Titel: Wo die Löwen weinen

Steinfest, Heinrich Wo die Löwen weinen

Drei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und ein Hund in einer Stadt, in der sich die Tragödie der Welt zur grandiosen Posse verdichtet. Sie alle führt das Schicksal mitten hinein in die Bodenlosigkeit eines umkämpften Großprojekts namens Stuttgart 21. Ein Archäologe wird auf eine geheimdiensthaft-kryptische Weise nach Stuttgart gerufen und wittert seine große Chance: Bei Probebohrungen im Schlossgarten wurde eine rätselhafte antike Apparatur gefunden. Ein Durchschnittsbürger, den die Wut über das Leben, seine Ungerechtigkeiten, der Zorn über die Willkür der Mächtigen zum Scharfrichter und Scharfschützen macht: präzise, geduldig, gefährlich. Der Münchner Kommissar Rosenblüt, der auf der Spur eines Falles in seine schwäbische Heimatstadt zurückkehren muss, wo er bereits einmal den hohen Herren zu nahe getreten ist und daher die Stadt eigentlich für immer hinter sich lassen wollte. Und ein Hund, ein rätselhafter, etwas verfetteter Streuner, dessen größtes Talent der Autor so beschreibt: "Niemand konnte so gut sitzen wie er. Eigentlich war es ein ästhetisches Verbrechen, diesen Hund zur Bewegung zu zwingen." "Hammett"-Krimi des Monats März 2011. Sehen Sie dazu auch unsere ausführliche TV-Kritik vom 21.04.2011 unter: Heinrich Steinfest - Wo die Löwen weinen

Autor: Steinfest, Heinrich
Titel: Wo die Löwen weinen
Jahr: 2011-02
Seiten: 289 | Hardcover
Verlag: Theiss
ISBN: 978-3-8062-2423-8
Preis: 19.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Ich möchte nicht todt und begraben seyn // Als Kaiser zu Aachen im Dome; // Weit lieber lebt' ich als kleinster Poet // Zu Stukkert am Neckarstrome." (Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen, Caput III) "Aus dem Interesse für diese Stadt erwuchs zum ersten Mal im Leben des Hans Tobik ein Gefühl der Liebe. Nicht bloß diese Herzchenliebe, mit der auf T-Shirts eine Zuneigung bekundet wird, die vor allem dramatischeren Orten wie New York oder Berlin gilt, sondern jenes tiefe Empfinden für einen Ort, dessen Magie man erkennt. Tobik wurde klar, daß die Stadt einen lebenden Organismus darstellte, in der Art eines Korallenriffs, eine Lebensgemeinschaft von Architektur, Natur und Mensch. Die spezielle Topographie der Stadt, der glückliche Umstand der vielen Hanglagen und damit die Möglichkeit, oben auf den Hügeln stehend das Gefüge als Ganzes oder Zusammenhängendes betrachten zu können, führte dazu, daß er Stuttgart als ein lebendiges, atmendes Wesen begriff." (Heinrich Steinfest: Wo die Löwen weinen, S. 80 f.) Im Stuttgart der Gegenwart herrscht zur Zeit noch immer ein großes Theater. Sie wissen schon: Der Streit um das sogenannte "Stuttgart 21", dem umstrittenen Bahnprojekt. Viele unter Ihnen können vielleicht schon nichts mehr davon hören von dieser Provinzposse, die sich zur wahren Staatsaffäre ausgeweitet hat. Doch man hätte es ja schon von Anfang an wissen können, schon der Titel des Projektes hätte einen stutzig machen müssen angesichts ähnlich benamster maliziöser Projekte wie die Agenda 2010, Hartz I.-IV., Berlin Olympia 2000 (recht peinlich in den märkischen Sand gesetzt) und auch jetzt wieder München Winterolympiade 2018 (Mitbewerber Pjöngjang möge da bitte doch noch helfen!). Der Österreicher Heinrich Steinfest hat nun einen Kriminalroman geschrieben zu Stuttgart 21. Ja, das hat gerade noch gefehlt, mag sich mancher denken. Doch Steinfest lebt halt seit Jahren "aktiv" in diesem Stuttgart und weiß deshalb immerhin, wovon er und wozu er einen solchen Kriminalroman schreibt. Und wohl auch deshalb hat der "Aktivist" seinen Roman als Satire und Posse angelegt. "Dies ist ein Roman über das Vorhaben, eine Stadt zu ermorden. Nie