Titel: Der Flüchtling

Carlotto, Massimo Der Flüchtling

Originaltitel: Il fuggiasco
Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel

20. Januar 1976: Die 25-jährige Studentin Margherita Magello wird in ihrem Zimmer in Padua mit 59 Messerstichen ermordet. Massimo Carlotto, 19 Jahre, Student und Mitglied der linksradikalen Bewegung entdeckt das Opfer und geht zur Polizei, um den Vorfall zu melden. Er wird festgenommen und wegen Einbruchs angeklagt. Es beginnt ein beispielloser Schauprozess. Kurz vor der Urteilsverkündung flieht Carlotto nach Paris und von dort einige Jahre später nach Mexiko. Unter politisch Verfolgten und brutalen Verbrechern lernt er zu überleben, ohne den Verstand zu verlieren.

Autor: Carlotto, Massimo
Titel: Der Flüchtling
Jahr: 2010-07
Seiten: 200 | Hardcover
Verlag: Tropen
ISBN: 978-3-608-50205-3
Preis: 18.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Wir leben in einem merkwürdigen Land. Es gibt eine Vereinigung der Ehemaligen von `Gladio´, und kein Mensch hat sie ins Gefängnis gesteckt. Jetzt komme bloß niemand und behaupte, ein Zufallsflüchtling sei ein schlimmerer Spitzbube als ein durchgeknallter Patriot, der Waffen und TNT im Grab seiner Oma versteckt hat." *
(Massimo Carlotto: Der Flüchtling, S. 175)

Dieses Buch ist sicher kein Glanzstück der Biographieschreibung, aber dennoch ein bedrückender Lebensbericht eines Menschen, der erbarmungslos in die Mühlen der Justiz geraten ist.
Als "Caso Carlotto" ist Massimo Carlotto, der später sinnigerweise zu einem Kriminalschriftsteller wurde, in die europäische Justizgeschichte eingegangen. Und sein Leben hat zwar schon vor 1976 begonnen, doch seine "Geschichte" hat erst am 20. Januar 1976 ihren Anfang genommen, als die 25-jährige Studentin Margherita Magello in ihrem Zimmer in Padua tot aufgefunden wird.
Massimo Carlotto (* 22.07.1956) war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls Student und ein Anhänger der linksradikalen Bewegung, bis er in den schweren Verdacht geriet, Margherita Maguella mit 59 Messerstichen ermordet zu haben. Der Fall ging durch mehrere Instanzen und Revisionen. Einmal wurde Carlotto für schuldig erklärt und dann wieder frei gesprochen. Als das Verfahren Jahr um Jahr andauerte und sogar sein Freispruch wieder zurückgenommen wurde, trifft er eine weitreichende Entscheidung. Er entzieht sich der italienischen Justiz, die für ihn jegliche Glaubwürdigkeit verloren hat und tritt die Flucht an.
"Der Flüchtling" erfährt danach eine wahre Odyssee, wobei es ihn nach Paris, Madrid und in ein durch und durch korruptes Mexiko verschlägt. Sein Exil dauerte fünf Jahre an. Sechs Jahre saß er insgesamt in Gefängnissen, auch weil er als junger Mann und hoffnungsloser Flüchtling mehrmals buchstäblich grundsätzlich Orientierung und Lebenssinn verlor, sich oft auf die falschen Leute einließ, zudem gnadenlos betrogen und verraten wurde und zuletzt von den mexikanischen Behörden ins genauso geliebte wie gehasste Heimatland Italien ausgewiesen wurde.
Erst 1993 wurden das Urteil und die Verfahren gegen Carlotto nach internationalen öffentlichen Protesten aufgehoben, was endlich seine Freilassung bedeutete - das aber wiederum nur aufgrund einer Entscheidung und eines Gnadenakts des damaligen Präsidenten der italienischen Republik, Oscar Luigi Scalfaro (1992-1999 im Amt).

