Titel: Würde

Brown, Andrew Würde

Originaltitel: Refuge
Aus dem Englischen von Mechthild Barth

Kapstadt, die Mutterstadt Südafrikas, die Schöne mit den vielen Gesichtern. Während im Schatten des Tafelbergs Flüchtlinge ums Überleben kämpfen, korrupte Polizisten ihr Gehalt aufbessern und das organisierte Verbrechen blüht, frisst der Alltag an Richard Calloways Glück: Eine triste Vorstadtidylle, eine eintönige Ehe und Dinnerparties, auf denen man sich nichts zu sagen hat.
Doch dann übernimmt der Anwalt einen Fall, der sein Leben für immer verändern wird: Ein russischer Geschäftsmann soll einen Jungen überfahren haben. Der Augenzeuge ist verschwunden. Und die Aktenlage ist undurchsichtig. Als Richard dann auch noch auf die sinnliche nigerianische Einwanderin Abayomi trifft, wagt er sich Schritt für Schritt hinaus aus seinem Alltag.
Doch auch der kleinste Schritt kann ein Schritt zu viel sein. Und manchmal gerät man in einen Strudel, aus dem es kein Entkommen gibt.

"Hammett"-Krimi des Monats August 2010.

Autor: Brown, Andrew
Titel: Würde
Jahr: 2010-07
Seiten: 329 | Hardcover
Verlag: btb
ISBN: 978-3-442-75278-2
Preis: 19.95 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 19.95 EUR

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Unsere Meinung:

"Jeder Mensch, egal wer er ist oder wie heruntergekommen er sein mag, erwartet instinktiv oder im Unterbewusstsein, dass man Respekt für seine Menschenwürde aufbringt."
(Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij)

"Mir weismachen zu wollen, dass die Würde eine menschliche Eigenschaft ist, ist reinster Hohn."
(Gustave Flaubert)

Richard Calloway ist Strafverteidiger einer angesehenen Rechtsanwaltskanzlei in Kapstadt, der sich mit den "heiklen Fällen" unter den betuchten Klienten befasst. Ein solcher zahlungskräftiger Klient ist der russische Geschäftsmann Stefan Svritsky, der mit Drogen, Waffen und Prostitution in ganz Afrika genauso dunkle wie glänzende Geschäfte am Laufen hat. Doch Svritsky erweist sich zunehmend als ein aufbrausender und gewalttätiger Mensch, der weniger durch seine gut getarnten kriminellen Machenschaften als durch sein unbeherrschtes Verhalten mit der Justiz in Konflikt gerät.
Richard ist gleichzeitig angewidert und fasziniert von dem russischen Widerling. Zudem bringt Svritsky seiner Kanzlei nun mal auch so viel Geld ein, dass er trotz seinem Ekel um diesen Klienten sehr bedacht sein muss.

"Die Schimpftiraden des Russen hatten ihn ausgelaugt und deprimiert. Sein Mandant zeigte tiefste Verachtung für jegliches Gesetz, das seine meist illegalen Geschäfte irgendwie einschränkte. Als Anwalt war es nicht Richards Aufgabe, seinen Klienten über die Bedeutung oder den Zweck dieser Einschränkungen aufzuklären, sondern einen Weg zu finden, sie zu umgehen. Er musste seine jahrelangen Erfahrungen als Jurist dafür einsetzen, genau die Institution zu untergraben, zu der er gehörte."
(Andrew Brown: Würde, S. 289)

Nun hat Svritsky zuletzt mit seinem dicken Mercedes einen Menschen angefahren und diesen danach nicht nur durch unterlassene Hilfeleistung und Fahrerflucht getötet, sondern das Unfallopfer zuvor auch noch attackiert. Dafür gibt es jedoch keinen brauchbaren oder aussagebereiten Zeugen, bis auf einen rätselhaften Unbekannten, der sich nachweislich an der Unfallstelle aufgehalten haben muss. Svritsky rechnet fest damit, dass ihn Calloway wie immer aus der Sache herauspaukt, aber die Justiz hat den Russen zunehmend im Visier und wartet nur auf eine Gelegenheit, ihm endgültig das Handwerk zu legen.
Unterdessen hat sich Richard Calloway aber nicht nur mit diesem Fall herumzuschlagen, sondern auch mit der frustrierenden Ehe mit seiner Frau Amanda und einer beginnenden Midlife-Crisis. In einem seiner schwachen Momente vermittelt ihm dann ausgerechnet sein ungeliebter russischer Klient die nigerianische Edel-Prostituierte Abayomi, von der sich Richard von Anfang an bis aufs Äußerste fasziniert zeigt.

