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Busqued, Carlos Unter dieser furchterregenden SonneOriginaltitel: Bajo este sol tremendo
Unsere Meinung:"Er ließ das Wagenfenster runter, um das Auto etwas durchzulüften. Der Geruch von Scheiße schlug ihm ins Gesicht, also schloss er das Fenster wieder. Die Straßen des Dorfes waren verwahrlost und mit einer dünnen Schlammschicht bedeckt, es musste vor Kurzem geregnet haben, obwohl keine Wolken zu sehen waren. Er sah auf die Uhr, es war fast neun, und die Sonne stach bereits. Er fuhr ein paar Runden, gewissermaßen zum Kennenlernen."
(Carlos Busqued: Unter dieser Furcht erregenden Sonne, S. 10) Der unliebste Teil einer jeden Tages- oder Wochenzeitschrift ist mir der sogenannte "REISE"-Teil. Der wandert bei mir zumeist schleunigst aufs Altpapier, wenn nicht gerade ein besonderer Artikel z.B. so etwas wie über die Krimiautoren Leonardo Padura in Havanna oder Antonio Dal Masetto in Buenos Aires bringt. Und erst neulich hatte ich wieder die Titelseite eines Reiseteils vor Augen, wo Ecuador verhohlen als "unberührtes" Reiseland angepriesen wurde: "Nach Ecuador ans Meer? Unbedingt! Weite Abschnitte der Pazifik-Küste sind noch unberührt – aber wahrscheinlich nicht mehr lange." (Untertitel von Antje Webers "Schätze im Sand". In: Süddeutsche Zeitung vom 9.12.2010, S. 40) Hier wird sozusagen munkelnd in einer Selffulfilling Prophecy die Zerstörung eines in großen Teilen atemberaubend schönen Landstrichs vorweggenommen. Dass Ecuador für den genauen Beobachter zweifellos ein Land voller Naturwunder sein kann, das weiß ich nicht zuletzt aus den genauen Berichten meiner Freunde P. (einer Ecuadorianerin) und ihrem Mann N. (ein Deutscher), die mich sogar dorthin eingeladen haben. Und vielleicht schaffe ich es ja noch in meiner verbleibenden Lebenszeit, dort bei meinen Freunden vorbeizuschauen, wenn nicht womöglich auch dort zuvor ein touristischer Strom mit all seiner Zerstörungswut über das Land hinweggefegt ist. Zur Abschreckung: Liebe Touristen und Touristinnen! - Man isst in Ecuador gerne Meerschweinchen. Die gelten dort sogar als ausgesprochener Leckerbissen, so wie in bestimmten Teilen Chinas und dem restlichen Ostasien (bzw. Westpazifik) Hunde. Also halten Sie besser Ihre Kinder (oder Ihr kindliches Gemüt) von diesem Land fern, denn es könnte sie/Sie ein Leben lang traumatisieren! Womit wir endlich beim Thema wären! – Denn auch und vor allem nach Lapachito, einem kleinen Nest in der nordargentinischen Provinz Chaco, wird es Sie ganz bestimmt nicht und schon gar keinen Massentourismus hinverschlagen. Hier ist die Natur schon kaputt und zerstört, hier stinkt die Gegenwart zum Himmel: "Sieht so aus, als ob es stark geregnet hätte", sagte Certati. "Nein, hier hat es ungefähr seit April nicht mehr geregnet. Meinst du wegen dem Schlamm?" "Genau." "Nein, nein, der Grundwasserspiegel ist gestiegen, das Wasser steht fast auf Bodenhöhe. Schau dir die Häuser an: Alle haben Risse. Der ganze Untergrund ist jetzt Schlamm, sie versacken. Die Sickergruben platzen, viel von dem Schlamm auf der Straße ist Scheiße und Pisse aus den Sickergruben. Deshalb sind die Bäume abgestorben, die sind alle im ersten Jahr verfault. Lass das Auto bei der Rückfahrt waschen, sonst verrottet das ganze Blech, lass vor allem die Kotflügel auch gut von innen putzen, dieser Schlamm ist Gift fürs Autoblech." Duarte hatte recht, die meisten Autos