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Borrmann, Mechtild Wer das Schweigen brichtAugust 1939: Sechs junge Menschen geben sich das Versprechen, füreinander da zu sein. Während der Nazi-Zeit wird ihre Freundschaft auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Denn Verrat wird mit dem Tod bestraft.
Unsere Meinung:Van den Boom seufzte. "Herr Köbler, wenn der Tod von Frau Albers mit dem Fall Peters zusammenhängt, und Sie dumm genug sind, den gleichen Fehler zu machen wie die Dame, dann sollten Sie jetzt besser auf schnellstem Weg nach Hause fahren. Ich bin hier seit achtzehn Jahren zuständig und in der Zeit gab es zwei Drogentote und einen Mord im Affekt. Sterben Sie bitte in Düsseldorf und versauen Sie mir nicht meine Statistik." Der Journalist blickte ihn ungläubig an. Er fragte: "Woher wollen Sie wissen, dass das eine was mit dem anderen zu tun hat?"
(Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht, S. 132 f.) Mord am Niederrhein. Auf den ersten 40 Seiten dachte ich mir bei diesem Kriminalroman, der dezidiert eher ruhigere und nachdenklichere Töne anschlägt, das riecht ja alles nach Eintopf und Kohlsuppe. – Kennen Sie auch diesen winterlichen Geruch von Berliner Mietshäusern, der sich penetrant durch alle Treppenhäuser zieht, diesen provinziellen Geruch nach Grünkohl und Pinkel, diesen typisch deutschen Sauerkraut- und Kohl-Duft, der manchmal in der Nase hängt wie ein kollektiver Treppenhausfurz? Und da gibt es mithin Bücher, aus denen, wenn man ihre Seiten nur kurz aufschlägt, ein ganz ähnlicher Duft der Geistesgesinnung entgegenschlägt. Besonders in den Weiten der deutschen Kriminalliteratur trifft man derweil diesen Duft der großen deutschen engen Welt an. Und auf dem weiten Acker des Regionalkrimis herrschen übrigens nicht zuletzt Kohl-, Kraut- und Rübenanbau eindeutig vor. Aber nun bitte keine voreilige Angst: Bei Mechtild Borrmanns viertem Kriminalroman "Wer das Schweigen bricht" ist jenes schlechte Gefühl und der "olfaktorische" Verdacht dann doch recht schnell verflogen. Borrmanns Roman beginnt mit dem (natürlichen) Tod des Hamburger Unternehmers Friedhelm Lubisch. Sein Sohn Robert kümmert sich um den Nachlass des Vaters und stößt dabei auf einige recht seltsame Ausweisdokumente und eine Fotografie, die seine Neugierde anstacheln: Gibt es etwa dunkle Flecken auf der weißen Weste seines zu Lebzeiten so hoch angesehenen Vaters und einstmals auch so strengen Familienpatriarchs? Was genau haben der Pass des SS-Scharführers Wilhelm Peters und ein Frauenfoto mit seinem Vater zu tun? - Robert Lubisch forscht nach und verfolgt die Spur bis ins Niederrheinische, wo er bald auf die ehrgeizige Journalistin Rita Albers stößt, die sich auf einem alten bäuerlichen Anwesen aus der Großstadt zurückgezogen hat. Die Journalistin wiederum wittert bald eine gute Story. Robert Lubisch aber zeigt sich zunehmend verunsichert darüber, was er mit seinen Fragen und Nachforschungen alles aufwühlt. Da sind die alten Bewohner im Niederrheinischen derweil ganz seiner Meinung, denn vor etwa 60 Jahren haben sich hier in der Provinz während der Nazi-Zeit böse Geschichten von Freundschaft und Eifersucht, Angst und Willkür, Verrat und Mord abgespielt. Als Rita Albers dann kurze Zeit später tot und erschlagen in ihrer Küche aufgefunden wird, erweisen sich die Geschichten von damals als viel aktueller, als allen Beteiligten lieb sein kann. Die zahlreichen Motive von Mechtild Borrmanns Roman sind