Titel: Cash

Price, Richard Cash

Originaltitel: Lush Life
Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow

Drei Männer werden nachts in der Lower East Side von zwei dunkelhäutigen Jugendlichen überfallen. Einer der drei wird erschossen, die Täter fliehen. Der Hauptzeuge Eric Cash verstrickt sich bei der Polizei immer tiefer in Widersprüche. Detective Matty Clark kommen jedoch bald Zweifel an seiner Schuld.

"Hammett"-Krimi des Monats Juli 2010

Autor: Price, Richard
Titel: Cash
Jahr: 2010-07
Seiten: 524 | Hardcover
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-10-060810-9
Preis: 19.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Dass dieser Roman von Richard Price nun doch noch einen deutschen Verlag gefunden hat, ist mehr als erfreulich, denn leider gilt das nicht für alle seine Werke.
Allzu viele sind es nicht, sieben Romane bislang, die meisten verfilmt, darunter "Clockers" und "Freedomland". Der relativ geringe Ausstoß an umfangreicher Prosa ist sicherlich nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass Richard Price auch als Drehbuchautor und Filmproduzent zugange ist. Freunde der in der Regel hervorragend gemachten HBO-Serien werden Price als einen der Autoren der hoch gelobten und vielfach ausgezeichneten – und somit fast zwangsläufig in Deutschland nicht ausgestrahlten – Serie "The Wire" kennen, an deren Büchern neben Price unter anderem auch George Pelecanos, Ed Burns und Dennis Lehane mitgewirkt haben.

"The Wire" ist ein guter Ausgangspunkt für diesen Roman, denn in gewisser Hinsicht stellt er eine literarische Fortschreibung vieler Leitmotive der fantastischen Produktion dar, nun eben nicht in Baltimore angesiedelt sondern in der Lower East Side von New York.
Dabei gelingt es Price wie nur wenigen, uns ohne landeskundliche Exkurse (oder gar Exzesse) die Atmosphäre, die Probleme (Kriminalität, Perspektivlosigkeit, Gentrifizierung) und die Bewohner dieses Stadtteils zu vermitteln. In der Tat ist man von Seite 1 des Romans ganz bei den Menschen und dem Geschehen.
Zudem ist Richard Price ein wahrer Meister des gekonnten Dialogs. Was insbesondere bei einem großen Teil der deutschsprachigen Krimiproduktion (sei es in Buch- oder filmischer Form) so grausig misslingt, ist für Price eine Selbstverständlichkeit: der erfahrene Drehbuchautor hat dem Volk aufs Maul geschaut und lässt es so sprechen, wie es dies nun einmal tut. Und oh Wunder: tatsächlich unterscheidet sich da der Sprech des minderjährigen Drogenlaufburschen von dem eines Anwalts oder gehobenen Polizeibeamten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die jedoch leider kaum mehr umgesetzt wird.
Die genannten positiven Aspekte (und viele weitere mehr) setzen sich zu einem Puzzle zusammen, das uns die Lower East Side als ein übergroßes Hamsterrad präsentiert, in dem sämtliche handelnden Personen ihrer Arbeit, ihren aussichtslosen Träumen und ihrer Sucht nachgehen, ohne darin letztlich einen tieferen Sinn oder so etwas wie Erlösung zu erlangen.
Die Polizei klärt Morde auf, deren Unnötigkeit und Mangel an klassischen Motiven eine Miss Marple das Strickzeug hätte an den Nagel hängen lassen, während sich weitere Tötungsdelikte anhäufen, deren Aufklärung mehr oder minder vom Zufall abhängt oder von der Plauderei eines aufgegriffenen Kleinkriminellen, der seinen Kopf aus der Schlinge ziehen will.
Dabei wissen alle Beteiligten, dass damit letztlich weder dem Opfer noch den Hinterbliebenen in irgendeiner Art gedient ist. Zumal in den verwahrlosten und vom amerikanischen Traum längst abgehängten Projects schon die nächsten Täter und Opfer Schlange stehen.
Auf der anderen Seite haben wir all die Sinn- und Karrieresucher, die von überall her in die Lower East Side strömen, ambitionierte und hoffnungsvolle Studenten, Möchtegernschauspieler und Künstler, mitunter überambitioniert bis hin zur Lächerlichkeit. Mancher von ihnen wird auf der Strecke bleiben, wenn er Glück hat ergeht es ihm wie dem Protagonisten Eric Cash, und er wird für den Rest seines Lebens kellnern.
Die Ermittler sehen sich aber nicht nur diesem niemals versiegenden Reservoir an Gewalt und Drogenkriminalität gegenüber, sondern auch der eigenen Führungsebene, die mehr mit Politik und Postengeschachere zu tun hat, als mit der eigentlichen Polizeiarbeit.
Dass dieses ebenso intelligent wie spannungsreich komponierte urbane Sittengemälde dennoch nicht komplett auf Humor verzichtet, macht "Cash" zu einem faszinierenden Werk, das weit mehr ist, als einfach nur ein weiterer Kriminalroman.

(Diese Rezension beruht auf der amerikanischen Originalausgabe.)

[ kw/08.07.2010 ]
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