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Lansdale, Joe R. KahlschlagOriginaltitel: Sunset and Sawdust
Unsere Meinung:Jedes neue, ins Deutsche übersetzte Buch von Joe R. Lansdale ist für mich ein Ereignis. Doch nicht alle seine Bücher gefallen mir gleich gut. Die Hardcore-Bücher wie "Akt der Liebe" beim Pulp Master Verlag und "Nightrunners" bei Rowohlt waren zum Beispiel nicht so ganz mein Fall. Auch "Drive-In" (wiederum bei Pulp Master) hat mich sehr beeindruckt, aber nicht berührt.
Da ist die Serie um Collins/Pine schon eher mein Fall. Laut, politisch unkorrekt, brachial komisch! Die finde ich alles in allem mehr als großartig. Das nicht zuletzt deshalb, weil die freche und offene Gangart der Serie meinen Lesehorizont erweitert hat. Und: sie macht verdammt viel Spaß (ob sie über die Jahre nun bei Rowohlt, DuMont oder beim Shayol Verlag erschienen ist). Mein größtes Lesehighlight in Sachen Lansdale war bisher allerdings "The Bottoms", im Deutschen unter dem Titel "Die Wälder am Fluß" bei DuMont erschienen (und leider seit langem vergriffen). – War. Denn nun ist "Kahlschlag" ausgelesen, und das Fazit fällt durch die erzählerische Urkraft, Wucht und Stärke des Romans ziemlich leicht: "Sunset and Sawdust", so der amerikanische Originaltitel, ist mein absoluter Favorit von Joe R. Lansdale! Es ist sein Meisterwerk! Definitiv! Alles was ich an Joe R. Lansdale bereits so besonders schätzte, vor allem seine erzählerische Wucht, seine liebevoll ausgestaltete Personenzeichnung und sein brachiales erzählerisches Staccato, das einen in ein wahres Wechselbad der Gefühle versetzt, tritt in dem texanischen Südstaatenepos aus den 30er Jahren besonders zutage. Selten zeichnet heutzutage ein Romancier des Krimigenres seine Haupt- und Nebenfiguren in einer solchen Menschlichkeit – aber auch in einer solchen ambivalenten Erbarmungslosigkeit. Und so durchzieht "Kahlschlag" ein ganz und gar bemerkenswerter Ton, der seinesgleichen sucht. Die menschliche Verfangenheit, Verwerflichkeit und Tragik tritt hier von Seite zu Seite in einer solchen Sättigung und Ausprägung auf, dass man sich bei der Lektüre zuweilen die Augen reibt. (So scheint mir der Lansdale-Ton übrigens auch nichts für sanfte Gemüter.) Die Vorgehensweise Lansdales wirkt so relativ einfach wie bestechend: Beginnend mit einer kurzen, prägnanten Vorstellung der Figuren arbeitet er sie sorgfältig in seinen Plot ein und lässt sie langsam im Beziehungsnetz der gesamten Figurenkonstellation an Bedeutung und Leben gewinnen. Kaum eine Figur fungiert bei Lansdale jemals als "Dekor" oder reiner Platzhalter. Jede offenbart sich im Guten wie im Bösen als Mensch. Das klingt so einfach und beinahe banal, aber letztlich verbirgt sich hinter solchen Erzählmustern eine schriftstellerische Handwerkskunst, die eine exzellente Balance zwischen alten und neuen Erzähltraditionen bildet. So oder ähnlich haben schon, meiner Meinung nach, Herman Melville oder Mark Twain oder auch Autorinnen wie Harper Lee geschrieben. Der erzählerische Antrieb scheint mir bei Lansdale ganz ähnlich. Die Hartnäckigkeit in der Umsetzung ebenfalls. Sie fragen sich bei all diesen vorweggeschickten Lobeshymnen vielleicht, worum es in dem Roman "Kahlschlag" eigentlich geht? – Darum geht’s: Amerika in den 30er Jahren. Depressionszeit. Sunset Jones, eine junge Frau in