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Kutscher, Volker GoldsteinBerlin 1931: Die Wirtschaftskrise verschärft sich, die Auseinandersetzungen zwischen SA und Rotfront werden gewalttätig, unter den Ringvereinen tobt ein Machtkampf und Gereon Rath bekommt den Auftrag, den US-Gangster Abraham "Abe" Goldstein zu beschatten. Aus einer Gefälligkeit für das Bureau of Investigation wird ein tödlicher Wettlauf.
Unsere Meinung:"In einem musste er Abraham Goldstein recht geben: Berlin war eine verdammt verrückte Stadt. Und sie schien immer verrückter zu werden."
(Volker Kutscher: Goldstein, S. 574) Wie stellen Sie sich das Berlin der 20er und 30er Jahre vor? Düster? Abgründig? Verrucht? Durch Filme wie "Sinfonie einer Großstadt" und historische Dokumentaraufnahmen hat man ja durchaus ein Bild dieser Zeit vor Augen. Doch allzu schnell vermischen sich diese Eindrücke zum Beispiel mit der filmischen Bildsprache eines Fritz Lang ("M – Eine Stadt sucht einen Mörder"), Phil Jutzis "Berlin Alexanderplatz" oder auch Gerhard Lambrechts "Emil und die Detektive". (Alle Filme sind übrigens 1931 entstanden.) Nun lässt Volker Kutscher mit seinen historischen Polizeiromanen um den Berliner Kommissar Gereon Rath die Zeit der Weimarer Republik sehr bildreich wiederauferstehen. Seine Romane könnte man dabei fast als Milieustudien verstehen: In "Der nasse Fisch" war es das osteuropäische Emigrantenmilieu, in "Der stumme Tod" die boomende Filmbranche und in "Goldstein" geht es nun hauptsächlich um die organisierte Kriminalität in Form der Ringvereine, die der Autor gezielt in den Blick nimmt. Zudem versucht Kutscher einen realitätsnahen Einblick in den damaligen Berliner Polizeiapparat zu geben, der damals in seiner Organisation, Kriminaltechnik und Aufklärungsarbeit weltweit führend war. Wie genau und geschichtstreu diese Beschreibungen sind, sei dabei erst mal dahingestellt, für den normalen Leser wirken die Einblicke und die Atmosphäre auf jeden Fall weitgehend stimmig. So liegt die große Stärke Kutschers wohl auch vor allem im Atmosphärischen seiner Menschen- und Stadtbeschreibungen. Der Roman "Goldstein" ist nun als 3. Roman der Gereon-Rath-Serie im Berlin des Jahres 1931 angesiedelt und spielt sich in einem Zeitraum von 2-3 Juni- und Juliwochen ab. Die recht vielschichtige Handlung beginnt mit dem misslungenen Einbruch zweier jugendlicher Diebe in das KaDeWe am Tauentzien. Einem der beiden kommt dabei durch einen gewalttätigen Polizisten ums Leben, der anderen gelingt die Flucht. Die Ermittlungen zu dem Kaufhauseinbruch liegen unterdessen nicht im Zuständigkeitsbereich von Gereon Rath. Nur beiläufig bekommt er mit, dass seine Geliebte Charlotte "Charlie" Ritter sich als angehende Justizangestellte mit dieser Sache beschäftigt, wobei er wegen allerlei anhaltender Zwistigkeiten mit ihr jedoch nicht erfährt, dass sie schon bald in geheime höchstpolizeiliche Ermittlungen miteinbezogen wird. Rath selbst wird von seinen Vorgesetzten auf den New Yorker Gangster "Abe" Goldstein angesetzt, der auf Besuch in Berlin weilt. Man will genau wissen, was dieser in der Hauptstadt zu suchen hat. Gleichzeitig braut sich zu dieser Zeit in den kriminellen Kreisen Berlins nach zwei Morden an führenden Mitgliedern der beiden Ringvereine Berolina und der Nordpiraten ein Gangsterkrieg zusammen. - Hat Goldstein womöglich etwas damit zu tun? Da wir das ambitionierte Romanprojekt Volker Kutschers von Anfang an kritisch begleiteten, wollen wir auch dieses Mal wieder genau hinschauen: Kutscher ist ein lustbetonter und einfallsreicher Erzähler, gleichwohl kommt seine Erzählweise manchmal etwas zu leutselig daher. Schon deshalb erweist sich der Autor in "Goldstein" wieder keineswegs als ausgeprägter Stilist. Seine Stärken liegen woanders. In seiner Erzählweise wirkt er geradlinig, wobei er wie bei früheren Gelegenheiten mehrere Erzählfäden spinnt, die dann aus den verschiedenen Perspektiven der wichtigsten Protagonisten erzählt werden. Nichtsdestotrotz konzentriert sich aber letztlich immer wieder alles um Gereon Rath, dem etwas zwielichtigen Polizeiermittler, der Kutschers Romane mithin einen Hauch von Widerspenstigkeit und von "Noir" verleiht. Woran der Roman "Goldstein" nun allerdings auffällig leidet, das ist seine Fülle. Hier sind zu viele persönliche