Sicher, der "Fall Carlotto" ist ein Extremfall der italienischen und europäischen Rechtsgeschichte und vermischt mit politischen Zeitströmungen. Von "politischer Justiz" oder "Klassenjustiz" zu sprechen, wäre bei dem Sohn der durchaus wohlhabenden Familie Carlotto sicher übertrieben. Dennoch war Carlotto gleichzeitig kein Kind von Traurigkeit, so war er u.a. Mitglied der mitunter militanten Vereinigung "Lotta Continua", die mit den radikalsten Ausläufern der deutschen Studentenbewegung vergleichbar ist.
Carlotto legte aber keineswegs eine Joschka-Fischer-Karriere hin (vom machistischen "Studentenführer" des Frankfurter Pflasterstrands bis hin zum fast präsidialen Ministersitz der hessischen und Berliner Politbühne). Der Italiener begann – wie er selbst einmal sagte – 1993 nach der Begnadigung "sein zweites Leben" und wurde Schriftsteller. Dass er dabei überwiegend politische und gesellschaftskritische Kriminalromane schrieb (und was für welche!) ist sicher seiner "Geschichte" geschuldet. Dass er nach all diesen Jahren der Flucht sein total zerworfenes Leben, in dem sowohl seine Psyche als auch seine Physis völlig angegriffen war, noch in Ordnung bringen konnte, verdankt er seinen solidarischen Freunden und Unterstützern.
Carlottos "Geschichte" zeigt mithin deutlich, dass auch die Judikative, also in den westlichen Demokratien i.d.R. die dritte Gewalt oder Recht sprechende Gewalt, mit gesundem Maß zu misstrauen ist und von den anderen "Gewalten" – und sei es durch die inoffizielle "vierte Gewalt" der Presse und Medien – zur Ordnung gerufen werden muss. Denn die Judikative spricht in ihrer natürlichen Beschränkung (oder auch Borniertheit) immer nur Recht und eben nicht unbedingt immer die Wahrheit oder Gerechtigkeit. (Wie sehr sich Recht durch eine fehlende Machtbalance in der Gewaltenteilung verbiegen lässt, das zeigt sich derzeit sinnigerweise wiederum in Italien, wo gerade der Fall Berlusconi, nein: die Fälle Berlusconi in die entscheidenden Verfahren gehen.)

Ist Massimo Carlottos "Geschichte" also ein Lehrstück? – Vielleicht. Nur überzeugen konnte mich sein Lebensbericht zwischen Strafverfolgung, Gefängnisaufenthalten und politisch radikalem Denken nicht ganz. Zu sehr mäandert sein Buch "Der Flüchtling" hin und her zwischen persönlichem Empfinden und privatimen Einblicken des Autors sowie den natürlich sehr subjektiv dargestellten Ereignissen in seinem Leben. Nach dieser Lektüre des für mich sehr lesenswerten und durchaus auch sympathischen Autoren blieben für mich einfach zu viele Fragen offen, die in seinem Buch durchaus Platz hätten finden können. Man hätte sich insgesamt "mehr Genauigkeit" gewünscht, selbst wenn ein solcher Einwurf ein wenig zynisch klingen mag:

Vom politischen Menschen Carlottos und seiner Vorgeschichte erfahren wir fast gar nichts. Über die "Randphänomene" seines Falles ebenso wenig. Wie haben sich denn zum Beispiel die Erkenntnisse zu dem Mord an Margherita Magello weiterentwickelt? Kennt man inzwischen den/die Täter? Wenn ja, welche genauen Hintergründe hatte die Justiz, den Fall Carlotto politisch zu behandeln?
Massimo Carlotto liefert uns in "Der Flüchtling" radikale Innenansichten, die leider durch den Schleier körperlicher und psychischer Leidenserfahrungen deutlich getrübt sind. Der Autor ist offenbar auf recht seltsame Weise der Verführung erlegen, aus seiner Geschichte Literatur zu formen. Was biographische und gesellschaftspolitische Inhalte betrifft, dann habe ich davon woanders weit Überzeugenderes und Radikaleres gelesen (man denke nur an Jacques Mesrines brutalen Lebensbericht "Der Todestrieb"). Und obwohl mich an diesem Buch vor allem die Hintergründe des von mir sehr geschätzten Autoren Carlotto interessiert hatten (mithin die Hintergründe seiner Schriftstellerei), so habe ich darüber in diesem etwas zwiespältigen autobiographischen Roman/Bericht nur wenig erfahren.

Fazit: Trotz aller Tragik und Verworrenheit seines Falles: Massimo Carlotto ist kein Alfred Dreyfus, kein Mumia Abu-Jamal und auch nicht mit den "Guildford Four" zu vergleichen. Wohl auch deshalb kommen mir die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe seiner Geschichte in diesem Buch zu kurz. Und Klarheit über den Ablauf und die Zusammenhänge seines Falls entnahm ich dem Buch eher aus der 6-seitigen "Chronik der Ereignisse" im Anhang als aus seiner eigenen Erzählung.


* Gladio (ital., von lat. gladius "Schwert") war während des Kalten Krieges eine paramilitärische Geheimorganisation der NATO, der CIA und des britischen MI6, deren konspirative und kriminelle Aktivitäten späterhin in mehreren europäischen Ländern zu parlamentarische Untersuchungskommissionen führten. Ihr wurde zudem eine große Nähe zu einigen hochrangigen Vertretern aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nachgesagt.

[ hs/11.04.2011 ]

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