![]() |
Oates, Joyce CarolZombieAus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann.
Status: Vergriffen Preis: 9.00 EUR Unsere Meinung:"Dann kommt jemand zu mir rüber, eine Lehrer-Fotze mit dicker Brille & fragt, wer ich bitte bin. Ich dreh mich zu ihr um, kein bisschen erstaunt & sage, als wenn das die selbstverständlichste Antwort auf eine saublöde Frage ist: `Ich bin die Gegenwart, die hier an der Nahtstelle von Raum & Zeit steht - wer sonst?´"
(Joyce Carol Oates, Zombie, S. 141) In Tausenden von Krimis sind den Hammett-Rezensenten schon eine Menge von Serienmördern/-tätern oder -killern über den Weg gelaufen. Zumal sich die Serienmörderschaft mit Cornwell & Co. in den letzten Jahren endgültig in der Kriminalliteratur etabliert und in allen Formen sehr stark ausgeprägt hat. (Stehen wir hier vor einem Kulturphänomen?) Und was haben wir dabei nicht alles für Psychopathen und kaltblütige Mörder kennengelernt? Um es kurz zu vergegenwärtigen: Bei Bret Easton Ellis war es Patrick Bateman, der "konsumkritische" Killer, der es den Yuppies so richtig gezeigt hat. Bei Thomas Harris der morbid filigrane Hannibal Lector, der dem massenhaften Morden einen intellektuellen Anstrich gab. Bei Anthony Bruno (Romanvorlage) / David Fincher (Verfilmung) war es in "Seven" dann jener "John Doe", der dem Serienkiller-Motiv offenbar das hinzufügte, was ihm noch fehlte: eine metaphysische Komponente mit gottgegebener Strafe. Und dann der breite Strom der Nachahmer. Sie sind Legion. Das letzte Serienkiller-Epos, das mir in den Unmengen von "Schund" mehr als bitter aufstieß, war Jean-Christophe Grangés "Das schwarze Blut", ein obszönes Machwerk, das den Serienkiller endgültig zum genauso übermächtigen wie dämonischen Helden stilisiert. Der Serienkiller ist der Vampir der Gegenwart. Nur leider ist er an der Realität viel näher dran als das blutrünstige Fabelwesen blutarmer viktorianischer Gehirne. Und genauso bemerkenswert wie widerwärtig ist die gelinde gesagt laxe Haltung bestimmter Krimiautoren, mit einer Fiktion zu spielen, die schneller und problemloser Wirklichkeit werden kann, als es sich mancher obszöne Phantast an der heimischen Textverarbeitung zu träumen vermag. Nun ist das Thema eigentlich zu ernst, um damit billige Scherze zu treiben. Doch bei der Inflation von Serienkillerromanen ist eine gesunde sarkastische Reaktion auch nicht abwegig. Denn wir haben schon manches Mal den Eindruck, dass angesichts einer interessierten Öffentlichkeit sensationsheischend nach immer noch größeren Schockmomenten gesucht wird, dass sich Autoren/innen buchstäblich im wirklichkeitsnahen Horror und Grauen weiden. ("Sensation ist geil!" - nicht wahr?) Nun gestaltet sich der Auftritt von Quentin P., der in Joyce Carol Oates’ Roman "Zombie" als psychopathischer Serientäter sein Unwesen treibt, zu den oben genannten Vorbildern dann doch vergleichsweise differenzierter. Q.P., wie sich der ambivalente Ich-Erzähler selbst stolz nennt, ist im Grund zunächst nur ein verwöhnter und verzogener All-American-Boy, der all seinen Erziehungsberechtigten aus gut situierter Familie eindeutig über den Kopf gewachsen ist. Insgesamt scheint Q.P. aber - und das ist die eigentlich und unbewusst perverse Wirkung des Romans - wie weiland Goethes Werther oder der kleine Rebell in Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." - im ganzen Ton und Gestus das latente Lebensgefühl einer jugendlichen Generation widerzuspiegeln. Zumindest deutet das der atmosphärisch bedrückende Erzählstil der Autorin an. In diesem Fall: den Geisteszustand und das Lebensgefühl von (männlichen) Jugendlichen in den U.S.A. und anderswo, von denen sich heutzutage viele Tag und Nacht mit voller Gewalt aufgestauten Computerspielen am PC und nicht weniger bestialischen Filmen im TV die letzten lebensbejahenden Phantasien