Titel: Tage der Toten

Winslow, Don Tage der Toten

Originaltitel: The Power Of The Dog Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte Mit großem Tatendrang hat sich der US-Drogenfahnder Art Keller daran gemacht, in die Strukturen der mexikanischen Drogenmafia einzudringen mit Erfolg. So viel Erfolg, dass die Drogendepots reihenweise auffliegen und die Narcotraficantes die Jagd auf ihn eröffnen. Nachdem sein Mitarbeiter von den Gangstern zu Tode gefoltert wurde, schwört Art Keller Rache und startet einen gnadenlosen, blutigen Feldzug gegen die Drogenbarone. Zu spät bemerkt er, dass er sich damit neue Feinde macht und die sitzen in Washington. Was als Iran-Contra-Affäre in die Geschichte einging, erlebt Keller als gigantisches Drogen-, Geldwäsche- und Waffengeschäft. Vor die Wahl gestellt, seiner Regierung zu dienen oder seinem Gewissen zu folgen, trifft er eine einsame Entscheidung und stößt dabei auf unverhoffte Verbündete. "Hammett"-Krimi des Monats September 2010 Ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2011 (internationale Krimis).

Autor: Winslow, Don
Titel: Tage der Toten
Jahr: 2010-09
Seiten: 688 | Taschenbuch
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-46200-3
Preis: 14.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Mit "Tage der Toten", der deutschen Übersetzung von "Power of the Dog", legt der Suhrkamp Verlag bereits den vierten Roman von Don Winslow in nur knapp 17 Monaten vor. Viel Lesestoff in kurzer Zeit, aber ausnahmsweise hat hier ein Verlag so ziemlich alles richtig gemacht. Startend mit "Pacific Private" einen Roman um den Surfer Boone Daniels, dann den eigenständigen (und famosen) Mafia-Roman "Frankie Machine", nachfolgend das zweite Werk um Boone Daniels nämlich "Pacific Paradise". Und zum bisher krönenden Abschluss nun "Tage der Toten". Ein Roman, von dem namhafte amerikanische Autoren des Genres (Dennis Lehane, Michael Connelly, und sogar der nach eigener Auskunft "nicht lesende" James Ellroy) behaupten, dass er zu den wichtigsten amerikanischen Romanen der letzten zehn Jahre gehöre. Wohlgemerkt, dahinter verstecken sich keine gewöhnlichen, weil gekauften "Blurb-Werbe-Sprüche", sondern offen und ernst gemeinte Kollegenmeinungen. Doch nun zum einzig Wesentlichen, zum Roman selbst: Der US-Drogenfahnder Arthur Keller hat sich über viele Jahre mit großer Energie und wachsendem Erfolg in die Bekämpfung der mexikanischen Drogenkartelle festgebissen. Durch seine Arbeit fliegen zunehmend mehr Drogentransporte auf, verbrennen Drogendepots, so dass neben den kleinen Narcotraficantes schon bald die großen Drogenbosse auf ihn aufmerksam werden - und wütend. Nachdem einer seiner wichtigsten Mitarbeiter verschleppt, gefoltert und getötet wurde, verwandelt Keller seinen Kampf gegen die Drogenmafia zu einem persönlichen Feldzug gegen die Drogenbarone. Dieser fanatische Feldzug hat nur noch wenig mit irgendeiner offiziellen Vorgehensweise der amerikanischen Drogenbehörden zu tun, er entwickelt sich vielmehr zu einer blutigen Schlacht ohne jede Rücksicht auf Gesetze und Menschenleben. Doch je weiter Keller in seinem Kampf gegen die mexikanischen Kartelle geht, umso mehr bekommt er es mit ganz anderen Gegnern zu tun, und diese Gegner sitzen und arbeiten "an der Heimatfront" in Washington. Welchen Realitätsgehalt "Tage der Toten" in solchen bitteren Passagen urplötzlich gewinnt, zeigen Zitate aus der US-amerikanischen Wirklichkeit von 1987: "Unser Land machte sich zum Komplizen im Drogenhandel, zur selben Zeit in der wir unzählige Dollars dafür ausgaben, die durch Drogen verursachten Probleme in den Griff zu bekommen - es ist einfach unglaublich." (US-Senator John Kerry in den Senatsanhörungen zur Rolle der CIA im Drogenschmuggel der Contras)* Weit mehr als jeder mir zuletzt untergekommene politische Kriminalroman verwebt Don Winslow in "Tage der Toten" Fiktion und Wirklichkeit. Die Iran-Contra-Affäre der 80er-Jahre bildet den ganz realen Hintergrund dieses Buches. (Zur