Geschichten und die Befindlichkeiten der einzelnen Figuren miteinander vermischt: Der mit allen Wassern gewaschene und nicht gerade zimperliche Kommissar Gereon Rath: er bewegt sich hier lange Zeit eher am relativ ereignislosen Rande (und Kutschers dagegen steuernde - kontraproduktive - Figurenaufwertung von Rath plustert den Roman recht überflüssig auf, wobei Rath sich bei der Observation von Goldstein zudem erstaunlich dumm und naiv anstellt); seine Freundin Charlie Ritter, die auf eigene Faust abenteuerlich zu ermitteln beginnt; dann der dem Roman titelgebende New Yorker Gangster Goldstein, der in geheimnisvoller Mission in Berlin unterwegs ist; dann die minderjährige Kaufhauseinbrecherin Alex, die bei einem "Bruch" ihren besten Freund verliert; nicht zuletzt korrupte und mörderische Polizisten, die ihr eigenes Süppchen kochen; schließlich noch der Berliner Gangster Marlow, zu dem Rath eine besondere Beziehung pflegt, und einige anderen Größen der Berliner Unterwelt mit ihren streng organisierten Ringvereinen, die nach zwei Morden an führenden Mitgliedern auf einen Bandenkrieg zusteuern ... – Der Roman zerfasert mit fortdauernder Länge immer mehr und während seine Figuren die längste Zeit vor allem mit ihrer Selbstfindung beschäftigt sind, kommen nur wenige wirkliche Spannungshöhepunkte auf. Die Spannung schöpft Kutscher wie schon früher überwiegend aus der reinen Handlung – und nicht zum Beispiel aus der Psychologie seiner Figuren heraus. Die Hintergründigkeiten der persönlichen Geschichten von Goldstein, Alex und anderen Protagonisten werden dabei meist leider nur beiläufig erzählt, erklärend nachgereicht oder durch figürliche Selbstreflexionen vorweggenommen. Einen präzisen oder auch nur mitreißenden Dialog findet man dagegen selten. (Wie auch, wenn die "Zeugen" bei Zeugenbefragungen nur weitgehend schweigen?, - möchte man fast hinzufügen.) Kutscher konzentriert sich derweil auf anderes und bemüht sich offensichtlich um die Konstruktion eines großes Zeitpanoramas. Diesem fehlt es dabei aber leider immer noch an Tiefenschärfe.* Zeit- und sittengeschichtlich liegt er mit der Wahl eines ehrgeizigen, weltoffenen und dennoch etwas zwielichtigen Polizisten als Helden und seinem Umfeld erzählerisch durchaus richtig. Daraus leiten sich eine Masse an Erzählstoff und –möglichkeiten her. Und obwohl sich Kutschers Erzählperspektive nicht auf Gereon Rath beschränkt, wirkt die Gesamtperspektive seltsamerweise doch etwas beschränkt. In den vorangegangenen Romanen gelang es Kutscher in dieser Hinsicht noch weit besser, seinem Erzählstoff nicht nur Zeit- und Lokalkolorit aufzupinseln, sondern überdies konkretes Zeitgeschehen einfließen zu lassen. Unweigerlich fragt man sich hier bei genauerer Lektüre: Juli 1931? Was ist damals in Berlin tatsächlich alles geschehen? Es war immer noch die Zeit der Notverordnungen Brünings, die der fortschreitenden Wirtschaftskrise mit ihrer grassierenden Arbeitslosigkeit aber nicht beikamen. Innenpolitisch wurden die Konflikte immer heftiger und radikaler, was sich auch an dem militanten Auftreten der Nazis und der Kommunisten auf Berlins Straßen offenbarte ... Kutscher bemüht sich sichtlich, dies alles möglichst lebensnah mit einfließen zu lassen und zu verarbeiten. So erzählt er im Rückblick von dem Familienbesuch von Rath und Ritter in Köln inklusive dem Endspiel der Deutschen Fußballmeisterschaft, als Hertha BSC Berlin 3:2 gegen den TSV 1860 München gewann. Leider nur beiläufig erfährt man am Ende des Romans auch, dass es im Juli 1931 den großen Bankenkrach mit dem Zusammenbruch der Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) gab, also der damals drittgrößten deutschen Bank, worauf ein großer Ansturm auf die anderen Kreditinstitute einsetzte und die gesamte Volkswirtschaft in Gefahr brachte. (...) Nun hat Volker Kutscher zweifellos soviel erzählerische Freiheit, nicht alles und jedes in seinem Roman genauestens erwähnen zu müssen. Dennoch ist es ein Maß der Ernsthaftigkeit seines Romanprojekts und Prüfstein für seinen erzählerischen Anspruch, wie genau er mit dem konkreten Zeitgeschehen umgeht und wie er die Zeitumstände (einer sehr kritischen Zeit!) in seine Geschichten einbettet. Selbst wenn er vieles nur ausschließen und zum Beispiel deutlich machen würde, wie unpolitisch