Osttexas wird zum wiederholten Male von ihrem Mann Pete verprügelt und misshandelt. Aber dieses eine Mal, während ein schwerer Hurrikan über den texanischen Landstrich fegt, wehrt sie sich nach einer solchen Demütigung und erschießt ihren Ehemann und Peiniger. Ausgerechnet die Mutter des Toten, Marilyn, ihre Schwiegermutter, die einflussreiche Besitzerin der einzigen Sägemühle des Ortes, billigt nach weiteren dramatischen Ereignissen die Tat als Notwehr und schlägt Sunset danach sogar zur Nachfolgerin ihres Sohnes als Deputy vor. Die bald einberufene Gemeindeversammlung zeigt sich überrascht, wird aber mit Geld und guten Worten überzeugt. Und von nun an ist Sunset der erste weibliche Sheriff von Texas. Und das bedeutet zuerst einmal, da weiterzumachen, wo Pete zwangsläufig aufgehört hatte: Es geht um einen Doppelmord, Grundstücksspekulationen und den zu dieser Zeit allgegenwärtigen Hass auf alles Andere im Allgemeinen und die als "minderwertig" betrachteten Frauen und Farbigen im Besonderen. Lansdale wäre nicht Lansdale, wenn er dieses – sein Grundthema – hier nicht erneut und gezielt anbringen würde. Kaum eine Zeit brachte jenen krankhaften und widerlichen Rassenhass oder auch ein absolut lächerliches und verlogenes Rollendenken stärker zum Ausdruck als jene 30er Jahre. (Und das nicht nur im schwülen Mikrokosmos eines ärmlichen osttexanischen Landstrichs.) Lansdale demaskiert die völlig überheblich daherkommende Dummheit der Rassisten, er prangert sie förmlich an, und die Leserschaft folgt ihm ohne Weiteres in seinem verletzten Menschen- und Gerechtigkeitsgefühl. Trotz aller seiner "kleinen Schicksale" und Lebensgeschichten spannt "Kahlschlag" so insgesamt doch einen sehr weiten Bogen. Für nachfühlende Leser/innen reicht die Bandbreite der Emotionen dann auch von Staunen bis Lachen, man fiebert förmlich mit und erschauert, es kommen einem manchmal sogar fast die Tränen. – Wer einen derart in ein Wechselbad der Gefühle versetzen kann, der muss eigentlich schon der höheren Erzählkunst befähigt sein ... Lansdale als Erzähler ist radikal in seiner Vorgehensweise: Eine Existenz spielt sich immer ab zwischen prallem Leben und vernichtendem Tod. Vor allem in extremen Situationen kommt man dem zweiten Pol ziemlich nahe. Dem trägt Lansdale eindeutig Rechnung und gibt diese Maxime auch keinem anderen erzählerischen Kalkül preis. Die Schönheit, die eventuelle Liebenswürdigkeit einer Figur garantiert nicht automatisch für deren Bestand oder langes Leben. Da verhalten sich Lansdales Romane aber letztlich nur wie das wirkliche Leben auch ... So mag hier vielleicht letztlich das Gute gewinnen, - aber mit welchen Verlusten, mit welchen furchtbaren Einschnitten ins Leben? P.S.: In den letzten elf Jahren Hammett habe ich vier wirkliche Tagträume in puncto Lesungen und Autorenvorstellungen in Berlin gehabt: Veranstaltungen mit Michael Connelly und Don Winslow haben sich auf schöne Weise verwirklicht. Die Autoren waren tatsächlich bei uns zu Gast und haben ihren Rang und ihre erzählerische Größe bei weitem bestätigt. Dennis Lehane und eben nicht zuletzt Joe R. Lansdale werden hoffentlich noch folgen. - Wir arbeiten dran ... [ ck/11.11.2010 ] Vergleichen Sie dazu auch unsere TV-Kritik unter: Joe R. Lansdale, Kahlschlag (ck/15.12.2010)
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