"Sein Handy vibrierte lautlos in seiner Hosentasche. Als er es herauszog, leuchtete das Display auf und zeigt an, dass eine SMS eingetroffen war. Die Nummer des Absenders wurde nicht angezeigt. Er drückte auf einen Knopf, um die Nachricht zu lesen.
`Gute nacht, richard. Denk an deine haut auf meiner. Bis bald. A.´
Die Worte versenkten sich wie Angelhaken in seinem Inneren, wo sie sich festkrallten."
(Andrew Brown: Würde, S. 157)

Die schwarze Schönheit Abayomi ist mit ihrer Familie aus politischen Gründen aus Nigeria nach Südafrika geflüchtet und wurde dort in die Prostitution und in ein dürftiges Leben mit beschränktem Aufenthaltsrecht gezwungen. Sie und ihr Mann Ifasen werden von den ärmlichen Zuständen genauso drangsaliert wie von rassistischen weißen Polizisten. So gerät Ifasen, der als ärmlicher Straßenhändler nur wenig für die Familie dazuverdienen kann, eines Tages völlig unschuldig in den Verdacht, mit Drogen gehandelt zu haben, wonach er ziemlich schnell in die gnadenlosen Mühlen der Justiz gerät.
In ihrer Not wendet sich Abayomi an Richard, der ihr verspricht, sich für sie und Ifasen einzusetzen. Sie sagt ihm allerdings nicht, dass Ifasen ihr Ehemann ist. Richard ist ihrer atemberaubenden Schönheit verfallen, erhofft sich mit ihr eine andauernde Beziehung und setzt dabei neben seiner Ehe sogar seinen Ruf aufs Spiel, obwohl ihn die Affären seiner Kollegen und deren Ausflüge ins Rotlichtmilieu bis dahin immer angewidert haben.

Richard ahnt allerdings nicht im Geringsten, worauf er sich damit einlässt. Denn während Ifasen im Gefängnis beginnt, zu verzweifeln und innerlich zu zerbrechen, lernt Richard die bezaubernde Abayomi immer besser und näher kennen, übersieht aber voller Naivität die Schlinge, die sich ihm langsam um seinen Hals legt.

Sie sah ihm in die Augen. "Unsere Kulturen sind sehr verschieden. Das darfst du nie vergessen, Richard. Du bist ein guter Mann, aber du verstehst nicht immer, worum es eigentlich geht. Zum Beispiel sind in meiner Welt sowohl Namen als auch Worte von großer Wichtigkeit. Wir sagen, man kann Fische mit einem Netz aus Worten fangen. In meiner Welt kann dieselbe Sache mehrere Bedeutungen haben. Etwas Gesagtes kann vieles bedeuten. Vergiss das nie."
(Andrew Brown: Würde, S. 238)

Es bleibt die Frage: Wer spielt hier mit wem sein gefährliches Spiel?
Andrew Brown, der schon mit der ersten Übersetzung seiner Bücher ins Deutsche, dem Roman "Schlaf ein, mein Kind", eindrücklich auf sich und sein Erzähltalent aufmerksam gemacht hat, ist eine wirkliche literarische Bereicherung – und das nicht nur für die zeitgenössische Kriminalliteratur. Denn in seinem Roman "Würde" entfaltet er wiederum eine komplexe und hintergründige Geschichte, die sich im Laufe der Handlung immer weiter vom Kriminalroman und einer reinen Spannungshandlung entfernt, im Kern aber trotz der geballten Erotik und der Tragik von Abayomis fesselnder Geschichte, die beinahe für das Schicksal eines ganzen Kontinents steht, nie von den genretypischen Grundmomenten von Gewalt und Verbrechen, Unschuld und Verworfenheit, Recht und Gerechtigkeit ablässt.

All dies lenkt die Leser unterdessen auf fast perfide Weise davon ab, was sich um den streckenweise doch heillos naiven Richard abspielt. So direkt und konkret Andrew Brown von den großen Verbrechen in Nigeria und ihren europäischen Profiteuren erzählt, so offen und brutal ist auch seine Schilderung der Gewalt und Ausbeutung in der (süd)afrikanischen Gesellschaft im Einzelnen. Mit seiner egozentrischen Figur Richard, aus deren Blickwinkel die Handlung hauptsächlich erzählt wird, vernebelt der Autor gezielt einen klaren Blick auf die genaueren Hintergründe seiner Geschichte. So entlädt sich vor allem am Ende des Romans noch einmal eine ungeheure Spannung, so dass man auf ihre tragische Weise fast schon einem reinigenden Gewitter sprechen muss, das die ganze Wahrheit hervorspült, die im Grunde schon vorher klar vor Augen lag.

In seiner Erzählweise erinnert Andrew Brown so meinem Gefühl nach ein wenig an Ian McEwan, obwohl beide wahrscheinlich kaum miteinander zu vergleichen sind. Brown erzählt ähnlich kraftvoll und präzise wie McEwan und mutet seinen Protagonisten ebenfalls einiges zu. Dass man als Leser dabei so stark mitfühlen kann und den Weg mit Brown bis zum Ende des Romans nur allzu bereitwillig mitgeht, obwohl er seine Leser letztlich mit überraschenden Wendungen völlig hinters Licht führt, das deutet nicht nur auf das erzählerische Können, sondern auch auf das spannungstechnische Geschick des südafrikanischen Autors hin.

Fazit: Ein starker Roman, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Sollte Brown in Zukunft nicht seinen tendenziellen Manierismen wie z.B. in der Darstellung von Schurken, Sex und Gewalt auf den Leim gehen, dann ist von diesem Schriftsteller noch viel und vor allem viel Gutes zu erwarten.

[ hs/20.07.2010 ]
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