Erinnerung: Mitte der 80er-Jahre verkaufte die amerikanische Regierung in einem Geheimgeschäft Waffen an den Iran. Mit den ganz und gar inoffiziellen Einnahmen aus den Waffenlieferungen an den damals eigentlich offiziellen Erzfeind im Nahen Osten wurden dann, an jeglicher Gesetzgebung vorbei, zynischerweise die regierungsfeindlichen Contras im "anti-kommunistischen Kampf" in Nicaragua unterstützt. Eine Untersuchungskommission stellte später fest, dass dabei die Contras über Jahre mehrere Tonnen Kokain in die USA geschmuggelt hatten, was mit Duldung und sogar Unterstützung der CIA geschah.) Seit Robert Littells "Legends" ("Die kalte Legende") habe ich keinen so kraftvollen, politisch treffsicheren und mitunter gesellschaftskritisch klugen Kriminalroman mehr gelesen. Der in den USA in aller Öffentlichkeit so großmundig proklamierte Krieg gegen die Drogen geht einher mit den letzten knapp dreißig Jahren des Versagens der Südamerika-Politik der USA. Beides vermischt sich, ist eins, doch wieder und wieder fragt man sich, wo die eigentlichen Absichten der Verantwortlichen liegen und die eigentlichen Fronten verlaufen. "Es existiert eine Schattenregierung mit ihrer eigenen Luftwaffe, ihrer eigenen Marine, ihren eigenen Geldbeschaffungsmechanismen sowie der Möglichkeit, ihre eigene Vorstellung nationaler Interessen durchzusetzen, frei von allen Kontrollen und frei vom Gesetz selbst." (US-Senator Daniel Inouye während der Senatsanhörungen zur Iran-Contra-Affäre)* In den insgesamt 15 Kapiteln des Buches gibt es trotz des permanent forcierten Erzähltempos immer wieder auch ganz leise wirkende, ruhige Passagen. Don Winslow erweist sich hier als handwerklicher Könner, denn selbst seine besinnlicheren Erzählpassagen bremsen den Lesefluss nicht ab, sondern sie reduzieren nur stellenweise geschickt das Tempo, um gleich danach wieder mit fast "Actionfilm-artigen" Szenerien weitere Ausrufezeichen zu setzen. Dies alles wirkt mit seinen Zutaten erzählerisch so einfach und beinahe spielerisch, erweist sich aber in einer Zeit, in der sich in der Kriminalliteratur hauptsächlich psychopathische Serienmörder mit mindestens vier ebenfalls schwer gestörten Elternteilen tummeln, geradezu als wohltuend und als stilistische Feinarbeit. Dass sich diese sprachlichen und stilistischen Besonderheiten auch in der deutschen Übersetzung wiederfinden, ist dem kongenialen Übersetzer Chris Hirte zu verdanken. Er muss diesen Roman sehr mögen, anders kann ich seine exzellente Übersetzung nicht deuten. "Tage der Toten" ist deshalb auch für meine Begriffe ein Jahrzehnt-Roman! Und das vor allem deshalb, weil er die Welt mit all den vielfältigen Mitteln des Romans so eindrücklich abbildet, dass die Leser wohl nicht selten an ihrem jeweiligen Leseort innehalten und das Buch senken werden, um sich staunend und kopfschüttelnd über so manche Verlogenheit und Schlechtigkeit der Welt ihre Gedanken machen. Die Realität lehrt, dass wo pure Ideologie, starke Interessenkonflikte und das große Geld zusammenkommen, kein Platz mehr bleibt für Moral oder demokratische Spiegelfechtereien. Der Roman "Tage der Toten" ist sicher kein Medikament gegen die Niedergeschlagenheit und Übelkeit angesichts solcher gesellschaftlicher Zynismen unter dem verlogenen Banner der Wahrheit, Gerechtigkeit und der verbrecherischen Der-Zweck-heiligt-die-Mittel-Moral ... – Doch, glauben Sie mir, ein solches Buch kann einem klar denkenden Menschen zumindest eine Weile durchaus über einiges hinweghelfen ... "Bei Gott, die Geheimdienste dieses Landes sollten in dem Krieg [gegen die Drogenhändler] mithelfen, anstatt mit diesem Abschaum der Erde auch noch zusammenzuarbeiten – denn das haben sie getan." (Senator Al D'Amato)* * Alle Zitate aus: Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Iran-Contra-Aff%C3%A4re ** Vergleichen Sie dazu nicht zuletzt unsere ausführliche TV-Kritik vom 10.11.2010 unter: Don Winslow, Tage der Toten [ ck/11.09.2010 ]
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