erschien mir die Form des Kriminalromans passender, zwingender, befreiender." (Heinrich Steinfest) Diese genauso kriminelle wie schwarzhumorige Schwabenposse hat es also ziemlich in sich: Mehr oder weniger durch einen Zufall ermittelt der Münchner Kommissar Rosenblüt an einem Fall der gewalttätigen Erpressung. Betroffen davon ist der renommierte Geologe Uhl, dessen Sohn von einer türkischen Jugendbande übel drangsaliert wurde, um den Professor zum Schweigen zu bringen. Schweigen worüber? - Rosenblüt, der vor einiger Zeit von Stuttgart nach München versetzt wurde und von seinen mächtigen Vorgesetzten vor allem wegen seiner missliebigen Ermittlungserfolge aus dem Schwabenländle hinauskomplimentiert wurde (vgl. Steinfests Cheng-Roman "Ein sturer Hund"), diesem Rosenblüt also kommt die Sache mit dem Geologieprofessor etwas spanisch vor (derweil sie ihm wohl eher schwäbisch vorkommen sollte). Denn Uhl schweigt beharrlich über die möglichen Gründe der Erpressung. Seltsamerweise wurde derweil auch er vor kurzer Zeit von seinen Vorgesetzten aus Stuttgart fortgelobt, da seine Arbeit am Stuttgarter Großprojekt zum Bahnhofsneubau nicht die gewünschten Ergebnisse gezeitigt hat. Oder noch schlimmer: womöglich weiß er etwas, was er so eigentlich gar nicht mehr wissen dürfte bzw. besser schnell wieder vergessen sollte. Die Spur in diesem Fall, der für den Mordermittler Rosenblüt eigentlich gar kein Fall ist, führt diesen also directement in die Hauptstadt Baden-Württembergs. Dort in Stuttgart toben derweil die politischen Kämpfe der sogenannten "Wutbürger" gegen politische Korruption und Vetternwirtschaft, gegen Amtsanmaßungen und Herrschaftswillkür. Nun könnte Rosenblüt das alles ziemlich schnuppe sein, wenn er nicht a) seine Stadt so sehr hasslieben würde und wenn er nicht b) vor Ort auf einen zwielichtigen Waffenhändler stoßen und durch ihn erfahren würde, dass ... ... dass da in Stuttgart offenbar ein entfesseltes Exemplar der Wutbürger unterwegs ist, fest entschlossen, der Freiheit und Gerechtigkeit per tödlichem Präzisionsgewehr Luft zu verschaffen. "Mit einem Wesen kann man befreundet sein oder in Feindschaft leben. Nicht wenige Leute in dieser Stadt, so kam es Tobik vor, empfanden sich als Gefangene diesen Ortes. Vor allem jene, welche die Schönheit eines Riffs gerne mit seiner Größe verwechselten, somit meinten, ein mittelgroßes Riff sei automatisch auch ein mittelmäßiges, ein großes immer auch ein bedeutendes. Weil diese Leute nun aber ständig von ihrem Ehrgeiz getrieben waren und gleichzeitig die eigene Bedeutungslosigkeit im Blick hatten, gaben sie der Stadt die Schuld. Sie behaupteten eine Provinzialität Stuttgarts, um sich die eigene Provinzialität zu erklären. Tobik freilich wusste, dass dies ein Irrtum war. Er erkannte die Würde des Ortes und die Würdelosigkeit derer, die meinten, die Stadt würde sie gar nicht verdienen, während in Wirklichkeit sie die Stadt nicht verdienten." (Heinrich Steinfest: Wo die Löwen weinen, S. 81) Der erwähnte "Sniper" und selbsternannte Rächer ist nun jener Hans Tobik, ein vom Leben gebeutelter Handelsvertreter. Und so penibel und akkurat sein bisheriges bürgerliches Leben bis zu seinem persönlichen Unglück abgelaufen war, so penibel und akkurat plant er nun auch seine "politischen" Anschläge auf die Urheber von "Stuttgart 21" ... Wenn das hier doch nur schon der ganze Plot der steinfest’schen Geschichte wäre! (Das "Ende" würden wir Ihnen in einer Krimikritik jedoch ohnehin nicht verraten.) Aber bei Heinrich Steinfest kann man ja nie sicher sein, was sich im nächsten Buchkapitel wie hinter einem nächtlichen Park im Busch verbergen mag. Machen Sie sich also auf einiges gefasst, denn ähnlich wie schon in "Gewitter über Pluto" und "Batmans