pornographisch austreiben. Die aber gleichzeitig täglich die Normalität von Waffen vor Augen geführt bekommen, - mithin die Normalität, diese Waffen auch anzuwenden. Um Missverständnissen vorzubeugen: Q.P. ist kein computerspielsüchtiger Amokläufer. Er ist Jahrgang 1963, hat also mit den Kids, die in Columbine, Erfurt oder Blacksburg/Virginia ihr Unwesen trieben, auf den ersten Blick nichts zu tun. Dennoch repräsentiert er Teile einer Jugend, die in den Strukturen der restriktiven Erwachsenen- und Berufswelt zwangsläufig scheitern oder zerbrechen muß. Verstümmelte Existenzen, die dann in ihren Selbstzeugnissen nicht mehr hinbekommen als ein pubertäres, monströses Gekritzel und Gestammel. (Man beachte: "Zombie" ist illustriert wie ein Kinderbuch. Der Ton, den Q.P. in seinem Bericht anschlägt ist oft abgehackt und insgesamt mehr als derb und ruppig.) Doch war es jenen positiven Helden der Jugendkultur Werther 1 und Werther 2 vorbehalten, eine genauso emotionale wie unverstandene Gefühlswelt ins Bewusstsein zu befördern, dabei aber die eigenen Triebenergien im schlimmsten Fall gegen sich selbst zu wenden, so befördern die negativen Helden à la Q.P. eine in ihrer durchschlagenden Wirkung praktisch irreparable Gefühlswelt von Hass und Gewalt zutage - die sich im Zweifelsfall nach außen wendet. Wie ist nun Oates’ Roman "Zombie" zu bewerten? - Auch Oates spielt mit Schock-Momenten. Daß ihre Innenansicht des Bösen jedoch nicht in konventionelle Muster des Serienkillerromans verfällt, verdankt der Roman ihrer bösen ironischen Erzählweise. Q.P. ist im Grunde eine schlicht genauso verkorkste wie eitle Existenz, die ihre homosexuelle Neigungen nicht ausleben durfte. Mit fatalen Folgen. Der Ablauf der Ereignisse, in der Q.P. während unzähliger Therapien zum genauso gewissenlosen wie bestialischen Serienmörder heranreift, ist der Verlogenheit seiner Familie und der Gesellschaft zu verdanken, wobei beide "Institutionen" gnadenlos auf den eigenen Status und die bürgerliche Generationenabfolge von erfolgreichen "white collars" bedacht sind. Das wirkt kritisch. "Zombie" bleibt aber trotz seiner Bezüge auf den tatsächlichen Fall des amerikanischen Massenmörders Jeffrey Dahmer letztlich doch relativ oberflächlich. Das liegt wohl daran, daß die Psychopathologie eines solchen extremen Täters wohl kaum adäquat in einem Unterhaltungs- und Kriminalroman dargestellt werden kann. (Gleichwohl sich im Grunde nebenbei die Frage stellt: Wo sonst?) - "Unterhaltungsliteratur" allerdings, das will der Roman offenbar dennoch bleiben. Wenn es ein "Krimi" dann dennoch schafft, nicht nur phantastische Imaginationen für eine moderne Sagenwelt zu schaffen, sondern auf den Kern des Bösen zu stoßen, dann hat man zweifellos große, das Genre übergreifende Literatur vor sich. Das ist bei Joyce Carol Oates aber nicht der Fall. Fazit: Der Roman "Zombie" ist insgesamt schwer zu bewerten. Es ist eine (hoffentlich) nicht alltägliche Lektüre mit kritischem Potenzial. Die Erzählweise und der heftige Erzählton des Romans ist beeindruckend, scheitert aber letztendlich an ihrem Gegenstand. Sein offenes Ende in vollendeter Normalität deutet schließlich darauf hin, wie sehr die Autorin sich ihres Schreibens bewusst war. "Mom hat angerufen & eine Nachricht hinterlassen, der Anrufbeantworter hat verrückt gespielt & fast alles gelöscht. Wollte wohl wissen, ob ich Weihnachten zum Essen komme." (Q.P. in: Joyce Carol Oates, Zombie, S. 210) Und deshalb vielleicht noch dies zur Warnung: So flüssig dieses fiktive Selbstzeugnis eines Serienmörders vielleicht zu lesen sein mag, so meilenweit entfernt ist dieser Roman doch von einfach genießbarer "Unterhaltung". [ hs/30.04.2007 ]
|
Krimi-Specials
Warenkorb:
![]()
Der Versand von neuen Büchern innerhalb Deutschlands ist für Sie bei uns versandkostenfrei.