auf der Straße waren vom Rost halb zerfressen. (Carlos Busqued: Unter dieser Furcht erregenden Sonne, S. 15 f.) "Unter dieser Furcht erregenden Sonne" ist ein ganz seltsames Buch über den arbeitslosen Kiffer Cetarti, der die meiste Zeit seines Lebens vor dem Fernseher und vor allen möglichen Dokumentarsendungen von "Discovery Channel" verbringt. Doch eines Tages segnen die Leute, die von seiner Familie übriggeblieben sind, nämlich seine Mutter und sein Bruder, das Zeitliche, weil sein unbekannter "Stiefvater" aus nicht näher erklärten Gründen die nächsten Verwandten und dann ferner sich selbst niederknallt. Cetarti stört sich zunächst daran, dass sein träger Tagesablauf durch solche unerwarteten Unannehmlichkeiten durcheinander gebracht wird, doch dann wird ihm bald klar, dass hinter den Todesfällen per Erbschaft eine einträgliche Geldquelle stecken könnte. So ist er dankbar, als ihm vor Ort der ehemalige Luftwaffenoffizier Duarte, der Freund und ehemalige Kollege seines "Stiefvaters", anbietet, ihn bei den Nachlassarbeiten zu helfen. Cetarti ahnt und erkennt zwar andeutungsweise, dass Duarte und sein Helfershelfer Danielito miese, kleine und mithin perverse Kriminelle sind, die ihr Geld durch Betrügereien, Entführungen und Menschenhandel verdienen, aber in seiner existenziellen Gleichgültigkeit, die gerade bis zum nächsten guten Joint oder bis zum nächsten richtig gruseligen TV-Dokudrama über Riesenkalmare reicht, ist er schlicht nur dankbar für Duartes zuvorkommender Unterstützung. Schließlich erscheint ihm das kleine Nest, in dem sich seine Anverwandten den Rest gegeben haben, zwar ein wenig seltsam, und seine Realität und Träume werden erfüllt von giftigen Käfern, Salamandern und einer giftigen und verpesteten Schlammpfütze namens Lapachito, dennoch schafft er es bis zum Ende des seltsamen Romans, seine zynisch-lakonische Abenteuerreise heil zu überstehen ... Ich als Leser dieser ... na? – Gesellschaftssatire? -kritik? Dieses argentinischen Symbolismus? Magischem Surrealismus? ... hielt diesen Roman am Ende doch etwas ratlos in den Händen. Denn selbst wenn der Autor vorhatte, irgendein Thema wie z.B. die argentinische Gesellschaft unter den Nachwirkungen ihrer schmutzigen Diktatur zu "verdichten", erkennbar wird sein Anliegen zumindest nicht deutlich, schon gar nicht auf den ersten Blick. Das Buch wirkt wild und wirr und zieht dann schließlich den puren Wahnsinn einer vergifteten Gesellschaft auf seine erzählerische Seite, um selbst nicht weiter unnötig in Erklärungsnot zu geraten. Das war mir allerdings zu wenig. Das habe ich zwar wegen den knapp 200 Seiten schnell noch zuende gelesen, es hinterließ jedoch vielleicht einen bleibenden, aber an sich keinen bedenkens- oder erhaltenswerten Eindruck. Fazit: Ein bitterböser Roman, der für zufällige und ahnungslose Leser ziemlich grotesk und abstoßend wirken dürfte. Dabei sind die "erzählerischen Abstoßungsprozesse" und die Groteske keinesfalls so gelungen, dass der Roman allgemeiner zu empfehlen wäre. Gleichwohl: Es handelt sich hier um ein Romandebüt. Und Carlos Busqued hat offenbar auch etwas zu sagen. Wenn er es doch neben aller verhohlener Roadmovie-, Splatter- und Außenseiter-Romantik doch nur präziser und mithin radikaler auf den Punkt bringen würde! [ hs/21.12.2010 ]
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Krimi-Specials
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