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Lansdale, Joe R. Die Wälder am FlussOriginaltitel: The Bottoms
Unsere Meinung:"Nachrichten verbreiteten sich nicht besonders schnell. Nicht damals. Nicht über Radio und nicht über Zeitungen. Nicht im Osten von Texas. Die Dinge waren anders. Was an einem Ort geschah, drang meistens nicht über ihn hinaus.
Neuigkeiten, die die Welt erschütterten, erschütterten auch uns. Aber über schreckliche Dinge in Bilgewater Oregon, die uns nicht betrafen, mussten wir nichts wissen, auch nichts über solche am anderei Ende des Staates, in El Paso, oder oben im Norden, im gottverlassenen Amarillo. Heute muss ein Mord nur besonders schrecklich sein oder sonst nicht viel los in der Welt – schon kennen wir alles jedes schmutzige Detail, selbst wenn es sich bei dem Mordopfer um einen Gemüsehändler aus Maine handelt, mit dem wir nie etwas zu tun hatten." (Romanbeginn von Joe R. Lansdale: Die Wälder am Fluss, S. 7) "Die Wälder am Fluss" erzählt die Geschichte des zwölfjährigen Jungen Harry Crane, der 1934 während der Depressionszeit zusammen mit seiner kleinen Schwester "Tom" in den osttexanischen Sumpfgebieten aufwächst. Die beiden Kinder finden eines Tages, als sie sich nach endlosem Herumstreifen bei anbrechender Dunkelheit in den Sumpfwäldern verirrt haben, die grausam zugerichtete Leiche einer Schwarzen. Entsetzt und voller Panik flüchten sie wie vom Teufel gejagt nach Hause, die Angst vor dem mysteriösen "Ziegenmann" im Nacken, ein Monster, das der Legende nach hier in den Sümpfen sein Unwesen treibt. Denn in ihren Augen kann allein der Ziegenmann für die bestialische Tat verantwortlich sein. Zuhause schenkt ihnen ihr Vater allerdings keinen Glauben. Er ist in ihrem kleinen Heimatort Marvel Creek nun allerdings der Hilfssheriff, nebenbei auch der Frisör, und er wird trotz dem Kindergeschrei doch ein wenig stutzig. - Sollten die Kinder Recht haben? Da Harry und "Tom" das Entsetzen aber noch lange ins Gesicht geschrieben steht, macht er sich anhand ihrer Beschreibung auf die Suche und findet in den Sumpfwäldern tatsächlich die Tote. Dem kleinen Provinzsheriff schwant darauf bald, dass er es hier mit einem verrückten Serienmörder zu tun hat, spätestens als kurze Zeit danach weitere Leichen gefunden werden. Der Fall liegt entwickelt sich schwierig: Das zunächst vermutete rassistische Motiv über Negerhass lässt sich offenbar ausschließen: Unter den Opfern befinden sich nun auch weiße Frauen. Das versetzt nun wiederum die kleine Südstaatengemeinde in helle Aufruhr, und schon bald entflammt in dem völlig aufgeheizten Klima voller gegenseitiger Verdächtigungen blanker Hass und gegenseitiger Rassismus. Die Stimmung von "Die Wälder am Fluss" spiegelt die Motive einiger großer amerikanischen Romane wieder, nicht zuletzt Harper Lees "Wer die Nachtigall stört". Auch mögen sich manche mit dem Südstaatendrama an Faulkners Romane erinnert fühlen. - Lansdales "Kniff" ist allerdings wieder einmal sein routiniertes Spiel mit der Erzählperspektive. Problemlos und einfühlsam erzählt er die Geschichte um den zwölfjährigen Harry Crane rückblickend aus der Gegenwart eines inzwischen achtzigjährigen Harold Crane. Lansdale, der schon in verschiedensten Genres zu glänzen wusste und dabei mithin Herausragendes leistete, schafft es, mit diesem ebenso poetischen wie tragischen Familienroman eine längst vergangene, aber nicht allzu ferne Zeit zum Leben zu erwecken. Und es mag sein wie in Filmen à la "The Green Mile" (USA 1999): Der Zuseher oder Leser ist extrem nahe an den Figuren dran, und ab einem bestimmten Punkt wallt plötzlich das Gefühl auf, als ob kein Auge trocken bleiben könnte: Dieser Roman rührt an, so sehr er auch mit Klischees und Versatzstücken der amerikanischen Literatur spielen mag. Er wirkt schlicht "ergreifend", so "abgegriffen" dieser Begriff auch sein mag. "Die Wälder am Fluss" ist nicht nur ein verdammt gutes Buch, das sich in der Erstausgabe 2000 wie auch in der Neuausgabe 2011 atmosphärisch und voller Poesie weit über den Mainstream der Spannungsliteratur erhebt, sondern der Roman ist – ernst gemeint - auch eine jener sehr seltenen Perlen, die der Kriminalliteratur zu fortwährendem Glanz verhilft. Joe R. Lansdale gilt mit seinen über 30 Romanen in den USA und anderen Ländern schon lange als Kultautor, wobei er hierzulande lange das triste Dasein eines Geheimtipps fristete, der von Verlag zu Verlag weitergereicht wurde. Geändert hat sich das erst, seit sich der kleine Berliner Shayol/Golkonda Verlag mit Verleger Hannes Riffel und seinem Team um eine aufmerksame Autorenpflege kümmerte. Die Jahre zuvor hatten die Branchenriesen Rowohlt und DuMont gerade darin leider hoffnungslos geschlampt und letztlich sogar ganz versagt, als sie u.a. beide ihre Krimireihen einstellten und damit gerade Autoren wie Lansdale buchstäblich "kaltstellten". Erst in letzter Zeit beginnen übrigens wieder große Verlage, sich für "ihren" Autoren zu erwärmen. Doch hat ihnen dabei offenbar nur der ambitionierte Berliner Kleinverlag mit seinen erfolgreichen Arbeit den Weg dazu geebnet. Zu hoffen bleibt also trotz aller Buchmarktmechanismen, dass Joe R. Lansdale noch lange in seiner kleinen Verlagsheimat bleibt, denn hier scheint er sehr gut und allemal besser aufgehoben als bei den "Großen". Fazit: Wenn Sie Joe R. Lansdale noch nicht kennen oder kannten: Merken Sie sich diesen Autorennamen! [ ck/hs/25.02.2011 ]
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Krimi-Specials
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