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Schirach, Ferdinand von SchuldEin Mann bekommt zu Weihnachten statt Gefängnis neue Zähne. Ein Junge wird im Namen der Illuminaten fast zu Tode gefoltert. Die neun Biedermänner einer Blaskapelle zerstören das Leben eines Mädchens und keiner von ihnen muss dafür büßen.
Unsere Meinung:Variationen der Schuld
"Glück ist zuerst und vor allen Dingen das stille, frohe, sichere Gefühl der Schuldlosigkeit." (Henrik Ibsen, Rosmersholm, 3. Akt) "In einer blockierten Gesellschaft, wo jeder schuldig ist, ist es das einzige Verbrechen, sich erwischen zu lassen. In einer Welt der Diebe ist Dummheit die einzige unverzeihliche Sünde." (Hunter S. Thompson, Fear and Loathing in Las Vegas) Nach dem großen Erfolg seines Erzählbandes "Verbrechen" im letzten Jahr legt Ferdinand von Schirach mit dem Buch "Schuld" nun einen neuen Band mit insgesamt 15 Storys vor. Nahtlos ist ihm dieser Übergang zu seinen neuen Geschichten aus seinem Strafverteidiger-Leben allerdings nicht unbedingt gelungen, denn die Qualität des Erzählten lässt insgesamt etwas nach – wenn man angesichts des Unglücks und der erlittenen Verbrechen an den Menschen in diesen Geschichten das überhaupt so sagen sollte. Was bieten uns also seine `Variationen zur Schuld´? Auf den ersten Blick wirken Schirachs Erzählungen hier knapper, präziser und schärfer als zuvor. Seine Storys sind in diesem Buch allerdings insgesamt weniger "gewitzt" und ausgefeilt; im Gegenteil: sie wirken weit strenger, ernster und lakonischer. Doch dann fällt einem fast unwillkürlich gerade in den ersten vier Erzählungen "Volksfest" (S. 7-18), "Die Illuminaten" (S. 27-52) sowie in "Kinder" (S. 53-64) die Überbetonung von Sex & Crime auf, was auch mich persönlich ein wenig befremdete. Nun hängen wiederum Sexualität und Verbrechen wahrscheinlich sehr viel enger zusammen, als etwa "Sexualität und Wahrheit" es je tun könnten ... Die Erzählung "Ausgleich" (S. 167-186) über die etwas naive Landpomeranze Alexandra und ihr Schicksal mit ihrem Mann, "einem Verkäufer", und ihrem Liebhaber Felix wirkt in diesem Zusammenhang noch am tiefsinnigsten und trifft bei den Lesern/innen auch tatsächlich einen wunden Punkt des Empfindens vom Widerspruch von Schuld und "Gerechtigkeit" (und das Recht auf persönliche Integrität und körperlichen Unverletztheit). Zu den stärksten Erzählungen in dem Band zählen meiner Meinung nach vor allem "Der Schlüssel" (S. 121-152), in dem sich zwei Kreuzberger Autoschieber und Drogenhändler auf abenteuerliche Weise tief ins Schlamassel hineinreiten – diesem sich mit viel Mühe, aber dann auch sehr pfiffig entziehen können. ("Der Schlüssel" erinnert übrigens auf verdrehte Weise ein wenig an die Erzählung "Tanatas Teeschale" in Schirachs vorangegangenem Erzählband.) Ein wenig hingeworfen und "belanglos" – und das Wort sei angesichts der bedeutungsschweren Tragik und des schlimmen Unglücks der Menschen in den Erzählungen sorgsam abgewogen – wirken dagegen Erzählungen wie "DNA" (S. 19-26), in denen zwei Menschen von der Vergangenheit und einem sehr modernen Schicksal eingeholt werden; "Justiz" (S. 161-166), wo ein Ausländer Justizopfer einer Namensverwechslung wird; und vor allem die Schlusserzählung "Geheimnisse" (S. 197-200), in der uns ein krankhafter Paranoiker begegnet, der sich von allen Geheimdiensten dieser Welt verfolgt fühlt. [An sich ja ein ganz modernes Zeitgefühl, - nicht wahr? ... – Nur ein Scherz von der Redaktion!] - Diese Storys reichen an die erzählerische Qualität aus Schirachs erstem Band bei weitem nicht heran. Sie sind im Grunde, selbst wenn sie mit einem heftigen Verbrechen oder schwerer Schuld verknüpft sind, Alltagsgeschichten wie wir sie fortwährend als kuriose Randnotizen aus der Tageszeitung und dem Fernsehen kennen. Das wirklich Außerordentliche, das eine Story oder auch Novelle nach allgemeinem Verständnis erzählen sollte und für das Schirach bisher ein so feines Gefühl entwickelt hatte, kommt diesen Erzählungen ein klein wenig abhanden. Aber wäre das Leben doch nur so einfach wie die Kurzform einer Erzählung oder eines Aphorismus!? (Auf einer ganz anderen Seite und Ebene zerstört übrigens der Boulevardjournalismus ein solches Verständnis von Biographie und Geschichte der Menschen hoffnungslos und beutet dies alles zudem nur schamlos aus.) Ferdinand von Schirach erzählt in "Schuld" von unglücklichen, trostlosen oder gar zerstörten Menschen. Das Glück ist ihnen meistens fern. Dass wir im "Hammett" wie viele andere Schirachs Erzählungen ob dem Ernst dieser menschlichen Misslagen dennoch (und aus guten Gründen) gerne und mit Spannung lesen, zeichnet ihn allein schon als begabten Erzähler aus. Fazit: Ferdinand von Schirachs "Schuld" können wir als etwas kühlere Fortsetzung seines Erzählbands "Verbrechen" dennoch empfehlen. Welcher (Krimi)Autor hat in Deutschland denn sonst noch die erzählerische Kraft, mit schwerem Inhalt behaftete Storys so lakonisch und fast leichtfüßig zu erzählen? Dennoch hat man den Eindruck, dass Schirach sein Pulver nun verschossen hat. Wir hoffen allerdings, er probiert sich weiterhin erzählerisch aus. - Weshalb denn nicht mit einem Roman, muss ja nicht unbedingt etwas mit kurz erzählter Schuld, Verbrechen und Sühne zu tun haben!? Muss ja auch nicht zwangsläufig ins Kriminologische hineinreichen!? [ hs/09.08.2010 ]
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