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Schirach, Ferdinand von VerbrechenEin angesehener, freundlicher Herr, Doktor der Medizin, erschlägt nach vierzig Ehejahren seine Frau mit einer Axt. Er zerlegt sie förmlich, bevor er schließlich die Polizei informiert. Sein Geständnis ist ebenso außergewöhnlich wie seine Strafe. Ein Mann raubt eine Bank aus, und so unglaublich das klingt: er hat seine Gründe. Gegen jede Wahrscheinlichkeit wird er von der deutschen Justiz an Leib und Seele gerettet. Eine junge Frau tötet ihren Bruder. Aus Liebe. Lauter unglaubliche Geschichten, doch sie sind wahr.
Unsere Meinung:Die Sparte "True Crime" oder "Wahres Verbrechen", wie es im Deutschen so vieldeutig heißt, ist ein kleiner Randbezirk der Kriminalliteratur. So erscheinen im deutschsprachigen Raum wohl nur knapp 50 Titel pro Jahr, die sich belletristisch und in aller Öffentlichkeit mit dem Thema tatsächlicher Kriminalität beschäftigen. (Sachbücher zum Thema Groß- und Staatsverbrechen wie jene unter der Nazi-Diktatur einmal ausgeklammert.)
Nun hat genau in diesem literarischen Randbezirk ein Berliner Rechtsanwalt mit einer bemerkenswerten Neuveröffentlichung sein schriftstellerisches Debüt gegeben. Sein Buch trägt den griffigen Titel "Verbrechen" und beschäftigt sich aus der Täterperspektive auch dezidiert mit demselben. Der Autor heißt Ferdinand von Schirach und hat in seiner eigenwilligen Karriere als Anwalt und Strafverteidiger offenbar schon viel erlebt. Folgerichtig hat er auch einiges zu erzählen: In seinem Buch, das mit "Stories" untertitelt ist, gibt er Geschichten aus seiner über 15jährigen Anwaltspraxis preis. Es sind "lauter unglaubliche Geschichten, doch sie sind wahr", wie uns der Klappentext versichert. Und so sind wir beim Durchblättern schon ein erstes Mal irritiert: Wie hält es denn der Mann mit seiner beruflich auferlegten Schweigepflicht? Veröffentlicht er seine wahren Geschichten mit dem Einverständnis der Betroffenen? Dazu verlieren nämlich weder der Autor noch der Verlag seltsamerweise kaum ein Wort. Nur zwei Mottos am Anfang und Ende über die Unschärferelation von menschlichen Wahrheiten, Wahrnehmungen und Wirklichkeiten mögen vage darauf hindeuten, dass Schirach sich hier doch etwas erzählerische Freiheit herausnimmt und mit seinen Lesern vielleicht auch sein literarisches Spiel treibt. (Fair ist das jedoch erst mal nicht.) Natürlich ist der sorgfältige Umgang mit der juristischen Schweigepflicht und der Persönlichkeitsrechte seiner Klienten für einen Anwalt eine schlichte Selbstverständlichkeit, wie der Autor kurz nach Erscheinen seines Buches andernorts auch schnell klarstellt (vgl. u.a. "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" - Johanna Adorján im Gespräch mit Ferdinand von Schirach. In: FAZ.net vom 08.09.2009 unter http://www.faz.net/s/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101/Doc~E9EB22EDD72DA4E3285BC7DBD8B23D89A~ATpl~Ecommon~Scontent.html). Dennoch wäre ein kurzes, vielleicht sogar persönliches Begleitwort oder eben auch ein solches erläuterndes Interview dabei deutlich erhellender gewesen, als die tendenziell marktschreierische Geheimnistuerei zwischen reiner Story und unglaublich wahren Verbrechen. Fernab von solchen begleitenden Betrachtungen sind Schirachs Geschichten auf den ersten Blick und in der Art, in der sie erzählt werden, keine reinen Schilderungen von Mord und Totschlag. Es sind offenbar ebenfalls keine Fallstudien über das Gute und Böse im Menschen. Nach Seite 206 und dem Ende des Buches holt uns dieser Gedanke allerdings wieder ein, wonach Schirachs Stories beim zweiten Nachdenken wiederum genau solches nahe legen: Nichts ist so wie es scheint. In der Theorie wie im wirklichen Leben. In dieser überaus prekären Ambivalenz erzählt Schirach knapp und trocken elf Geschichten über Menschen, denen eines Tages jeweils ihr eigenes Verbrechen über den Weg läuft, ohne dass sie dem Bösen zuvor vielleicht begegnet oder dass es ihnen bewusst geworden wäre. So geraten zum Beispiel in der Erzählung "Tanatas Teeschale" ein paar naive Berliner Kleinkriminelle nach einem Einbruch in einer Zehlendorfer Villa in einen Strudel von Gewalt und existenziellen Notstand, als sie zunächst von einem brutalen türkischen Mafioso abkassiert werden und danach hilflos und zitternd miterleben müssen, wie auch dieser dicke Fisch von einem noch größeren Fisch aufgefressen wird. Nun, andere Figuren des Buches wissen wiederum ganz genau, was sie tun, weil Macht und Gewalt zu ihrem alltäglichen Selbstverständnis gehört. Allein der "noch größere Fisch" Tanata weiß, wovon hier die Rede ist. Schirach erzählt seine zum Teil etwas unheimlichen Geschichten trocken und knapp. Dennoch weht gleichzeitig in fast allen Geschichten mit all ihrer menschlichen Tragik ein feiner schwarzer Humor durch die Zeilen, der trotz dem ernsten Charakter