Rath und seine Freundin Charlie z.B. möglicherweise sind, oder welche Filme in der Stadt im Kino gerade anlaufen (vgl. dazu "Der stumme Tod") – oder nicht laufen (vgl. "Im Westen nichts Neues"), wie es sich gleichzeitig um den Zustand der Gesellschaft und (Stadt)Politik verhält, dann hätte der Roman mit kleinen Zutaten schon einiges gewonnen. Wenn nicht gar an Lebendigkeit und mehr Glaubwürdigkeit. Die bemerkenswerte Beiläufigkeit, mit der hier Realität mit Fiktion vermischt werden, wirft zunächst einmal kein gutes Licht auf Kutschers erzählerische Gesamtabsicht, ein "Sittengemälde" der damaligen Zeit entstehen zu lassen. Überdies wirkt Kutschers Erzählstil auf Dauer etwas stereotyp und schematisch. Wiederholungen schleichen sich ein (hier nur z.B. Raths mehrfach beiläufige Reflexionen über Kirche und Religion). Das mag hoffentlich nicht daran liegen, dass dem Autoren Berlin der 30er Jahre womöglich nur als dankbare Kulisse dient, während seine Figuren darin stellenweise fast wie Kulissenschieber wirken. So überkommt einen in "Goldstein" mehrmals das Gefühl, einer Schnitzeljagd beizuwohnen. Oder wird hier "Räuber und Gendarm" gespielt? Unterhaltsam liest sich Volker Kutscher und "Goldstein" seltsamerweise trotz allem, obwohl es Kutscher mit seinen Mitteln bisher leider nicht zur erzählerischen Meisterschaft bringt. Es fehlt ihm vielleicht nicht unbedingt an Ausdruckskraft, sondern an gesteigerter Konzentration sowie an einem stärkeren Form- und Gestaltungswillen. Und letztlich hebt Kutscher sich dann aus der Unmenge von Krimiveröffentlichungen zu Zeit und Thema der Weltkriegsperiode nach wie vor nur durch den Erfolg mit "Der nasse Fisch" (der noch frisch und wagemutig wirkte) ab. An diesen Meriten und den daraus erwachsenen Erwartungen seiner Leserschaft lässt sich möglicherweise allzu gut zehren. (Es ist übrigens erstaunlich, wer in diesem mutmaßlichen Subgenre nicht alles mitschwimmt bzw. mitschwimmen will!? - Man vergleiche nur folgende 10 prominentere Neuveröffentlichungen 2010: Philip Singtons "Einsteinmädchen", Vilmos Kondors "Der leise Tod", "Unter Mördern" von Jörg Isringhaus, Paul Grossmans "Schlafwandler", die Tom-Sydow-Romane von Uwe Klausner, die breit angelegte Kappes-Serie und dann nicht zuletzt noch vom "Urheber" dieser ganzen Welle, dem Altmeister Philip Kerr, "Die Adlon-Verschwörung", welche außerdem die inzwischen x-te Fortsetzung seiner ursprünglichen Berlin-Noir-Trilogie darstellt.) Es wäre insgesamt doch recht schade, wenn Kutscher den Anspruch seines ambitionierten Projekts womöglich allzu schnell und einfach an schnöde Erzählmuster verschwenden würde. Er kann mehr, gleichwohl sich sein Romanzyklus allemal noch auf einem recht beachtlichen Niveau bewegt und in sich durchaus stimmig wirkt. (Selbst wenn Momente wie zum Beispiel das sentimentale Hund-und-Katz-Spiel in der Beziehungsgeschichte zwischen Herrn Rath und Frau Ritter zuweilen auf die Nerven geht.) So liegt "Goldstein" für meinen Geschmack in der Qualität trotzdem genau zwischen den beiden Vorgängerromanen und leidet im Kern vor allem an seinen viel zu umfangreichen 574 Seiten, die genau 100 Seiten an tendenziellen Wendungen und Wiederholungen zuviel sind. Der Roman hat zweifellos ziemlich starke Grundmotive und wartet am Ende sogar mit einem wirklich spannenden Schluss auf. Deshalb denke ich, erwarten wir nicht zuviel, wenn wir erneut gespannt einem neuen, dem 4. Kutscher entgegensehen, sehen wollen, was die Serie noch zu bieten hat, und wenn wir uns einen Befreiungsschlag des Autoren aus seinen tendenziellen erzählerischen Befangenheiten herbeiwünschen. Fazit: Trotz aller relativierbaren Detailkritik liegt "Goldstein" um einiges über dem Durchschnitt des Niveaus von vergleichbaren Kriminalromanen. Volker Kutscher spielt geschickt mit dem Reiz der Epoche, weil er seine Erzählstoffe immer wieder sehr detailreich verarbeitet. Dennoch scheitert er leider für unsere Begriffe auf diesem relativ hohen Niveau. Meiner Meinung nach liegt dies an der Gesamtausführung, so dass gerade der aktuelle Roman "Goldstein" mit seinen knapp 120 Kapiteln nahe legt, dass es Kutscher womöglich noch an einer Idee vom Ganzen fehlt. * Vgl. unsere Kritik zu "Der stumme Tod" vom 27.02.2009. [ hs/08.11.2010 ]
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