zweifellos eine Eigenschöpfung. (Und das in einer Zeit des Plagiats und der "Fremdschöpfung".) Dennoch kommen sie einem seltsam und sattsam bekannt vor. Man hat das alles schon einmal in ähnlicher Form woanders gelesen. Mich persönlich erinnerte "Wer das Schweigen bricht" stark an Kriminalromane wie Wolfgang Schorlaus "Das dunkle Schweigen" oder auch an Peter Robinsons "In einem heißen Sommer". An solche Vorbilder reicht Borrmanns Roman jedoch und leider nicht heran. Zu zurückhaltend ist ihre Erzählweise, zu leise die ihr innewohnende Kritik angesichts menschlicher oder gar unmenschlicher Dramen. Zu schwach ist für die Leser/innen leider die Identifikationsmöglichkeit mit einem/r Held/in, die in diesem Buch zweifellos von der Figur "Therese" hätte ausgefüllt werden können. Und trotz aller erzählerischer Routine und Versiertheit: So knapp ich kurze Erzählformen schätze, Mechtild Borrmann lässt hier konsequent jede Möglichkeit aus, mit ihrem Stoff ein "großes Drama" entstehen zu lassen. Der Plot und die hintergründigen Zeitbezüge hätten jedoch allemal Stoff genug dargeboten, angesichts nur "kleiner" menschlicher Schicksale sozusagen "großes Theater" zu inszenieren. Was sagte vor einiger Zeit der Krimikritiker Ulrich Noller zu einem Vorgängerroman Borrmanns? "... ihre Stimme ist einzigartig in der deutschen Krimilandschaft. Nicht weichgespült, nicht marktkonform, sondern eigen. Eine Autorin, die etwas zu sagen hat – und dafür auch noch die richtigen Worte, Sätze und Erzählweisen findet." (Ulrich Noller, Deutsche Welle, über "Mitten in der Stadt") Das mag durchaus stimmen. Aber einen Roman, aus dem das Leiden der Menschen förmlich herausschreit, in so ruhigen und lakonischen Tönen zu beschreiben, hat entweder was mit einem besonderen Stoizismus oder dem eigenwilligen niederrheinischem Naturell zu tun (was ich trotz meiner niederrheinischen Schwägerin nicht wirklich einzuschätzen vermag) oder eben vielleicht auch mit erzählerischen Unzulänglichkeiten, eine Geschichte in ihrer Größe in eine angesprochene Form zu fassen. Fazit: Der Rezensent ist deshalb ziemlich zwiegespalten. Mechtild Borrmann erscheint ihm sicher nicht als "begnadete", dann aber doch als eine wirklich gute und ernstzunehmende Erzählerin. Und ihr Roman "Wer das Schweigen bricht" wirkt trotz seiner NS-Thematik und vor allem wegen seiner komplexen Beziehungsdramatik keinesfalls konventionell oder zu abgedroschen. Vor allem an ihren Spannungsbögen könnte Borrmann meiner Ansicht noch arbeiten, denn "mitgerissen" hat mich ihr Krimi nun keinesfalls. In anderer Lesestimmung im derzeit ausklingenden Winter hätte ich das Buch wahrscheinlich einfach weggelegt, vergessen und kein weiteres Wort darüber verloren, geschweige denn es fertiggelesen. Was ich, nachdem ich es dann aber tatsächlich doch fertiggelesen habe, absolut hervorheben will: Die Autorin hat wirklich etwas zu erzählen. Und dieser erzählerische Ernst kommt keineswegs mit blödem hochheiligem Ernst oder erzählerischen Mätzchen daher, sondern mit einem wirklich bemerkenswerten Bemühen, in die Seelen und Psychen der Menschen und Erzählfiguren genauer und tiefer hineinzuspüren. - Und so trägt übrigens nicht zuletzt Mechtild Borrmann ihren Teil zu einem bisher wirklich bemerkenswerten Frühjahrs-Krimiprogramm 2011 des Bielefelder Pendragon Verlags bei. [ hs/01.03.2011 ]
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Krimi-Specials
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