der beschriebenen Verbrechen beinahe erfrischend wirkt. Erzählungen wie "Tanatas Teeschale" kommen insgesamt sogar richtig witzig daher, obwohl die darin beschriebenen (echten!) Typen wahrlich keine angenehmen Zeitgenossen sind. Solche Episoden erinnern mitunter sogar ein wenig an die Ästhetik von den Stories in Filmen wie "Pulp Fiction" oder "Short Cuts". So strahlt "Tanatas Teeschale" wie übrigens auch die Story "Notwehr" mit dem mysteriösen namenlosen Opfertäter eine gewisse prekäre Coolness aus. Und gerade dabei kommt man dann bei diesem Buch ein weiteres Mal ins Stutzen. Der aber durchaus vorhandene erzählerische Ernst Schirachs wird in Geschichten wie "Das Cello", "Der Igel" und vor allem in "Der Äthiopier" und der märchenhaften Odyssee des Franz Xaver Michalka um einiges deutlicher. Michalkas Existenz beginnt als Findelkind. Nach unglücklicher Kindheit verschlägt es ihn im Erwachsenenleben zu einer eher unfreiwilligen kriminellen Karriere, die in bald dazu zwingt, sich in einer völlig irren und ziellosen Flucht nach Afrika abzusetzen. Dort geht er mittellos und schwer an Malaria erkrankt fast vor die Hunde. Doch er hat Glück, überlebt und findet sein Glück in der Fremde, bis ihn das Pech wieder einholt ... - Dass all dies für Michalka in einem deutschen Gerichtssaal endet, wo schließlich sein Leben "gerettet" wird, ist auf schöne Weise glaubhaft und trotzdem absurd. Schirachs Geschichten sind "Short Cuts" in unsere moralische Vorstellung von Gut und Böse. Nichts ist eben so wie es scheint. Sicher sind seine Fälle durchgehend von der außergewöhnlichen Art – erst das macht sie ja erzählenswert. Er hat seine Geschichten aber durchaus geschickt ausgewählt, wie die bereits erwähnten und durch und durch ambivalenten Stories "Tanatas Teeschale" und "Notwehr" zeigen, wo er es versteht, bei den Lesern nicht nur eine gewisse Schadenfreude, sondern durchaus auch mitempfundene Rachegefühle wachzurufen. Schirachs reduzierte Erzählweise entfaltet bei allen elf Geschichten ihren eigenen Reiz. Sein durch und durch lakonischer Stil wirkt eigenartig wohltuend bei seinem düsteren Gegenstand, wo doch bei Verbrechen sonst allzu oft nur nach reinen Fakten und Indizien gefragt und gesucht wird, die in möglichst erhellenden Erklärungen oder abschließenden Auflösungen münden sollen. Schirach erzählt, aber er erklärt nicht. Konsequenterweise tritt der Anwalt Schirach als jeweils mitwirkende Person der Handlung gegenüber seinen ehemaligen Klienten und jetzigen Erzählfiguren meist in den Hintergrund. Dennoch offenbart sich auf den zweiten Blick genau hier eine bemerkenswerte Schwäche des Buches. Die Geschichten sind in der Gesamtschau teilweise so unglaublich, dass sie eben auch erfunden sein könnten. Schirach legt die Hintergründe seines "Wahrheitsanspruchs" jedoch nicht deutlich offen, so dass dieses Moment in dieser Form zum reinen Argument für die Verlagswerbung verkommt. Und fast begleitend legt seine nüchterne Erzählhaltung einen weiteren Nachteil an den Tag: In der Personalunion von Geschichtenerzähler und Handlungsfigur mit realem Hintergrund wird nur selten wirklich klar, in welchen prekären Situationen und Gefühlslagen sich Strafverteidiger wie Schirach persönlich befinden. Dabei geht es in diesem Buch doch eindeutig um die Dunkelzonen und Zwischenbereiche von Wahrheit und Wirklichkeit, Recht und Gerechtigkeit, Moral und Gesetz. Trotz allem sind diese ziemlich großen Themen in den Erzählungen Schirachs überraschenderweise nicht wirklich oder weitergehend verarbeitet, sondern er transportiert sie eigentlich nur en passant und seltsam unpersönlich durch seine juristische Erlebniswelt. Dabei wäre sein Erzählstil durchaus tragfähiger gewesen, wobei ja nicht zuletzt seine durchgehende Täterperspektive vor dem proklamierten Realitätsanspruch wiederum einige gesonderte Fragen aufwirft. Schirach ist zwar als Erzähler allzeit präsent, als denkende und fühlende Erzählfigur jedoch relativ stark unterbelichtet. Hierin wendet er uns überraschenderweise fast wie die Figur auf dem Titelbild buchstäblich den Rücken zu und lässt uns mit seinen Geschichten allein. (Aber die "Fälle" stehen eben nicht für sich allein!) So hätte nur zum Beispiel eine dezente weitere Story um die Erzählfigur Schirach selbst dem Buch wohl einen ganz anderen Rahmen und Anstrich gegeben und noch einmal ein anderes Licht auf den Umgang mit seinen "Härtefällen" geworfen. Fazit: Ferdinand von Schirachs "Verbrechen" können wir ohne Weiteres als ein genauso gelungenes wie diskussionswürdiges Debüt bezeichnen. Allein schon für den Bereich "True Crime" ist es für mich in seiner Ambivalenz (und trotz seiner Schwächen) allemal eines der bemerkenswertesten Bücher seit langem. [ hs/12.09.2009 ]
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Krimi-Specials
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