Schönheit" geht Steinfest nebenbei auf einen beinahe psychedelischen Trip ins Metaphysische und Phantastische. Er beschreibt diese Hintergründigkeiten seiner Geschichte aber so akribisch, beflissen und mit satirischem Ernst, lässt aus der Engführung seiner anrührend menschlichen Figurenzeichnungen alles so plausibel erscheinen, dass man ihm das alles fast durchgehend "abkauft". (Und die Parallelität der Fiktiv- und Realereignisse geben ihm nebenbei auch noch real-ironischer Weise recht, siehe u.a. nur den archäologischen Fund beim Berliner Roten Rathhaus.) Seine Geschichte wirkt dabei dieses Mal keineswegs als zu "abgedreht", sie könnte für meine Begriffe sogar noch viel radikaler erzählt werden. Und das ist vielleicht das einzige Manko an diesem Roman. Stellte zum Beispiel in einem von Steinfests früheren Romanen - "Ein sturer Hund" - die durchgeknallte Profikillerin nicht nur ein überragendes Spannungsmoment dar, sondern den eigentlichen Spannungsmotor, so wirkt Hans Tobik und die "Jagd" nach ihm demgegenüber doch recht blass und etwas antriebslos. Dazu mag das erzählerische Drumherum stellenweise auch fast ein wenig unglaubwürdig und verworren wirken. Dennoch kann bzw. könnte der Rezensent das dem Autoren selbst dann nicht wirklich übel nehmen; - da dieser hat ihn ganz nebenbei wieder einmal mit einer Vielzahl von schönen und unvergesslichen Zitaten beschenkt. (Mein Leseexemplar strotzt wieder einmal nur so vor Eselsohren ...) Das alles ist für einen Kriminalroman natürlich sehr ungewöhnlich, und so wie die Sätze mit ihren fein abgewogenen Worten und Gedanken durch die Seiten mäandern, so gelangen sie doch an ihr subversives Ziel: "Die Kunst des Schwindelns war eine allgemeine, praktiziert von jedermann, so wie auch jedermann die Kunst des Schwindelns vom Verbrechen der Lüge strikt trennte. Gutes Schwindeln galt ja nicht mal als Halblüge, sondern als kluge Kommunikationsform, die Wahrheit hingegen als dumpf. Die guten Schwindler verachteten die Lügner gleichermaßen wie die, die sich etwas aus der Wahrheit machten, denen, wie es hieß, auch noch der kreative Geist fehlte. Ein strenger Kritiker hätte jetzt den Projektbetreibern vorwerfen können, beim Fälschen der Zahlen, bei der Manipulation der Expertisen und gerichtlichen Entscheide sowie der Vertuschung der wirklichen Interessen ohne jene Virtuosität vorgegangen sein, die einen guten Schwindler auszeichnet. Ebenso übrigens wie die Gabe des guten Schwindlers, die Geschichte, die man anderen auftischt, präzise im Kopf zu behalten und nicht im Zuge ständig neuer Auftischungen in Widersprüche zu geraten, als hätte man gleichsam zwei Frauen die Ehe versprochen, zudem Frauen, die sich kennen. Dank derartiger Ungeschicklichkeit wird der Schwindler zum schlechten Schwindler, schlimmer noch, zum Lügner und verliert den Respekt." (Heinrich Steinfest: Wo die Löwen weinen, S. 84) Fazit: Heinrich Steinfest mischt sich mit seinem Roman in eine aktuelle politische Diskussion ein, was für einen deutschsprachigen Kriminalroman allemal schon ziemlich außergewöhnlich ist. Sein Angriff auf die Arroganz der Macht, auf die Selbstverständlichkeit und Selbstherrlichkeit ihrer Herrschaftsansprüche, sowie seine Seitenhiebe auf die schockierend verlogene politische Moral ist entlarvend. Diese degenerierte Macht mit ihren medial auf Hochglanz polierten Vertretern verrückt sich bei genauerer Prüfung nämlich leider und allzu schnell in die Nähe von Betrügern und Verbrechern. "Wo die Löwen weinen" ist in seiner schalkhaften Erzählform der Krimiposse für meine Begriffe alles andere als ein "kleiner Roman", sondern auf irre Weise beinahe schon ein "großes Welttheater". [ hs/05.03.2011 ]
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