eines für kulinarische Liebhaber, denn wirklich und praktisch geht es hier auf jeder Seite um Küche, Essen und Trinken sowie um das, was Küche, Essen und Trinken mit Sex, Liebe und Leidenschaft zu tun haben. Schnell rief das Buch meine Erinnerung wach an Filmbilder wie aus Ang Lees Alltagsdrama "Eat Drink Man Woman" (1994), die mörderische Prozession in Peter Greenaways "Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" (1989) oder auch Nagisa Oshimas "Reich der Sinne" (1976). (Wozu hat man schließlich hierzulande 3SAT-Thementage und ARTE-Fernsehabende?)

Mit ihrem Roman "Feine Kost" geht Jo Kyung Ran allerdings trotz aller bisher gemachten Anspielungen und willkürlichen Assoziationen ihren ganz eigenen Weg. Wie in einem komplizierten Menü, welches der tagelangen Vorbereitung bedarf, erzählt die südkoreanische Autorin von einer jungen Köchin der Spitzengastronomie, die trotz aller gemeinsamen Zukunftspläne von ihrem Mann verlassen wird – zwar wegen einem atemberaubend schönen Ex-Modell, aber kann das ein Trost sein? (Zumal er seine Gespielin in einem Kochkurs von Ji-won erst kennengelernt hat und nun mit dieser ein eigenes Kochstudio aufmachen will.) Während er sich also mit "der Neuen" vergnügt, bleibt sie auf den Trümmern ihrer Existenz sitzen, die sich doch mit einem gemeinsamen Haus und ihrer Kochschule in Seoul so vielversprechend ausnahm. Sogar seine Hündin Polly hat er ihr schnöde zurückgelassen.
Ji-won, so heißt die betrogene Köchin, ist also wie am Boden zerstört. Sie schmeißt ihr erfolgreiche Kochschule hin und kehrt zurück in das Restaurant ihres alten Küchenchefs. Nur langsam gewinnt sie dort wieder festen Boden unter den Füßen, das aber wiederum nur, weil sie sich fast unmerklich von einem schrecklichen Gedanken "nährt", weil sich in ihr eine mörderische Lust eingenistet hat, die langsam ausgebrütet werden will.

"In der Phantasie schmeckt Essen intensiver und konkreter als in Wirklichkeit. So wie im Traum Erlebtes im Moment des Erwachens als real erscheinen kann. Wie jemand, der zu töten gedenkt, den Mord schon im Traum verübt. Die wiederholte Vorstellung muss die Tat ersetzen."
(Jo Kyung Ran: Feine Kost, S. 93)

Den Leser/innen erschließt sich dies alles jedoch zögerlich und episodenhaft, weil zunächst nur über seitenlange Beschreibungen des Alltags und der Gefühle der leidenschaftlichen Köchin klar wird, dass Ji-won ihre neue Kraft bald einzig und allein aus einem kompromisslosen Rachegedanken schöpft. Denn die Hoffnung auf die Rückkehr des Liebhabers nährt sich nur schlecht. Und dann wird dieser Rachedurst stärker und stärker, bis er sich wahrhaft brutal manifestieren muss und die Objekte der Eifersucht in einer buchstäblichen Exekution bestrafen möchte ...

"Mit Liebe kann man nicht alles erklären. Ich sehe nur, dass ich von dieser Liebe nie mehr loskomme und dass es mir selber schwerfällt, dies zu glauben. Wie ein Fisch, der ohne Wasser nicht sein kann. Zögere nicht!, ermutige ich mich mit lauter Stimme. Ich weiß, dass ein Zug mit leuchtend roten Warnlichtern und gellender Signalpfeife auf mich zurast. Und dass er mich schließlich überrollen wird."
(Jo Kyung Ran: Feine Kost, S. 264)

Jo Kyung Rans "Feine Kost" ist ganz ungewöhnliche Krimikost. Dieses Liebes- und Eifersuchtsdrama überhaupt dem Genre der Kriminalliteratur zuzuordnen, fällt schwer, obwohl hier im Grunde wie bei einem komplizierten Kochrezept alles akribisch genau und mit allen Zutaten beschrieben und damit exakt vor Augen geführt wird, wie ein Verbrechen aus Eifersucht entsteht.

"Feine Kost" ist für mich übrigens auch deshalb ein Frauenbuch, weil ich hier wiederum erkenne, wie viele Schriftstellerinnen offenbar dazu neigen, ihren dramatischen Stoff zu romantisieren und dementsprechend auch in einer langen, quasi lebensweltlichen Geschichte darüber zu erzählen. (Bei einer Elisabeth George geht es nie unter 500 Seiten ab. Eine Charlotte Link lässt sich da auch nicht lumpen.) Männliche Autoren tendieren dagegen scheinbar eher dazu, in größerer Dichte und Kurzform zu dramatisieren, das Alltägliche außen vor zu lassen und mit weniger Worten ein dementsprechendes Drama zu formen. Novalis hat das mal in einem anderen Zusammenhang so auf den ironischen Punkt gebracht: "Der Mann ist lyrisch, die Frau episch, die Ehe dramatisch."

Vielleicht wird man Jo Kyung Rans feiner Erzählung mit solchen Überlegungen nicht gerecht. Mir fiel mit meinem "männlichen Blick" nun eben deutlich ins Auge, wie ich mich trotz ihrer schönen Sprachbilder und interessanten "philosophischen Betrachtungen" über das Essen, die Liebe und den Tod bei der Lektüre stellenweise doch etwas langweilte – und fragte mich beiläufig nach den Gründen. Das Ende des Romans entschädigte dann jedoch für einige tendenzielle Längen des Romans und hinterließ bei mir mit seinem makabren "Abgang" einen wohl noch lange anhaltenden Eindruck.

Fazit: Jo Kyung Ran "Feine Kost" ist wohl vor allem für Liebhaber(/innen!) kulinarischer Literatur ein gefundenes Fressen. Für Fans von Liebesromanen vielleicht bereits zu starker Tobak. Für Freunde der Kriminalliteratur zumindest ein Wagnis. (Oder Experiment?)
Ach ja: Das Buch erinnert übrigens ein wenig an Haruki Murakamis frühe Romane ("Gefährliche Geliebte", "Naokos Lächeln") ...

[ hs/06.04.2011 ]
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